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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-13 · 41 (13.10.1874) · p. Seite 329

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
41 (13.10.1874)
Date
1874-10-13
Page
Seite 329 (sequence 9)
Language
German
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Düsseldorf, 28. September. Die königliche Regierung zu Düsseldorf hat den nachstehenden Erlaß publicirt: ״Der Herr Minister der geistlichen Unterrichts- und Medicinal-Angelegenheiten hat sich in Betreff der Beaufsichtigung der jüdischen Schulen dahin ausgesprochen, daß die jüdischen gleich den christlichen Schulen neben der stattfindenden Local - Aufsicht, der Aussicht des betreffenden Kreis-Schulinspectors zu unterstellen sei. Hiernach bestiinmen wir Folgendes: 1. Die sämmtlichen jüdischen Schulen unseres Bezirks werden hiermit der Aufsicht der von uns ernannten königl. katholischen Kreis - Schulinspectoren unterstellt, wovon allen Betheiligten Mittheilung zu machen ist. 2. Außerdem ist für eine jede jüdische Schule unseres Bezirks, so weit dies noch nicht geschehen sein sollte, ein dem Kreis-Schulinspector untergeordneter besonderer Local-Schulinspector zu ernennen, zu welchem Zwecke uns geeignete Persönlichkeiten binnen 4 Wochen in Vorschlag zu bringen sind. In gleicher Zeit sehen wir der Anzeige darüber, daß die Uebergabe der Schulacten an die neuen Kreis-Schulinspectoren geschehen ist, entgegen. Düsseldorf, 19. September 1874. Königl. Regierung, Abth. des Innern, v. Juncker. — Von der ״Jüdischen Gemeindeschule zu Thvrn liegt uns ein interessanter Jahresbericht" vor. Diese Schule theilt sich in eine Elementarschule für die untersten 3 Altersklassen, welche von 74 Schülern besucht wird und in eine Religionsschule für Kinder reiferen Alters — bis zur Confirmation, — in welcher am Schluffe dieses Jahres in 3 Classen 56 Knaben und 96 Mädchen, zusammen also 152 Schüler unterrichtet wurden. Der Unterricht in der Religionsschule, die uns hier vorzüglich interessirt, erstreckt sich bei den Knaben aus Bibelübersetzen, biblische und jüdische Geschichte; bei den Mädchen auf jüdische und biblische Geschichte und Gebetübersetzen. Wir sehen: der sogenannte ״Systematische Religionsunterricht" feh lt ganz. Das ist neu; und doch — können wir der Anschauung nicht alle Berechtigung versagen, wenn der übrige Unterricht durchaus sachgemäß und systematisch ist und durch einen tiefgehenden Confirmandenunterricht ergänzt wird. Unser Lehrplan des Religionsunterrichts, den wir in den letzten Nummern des ״Jsr. Lehrer" begonnen haben, wurde durch Eingehen jener Zeitschrift unterbrochen. Indem wir uns vorbehalten, ihn zu Ende zu führen, sobald Raum (in dieser Zeitschrift) und Zeit es zulassen, wir hier die erläuternde Einleitung zu dem genannten Berichte durch unsere Zeitschrift einem größeren Publikum vorlegen. Red. d. I. V׳ ״Es ist unstreitig ein Fortschritt unserer Zeit, wenn man wieder zur Ueberzeugung zurückgekehrt ist, daß die Bibel den wesentlichsten Lehrstoff des Religionsunterrichts bilden müsse. Dafür gibt es kein Ersatzmittel; was durch den Bibelunter richt, so er zweckmäßig gehandhabt wird, erzielt werden kann, das läßt sich von den besten Lehrbüchern, wenn auch nur theilweise, kaum erwarten. Denn was gewöhnlich im Gebiete des Könnens und Wissens schon als höchstes Ziel angesehen wird: Die Klarheit und Deutlichkeit in den Begriffen, die Schärfe und strenge Folgerichtigkeit im Urtheilen und Schließen, das ist bei dieser Disciplin nur Mittel zum Zwecke, nicht aber Zweck selbst. Hier sollen der Jugend Ideen und Ueberzeugungen beigebracht werden, die läuternd und veredelnd auf Geist und Gemüth wirken und ihrem ganzen Wesen jene unerschütterliche sittliche Basis gewähren, die zu einem wahr- Haft würdigen Menschenleben erforderlich