Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 41 (13.10.1874)
- Date
- 1874-10-13
- Page
- Seite 326 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579291--846-9579295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
326 Verlegenheit (?) für diesen Verein*). Aber ich möchte denn doch den übrigen Collegen zu bedenken geben, ob sie Recht thun, sich von allen gemeinsamen Bestrebungen fern zu halten; ob nicht insbesondere die Religionslehrer an ihrer eigenen Erniedrigung arbeiten. (Wir haben hier die Bemerkung anzufügen, daß unsere bayerischen Collegen jetzt wohl einsehen werden, wie sehr wir mit unserem stets wiederholten Nothschrei Recht hatten und wie begründet unsere Behauptung war: ״Wir haben allerwärts und alle solidarische Interessen. Wir müssen uns zusammenschließen, gemeinsam agitiren." Sie wollten nicht hören; insbesondere glaubten die früher so strebsamen, dem Ganzen sich anschließenden Pfälzer: sie hätten ganz eigene Verhältnisse! Und doch ist das ein großer unverzeihlicher Fehler und Jrrth'.m. Lehrer, Cantoren, selbst Rabbiner und Prediger in Deutschland haben gemeinsame Gefahren, gemeinsame Bestrebungen, die sie einigen sollten. Aber es ist kein Gemeinsinn da! Was fruchten unsere Worte? Wir geben dennoch die Hoffnung nicht auf. Wir wollen Eins abwarten. Sobald dies eingetroffen, werden wir unsere Bestrebungen für den deutsch-jüdischen Lehrerverein mit aller Entschiedenheit fortsetzen. Reoaction.) Alzey, 24. September. Der Vorstand des israelitischen Armen - Vereins dahier erläßt an die Mitglieder folgenden Bericht: Als Nachweis über unsere Thätigkeit im abgelaufenen Verwaltungsjahr 1873/74, wie zur Beurtheilung des gegenwärtigen Standes unsres Armenwesens, beehren wir uns, nach dem Vorgänge anderer Vereine, Folgendes zu veröffentlichen: Der Verein zählt 51 Mitglieder, (nur einzelne Gemeinde- Mitglieder haben ihren Beitritt bis heute versagt), deren jährliche Beiträge belaufen sich auf.fl. 981. — Der Cassavorrath aus dem vorhergehenden Jahre bestand in.fl. 13. — Summe der Einnahmen fl. 994. — Gestützt auf die im vorigen Jahre, dem ersten unseres Bestandes, gemachten Erfahrungen, waren wir in der Lage, die uns zu Gebote stehenden Mittel, wie folgt zu vertheilen: 1) An 14 (hiesige und benachbarte) verschämte Arme und Kranke, in wöchentlichen, monatlichen und ^jährlichen Raten fl. 284. — 2) An 22 arme Wittwen aus Stadt und Umgegend.fl. 495. 19 3) An 142 deutsche durchreisende Bettler fl. 132. — 4) An 111 polnische ״ ״ . fl. 42. 30 5) An den Vereinsdiener . . . . fl. 31. 15 6) An Ausgaben für Porto rc. . . . fl. 8. 56 ir- Summa der Ausgaben fl. 994. — Der Verein darf es als die höchste Genugthuung ansehen, für die unter I. und II. erwähnten Armen eine so ansehnliche Hilfe geleistet zu haben. Andrerseits sind wir aber wiederholt zur traurigen Ueberzeugung gelangt, daß viele der durchreisenden deutschen Bettler, und nahezu alle pol- *) Wie'? Wir brauchen sie nicht und suchen sic nicht — aber wir scheuen sie auch nicht, wenn sie kommen. Die Achawa ist da für alle Lehrer, thut ihre Pflicht, erfüllt ihre Ausgabe für Alle — ohne Unterschied, wie selbstverständlich. — Die Männer in Frankfurt, die die Leiter der Verwaltung sind, würden eine Zumuthung, einen Unterschied zu «rachen zwischen Lehrer und Lehrer mit Recht energisch zurückweisen. Die Achawa ist da für Alle: es ist also gesorgt, man kann sich schützen gegen die Gefahr, wenn man will. Die Lehrer haben nicht mehr das