Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 41 (13.10.1874)
- Date
- 1874-10-13
- Page
- Seite 325 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sonstigen Inkonsequenzen nicht fehlen wird. Wir kennen den dort herrschenden (!) Ton! — Wenden wir unfern Blick aus die beiden bayrischen Synagogen, welche in der gleichen Woche eingeweiht wurden — und ein Wehen des Völkerfrühlings, ein Strahl der Erlösung erquickt uns. Beide sind aus eigenem, freien Antriebe hervorgegangen, beide Gemeinden hatten eigentlich noch keine geweihten Stätten für gemeinsamen öffentlichen Gottesdienst. 'In Schweinfurt wohnte vor dem Jahre 1848 eine Familie, (Kl.) von der ein Glied geachteter Arzt war. In dem benachbarten ganz kleinen Ort Niederwerra war dagegen die Zahl der Juden größer als die der Christen. Hier wohnte der Districts-Rabbiner und herrschte ein echt jüdisches Leben. Die Juden von N. hatten den Sitz ihrer Geschäfte vielfach in Schweinfurt. Daß dennoch die Civil-Gemeindeverwaltung eine ausschließlich christliche war, daß die Juden, obschon die größere Zahl, dennoch im — Goluth war, wer möchte dies bezweifeln? Wissen wir doch, wie es anno dazumal im frommen Bayern aussah. — Jetzt ist in Schweinfurt eine den Verhältnissen entsprechende schöne Synagoge und trotz der Nähe Würzburgs, Orgel und Reform unter Leitung des würdigen und lebenserfahrenen Vertreters derselben, Hrn. Districts-Rabbiner Lebrecht, eingeführt. Möge die junge Gemeinde wachsen, blühen und groß werden — nach Innen und Außen. In der Stadt Nürnberg wohnten vor 1848 gar keine Juden. Aber im Regierungsbezirk Mittelfranken herrschte ein lebendiger Geist, ein herrliches begeistertes Streben unter den Judm, in vielen mittelgroßen Gemeinden. Die vorzüglichsten Lehrer, die aus beiden Quellen geschöpft, die theilweise noch zu den Füßen der frommen Talmudlehrer im großen und heiligen Fürth gesessen, sich aber auch an dem Quell der neuen Zeit gelabt hatten, machten die jüdischen Religionsge- .meinden Mittelfrankens geistig-groß. Dort lebten und wirk- "ten Rabbiner wie Löwy, Guttman seligen Andenkens und von den noch jetzt mit Gottes Hülfe voll im Leben stehenden nennen wir nur Stein und Aub. Staatsgesetze, Unterricht und Erziehung, Rabbiner und Lehrer — Alles wirkte zusammen, um den mittelfränkischen Zweig am deutschen Judenthmn zu ciitcm der vollkräftigsten zu machen. Wohl von keinem Thcile Deutschlands sind so viele Juden nach Amerika ausgewandert; selbst das wirkte wohlthütig auf die Zurückgebliebenen. Und aus diesen mittelfränkischen Judengemeinden, aus dem benachbarten Fürth vor Allem, sind seit 1848 Hunderte — und sicher mitunter die Bemittelsten und Gebildetsten — nach der alten aber hochaufstrebenden Stadt Nürnberg gezogen und haben sich in dieser edlen Stadt niedergelassen, wo ein aufstrebendes Bürgerthum ihnen versöhnend und erhebend die Hand entgegenstreckte. So ist in ganz kurzer Zeit, in einem Vierteljahrhundert, Nürnberg zu einer der größten und herrlichsten jüdischen Gemeinden emporgewachsen, die ganz und in jeder Beziehung dazu angelegt ist, zu blühen und Früchte zu tragen als עיר ואם בישראל, als Mutterstadt in Israel. Trotz der Kämpfe, die noch vor wenig Jahren die Reform in Bayern überall zu bestehen hatte, trotz des finstersten mittelalterlichen Geistes, der den größten Theil Unterfrankens beschattet; trotz des erniedrigendsten Fanatismus, der am mittleren Theil des Mainstroms — von oberha/b Würzburg bis Aschaffenburg — so unbeschränkt herrscht, wie sicherlich sonst nirgendswo in Deutschland, haben