ist. Denn es sind nicht Lehren und Grundsätze, die blos manchmal in's Leben eingreifen, sondern das ganze Dasein zu gestalten haben, zu deren Bethätigung also nicht blos hie und da Gelegenheit geboten ist, sondern die in jedem Momente auf das ganze Thun und Lassen des Menschen sich erstrecken. Sie müssen darum mit solch' unauslöschlichen Zügen in die Seele eingeprägt werden, daß sie ihr unter allen Verhältnissen und Wechselfällen ihrer irdischen Laufbahn als Leitstern dienen können und Charaktereigenschaften entwickeln, die dem Menschen die Kraft, den Muth und Willensstärke verleihen, zu jeder Zeit der Macht der Verführung zu widerstehen. Läßt sich dies aber durch starre Regeln und abstracte Lehrsätze schon erreichen? Werden sie wohl im Stande sein, derart das jugendliche Gemüth im Innersten zu erfassen und zu gestalten, daß sie fortan den geistigen Mittelpunkt bilden, von welchem alle Radien des sittlichen Wollens, Strebens und Verhaltens ausgehen? Bedürfen wir nicht, um solch' einen andauernd mächtigen Einfluß zu bewirken, concreter Stoffe, damit der Unterricht lebendig, anschaulich werden soll? Oder klar ausgesprochen, bedürfen wir da nicht jenes lebensfrischen Geistes, der die biblischen Schriften durchweht und daselbst in Wort und Berspiel sich kund gibt, jener erhabenen Denkmäler unseres Volkes, die an kühnem Schwünge und tiefer Innigkeit unvergleichlich dastehen, worin Alles, wonach der denkende Mensch sich sehnt, was ihm aber ewig unergründlich bleiben wird, mit Flammenschrift ausgezeichnet ist. Doch ״einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Jrrthum." Und dieser Jrrthum besteht in der wohl veralteten, aber noch immer nicht überwundenen Ansicht, daß der Religionsunterricht mit dem dreizehnten Lebensjahre beendet werden könne und daß man daher den Schwerpunkt desselben in das Kindesalter verlegt wissen wolle. Freilich tritt der Jude, nach einer alt überkommenen Satzung, mit dem dreizehnten Lehensjahre in den Kreis der ״Religionsmündigen und Selbstverpflichteten". Doch das ist kein genügender Grund für die Behauptung, daß mit der Confirmation die religiöse Bildung zum Abschlüsse gebracht werden soll. Es scheint vielmehr, daß damals das Entgegengesetzte damit beabsichtigt wurde. Weil es selten vorkommt, daß der Knabe in diesem Alters die Schule verläßt, um sich dem materiellen Berufe gänzlich hinzugeben, so soll ihm die Confirmation eine ernste Mahnung sein, eines der wichtigsten und ersten aller religiösen Gebote, daß — nach der Ansicht des Talmud — in Talmud Tora besteht, d. i. in dem Streben, die religiöse Erkenntniß zu erweitern und zu vervollständigen, treu und gewissenhaft zu erfüllen. Und dies wohl mit Recht. Denn ist die Bibel der integrirendste Theil des Religions- Unterrichts, wer möchte dann behaupten, daß dieser Lehrstoff in solch' einem kurzen Zeiträume und bei noch nicht ganz gehörig entwickelten Anlagen der Schüler wenn auch nur in geringem Maaße erschöpft werden könnte? Welch' ein Jungling hat in diesem Alter schon die Reife des Geistes, um jene großen Gedanken und Wahrheiten, die da zum Ausdrucke kommen, so klar zu erfassen, so ganz in sich aufzunehmen, daß sie Eindrücke zurücklassen, welche die lange Reihe von Jahren und die mannichfachen Anschauungen, die sie Hervorrufen, nicht zu verwischen vermögen? Oder hat der Jüngling in diesem Lebensalter schon jenen Grad allgemeiner Bildung erreicht, der ihn befähige, mit dem Geiste der Bibel innig vertraut zu werden? Dazu ist ein vielumsassender Unterricht erforderlich. Da müssen auch die ästhetischen und wissenschaftlichen Momente in einer für die reifere Jugend angemessenen Weise berücksichtigt werden. Dazu ist auch eine klare Darlegung der Zeitverhültnisse erforderlich, weil ohne dieselbe von einem Ver-

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