Recht, zu sagen, daß sie im Alter, in Dienstunfähigkeit verlassen seien. uischen Bettler auf der höchsten Stufe der Verkommenheit stehen, und mit Anwendung der verwerflichsten Mittel die Wohlthätigkeit des Vereins in Anspruch nehmen. Obwohl keiner der vorsprechenden Bettler ganz leer ausging, waren wir dennoch zu unserm Bedauern häufig in die traurige Nothwendigkeit versetzt, gegen die freche Zudringlichfeit ganz unberechtigter Bettler, die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen. Die Untersuchung der Polizei bewährte, daß wir es mit Betrügern oder Landstreichern zu thun gehabt hatten. Die Zahl der polnischen Bettler belief sich im Jahre 1872/1-873 auf 210, während im abgelaufenen Jahre nur 115 kamen. Dieses Verhältniß konnte nur dadurch herbeigeführt werden, daß wir für solche Personen die Gaben auf's geringste Maaß beschränkt haben. Sicherlich hätten diese ebenso unwürdigen, als unberechtigten Subjecte, falls unser Verein nicht bestanden, aus hiesiger Gemeinde eine Summe von mindestens 250 fl., welche zu dem noch größtentheils als Zehr- und Reisekosten verbraucht worden wären, mit fortgenommen. — Diese Summe ist nunmehr in besserer Weise anderen, würdigeren und bedürftigeren Armen zu Gute gekommen. Diesem unberechtigten Bettelwesen entgegen zu treten, ist um so größere Pflicht, als sonst nicht nur für die Unterstützung der heimischen und auswärtigen würdigen Armen keine ausreichenden Mittel übrig blieben, sondern auch, weil wir das jüdische Vagabondenthum in Verbindung mit Zucht- und Sittenlosigkeit nicht länger pflegen, und Arbeitsfähige nicht in Müßiggang und Bettelei bestärken dürfen. Die Er- Haltung und Pflege des Schnorrerthums schädigt auch unsre jüdische Gesammtheit in den Augen unserer Mitbürger. Uns liegen die Beweise dafür aus Posen vor, daß man dort .die deutsche Unterstützung der polnischen Bettler für nutzlos und zweckwidrig hält, weil man selbst die Kraft und den Willen hat, würdige Arme zu unterstützen, die im Auslande sich herumtreibenden jüdischen Polacken aber der Unterstützung für notorisch unwürdig erachtet. Wir bitten deshalb die verehrlichen Mitglieder unsers Vereins in Gemäßheit des betreffenden Paragraphen unsrer Statuten, jede Gabe an wandernde Bettler gütigst versagen zu wollen, und hegen die Hoffnung, daß, von der Zweckmäßigkeit des Vereins überzeugt, Niemand in unserer Gemeinde demselben länger fern bleiben werde. Es wäre darum auch im Interesse der Humanität und Sittlichkeit wünschenswerth, wenn ähnliche Vereine sich in allen israelitischen Gemeinden Deutschlands, kleinen wie großen, bilden würden. Beuthen i- Dber-Lchl Die hiesige jüdische Schule geht seit ihrem Uebergange (am 1. Januar 1870) von der Synagogenan die Stadtgemeinde einem erfreulichen Aufschwunge entgegen. Während damals an derselben nur drei Lehrer und eine Lehrerin thätig waren, wurde im April d. I. noch ein vierter Lehrer angestellt, und liegt bereits ein von den Behörden genehmigter Beschluß zur Anstellung eines fünften Lehrers vor. Diesen Fortschritt verdankt die Schule zumeist den wohlgeeigneten Verwendungen ihres Revisors, des Herrn Rabbiner I)r. Rosenthal, der das Gesammtinteresse der jüdischen Schuljugend zu erfassen und zu fördern versteht. Um allen Disciplinen volle Rechnung zu tragen, rief er einen Verein zur Förderung des hebräischen Unterrichts ins Leben, der jetzt schon recht günstige Resultate erzielt hat. Wir haben demnach wohl berechtigte Ursache, unsere Befriedigung über