die aus den verschiedensten Theilen Bayerns eingewanderten Nürnberger Juden in ihren neuen Synagogen so entschiedene Refornren eingeführt, wie sie wohl in keiner deutschen Synagoge mehr sich finden wert:n, und dabei haben sie doch wieder nach anderer Seite gewissermaßen auch conservativen Sinn bethätigt, der schon aus dem überaus schnellen und freudigen Zusammenfinden und Anschließen an die Religionsgemeinde, aus den großen Opfern, mit welchen sie dies neue Gemeindewesen herrlich ausrüsten, wohlthuend hervorleuchtet. Und so mögen denn die neuen Synagogen in den verhältnißmäßig neuen Gemeinden grünen und blühen und aus ihnen heraus jene lebenswarmen, erfrischenden gemeinnützigen Bestrebungen hervorwachsen, die allein den jüdischen Gemeinden eine gedeihliche Zukunft verbürgen und Israels Lehre groß machen und mächtig! Coeresponäenz. Ans Bayern, den 6. October. Ihr entschiedenes Wort in Sachen der Ausschließung der jüdischen Lehrer aus den bayrischen Communalschulen hat bei uns zu Lande freudige Sensation erregt. Wir danken Ihnen, daß Sie wieder einmal mit Ihrer scharfen Feder offen und muthig dreingefahren sind, wie man es an Ihnen und Ihrer Zeitung gewohnt ist. Gott erhalte Ihnen diese Frische; es ist eine seltene Gabe bei einem vielgeplagten und von allen Seiten gedrückten Lehrer; es ist eine Gottesgabe, sich nicht verschüchtern und entmuthigen zu lassen. Leider gelingt dies nur wenig Lehrern und in unserem Bayern — ach, da sieht es scheu und traurig aus unter den Genossen dieses Standes. Wenn man an frühere Jahre zurückdenkt, etwa zwischen 30 und 40 und selbst noch an den Zeitpunkt, wo Krämer in ihrer Zeitung das Wort für den jüdischen Lehrer Lazarus führte und sieht wie jetzt die ״bebrillten Würzburger" allüberall sich einnisten; wie alle Andern bis auf Wenige sich scheu und entmuthigt unterducken; wie alle die Hoffnung verloren haben; wie so ganz der Religionslehrerstand insbesondere in den Staub getreten ist, will man fast verzweifeln. התחיינה העצמות האלה werden diese tobten Gebeine wieder ausleben? Doch, ich wollte ja nicht klagen. Auch unsere Zeit wird wieder kommen. Daß aber an unserem gränzenlosen Niedergang zumeist wir, d. h. die Religionslehrer Bayern's, theilweise selbst Schuld sind, ist zweifellos. Wie konnte es anders kommen? Die Collegen haben allen collegialischen Zusammenhang verloren, der Sinn für gemeinschaftliches Sireben ist bei ihnen untergegangen. Sie denken nicht an das Gleichniß von dem Bündel Stäbe; sie denken überhaupt nicht mehr. Jeder Einzelne lebt für sich ״unter seinem Weinstocke oder seinem Feigenbäume" oder auch unter seiner vertrockneten Kürbisstaude. Von mehreren unserer Collegen wurden öfters Anstrengungen zu gemeinsamen Handeln gemacht und wie hat insbesondere unser College Blümlein in Hammelbürg sich Mühe gegeben, die Männer, welche doch fühlen müssen, daß sie ein für unsere Zeit kaum menschenwürdiges Dasein in jämmerlicher Weise fristen, zu einem Schritte zu einigen: Vergebens! Ihre Bestrebungen zur Gründung eines ״deutsch-jüdischen Lehrervereins"sind in Bayern durchaus unbekannt und unbeachtet geblieben. Man konnte sich zu einem solchen Entschlüsse, eine Mark jährlich für den Zusammenschluß gleichstrebender, gleichleidender Genossen zu opfern, nicht erheben. Man konnte sich über kleinliche Bedenken nicht hinwegsetzen. Selbst in die ^lchawa sind seit Jahren keine bayrischen Lehrer mehr eingetreten. Natürlich, die Würzburger dürfen nicht. Für die Achawa ist das freilich gut. Diese Leutchen wären eine Gefahr und eine