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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-13 · 41 (13.10.1874) · p. Seite 324

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
41 (13.10.1874)
Date
1874-10-13
Page
Seite 324 (sequence 2)
Language
German
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324 nicht 20 Jahren neue Synagogen gebaut, welche jetzt leer oder fast leer stehen. Eine wurde sogar längst wieder auf den Abbruch versteigert, ehe noch die darauf lastenden Hypotheken bezahlt waren, sie war kaum 5 Jahre in Gebrauch gewesen. Das Alles verringert in den meisten Fällen gar sehr unsere Freude bei dem Bau und der Einweihung neuer Synagogen. Wir wünschen für die tonangebenden, großen und mittleren Gemeinden eine stetige Entwicklung, ein Hineinleben in die Reform, ein pietätvolles ruhiges und doch energisches Vorwärtsschreiten; keine Sprünge aus dem Alten in das Neue, die die freudige Erhebung und den pietätvollen Anschluß zur Unmöglichkeit machen. Wir wünschen, daß die großen Gemeinden ihre gesunde Entwickelung nicht durch Ueberanstrengung der materiellen und moralischen Mittel stören; wir wünschen, daß die kleinen Gemeinden mit weiser Voraussicht die Zukunft ins Auge fassen und sich vor Allem fragen: Werden wir auch im Stande sein, für die neue Synagoge, das aufblühende Gemeindeleben, einen tüchtigen Lehrer zu besolden, den Gottesdienst im richtigen Stande zu erhalten, wenn wir so bedeutende Ausgaben für eine Synagoge machen? Wir wünschten, daß es nie und nirgends an einem würdigen Raume für die Abhaltung des Gottesdienstes fehle, daß aber jede unnütze Pracht vermieden und der Styl unserer Gotteshäuser ein würdiger, einfacher und lichtvoller sei. Ja, ein lichtvoller! Man hat vielfach das Halbdunkel der christlichen D,ome bei uns nachgeahmt. Wir glauben, das paßt nicht Zu unserem Gottesdienste!! — In den Tagen vor den Festen, in der letzten Woche des vergangenen Synagogenjahres haben mehrere Synagogeneinweihungen stattgefunden, bei welchen, wie wir voräussetzen müssen, der Standpunkt, den wir oben sinnehmen, durchaus nicht anwendbar ist, und wo ganz eigenthümliche Verhältnisse eine besondere Berücksichtigung verdienen. Die Geschichte des Judenthums in der neuen Zeit, die großartige Entwickelung einzelner jüdischen Religionsgemeinden, die einen Reflex geben all des Schönen und Erhebenden, welches die Sonne der Freiheit und Humanität in unserem Jahrhundert hervorgebracht, spiegelt sich hier und geben diesen Synagogeneinweihungen eine ganz eigene hohe Bedeutung, unterscheiden sie durchaus von allen anderen Synagogeneinweihungen, die wir sonstwo etwa zu verzeichnen hatten. Sie sind selbst ein Stück Culturgeschichte und verdienen darum eine ganz besondere Berücksichtigung und Besprechung. Wir wenden unsere Aufmerksamkeit zuvörderst Zu der Synagoge, welche in Paris in der Rue de la Victoire, in einem der glänzendsten Theile dieser Wekstadt, erbaut wurde. Was diesen Tempelbau ausgezeichnet, ist der Umstand, daß ihn Staat und Stadt aus öffentlichen Mitteln hergestellt, daß, wenn nicht die eigentliche Anregung, so doch der Beschluß zur Erbauung von den. Stadtbehörden ausgegangen ist. . Ist das nicht ein Stück jüdischer Geschichte, wie wir es reicher, herrlicher, wohlthuender, kaum auf einem ihrer Blätter verzeichnet sinden? Vor hundert Jahren war es den Juden noch nicht erlaubt, in Paris öffentlichen Gottesdienst zu halten. Noch im Jahre 1835 war ein unscheinbarer Raum in einer Nebenstraße das Local für die Gebetversammlungen der Pariser Juden und ein dürftiger Privatunterricht vereinigte nur wenige jüdische Kinder. Und jetzt — sorgt Staat und Stadt ftir die religiösen Bedürfnisse unserer Glaubensbrüder in der Hauptstadt Frankreichs und auch in anderen Städten dieses Reiches, erbauen auf ihre Kosten prunkvolle Tempel, bezahlen die jüdischen Cultusbeamtcn, und unter den mehr als 30,000 Seelen zählenden Juden von Paris finden wir Männer, deren Namen in der ganzen Welt guten Klang haben. Es gibt wohl keine Stellung in: Leben, auf welcher sich nicht ftanzösische Juden — und es sind ihrer jetzt im Ganzen nicht mehr als 60,000 — auszeichneten: in Kunst und Wissenschaft, im Kriegswesen, in Handel und Industrie. Hat diese Capacität der Juden zu dem glänzenden Resultate-׳ in ihrer staatlichen Stellung — als Religionsgesellschaft — geführt, oder umgekehrt? Wir werden weder das Eine noch das Andere ausschließlich behaupten können: aber wir werden nicht irren, wenn wir behaupten, daß die freie Bewegung die Kräfte einer Genossenschaft erst recht fruchtbar macht auch für die Gesammtheit. Sehen wir nun von dem Glanzvollen der Erscheinung ab und fragen wir uns: würden wir gleiche oder ähnliche Einrichtungen auch für Deutschland, für die deutsche Judenheit herbeisehnen? Soll auch hier der Staat unsere Tempel bauen, unsere Religionsbeamten honoriren? Wir antworten wohl im Sinne aller denkenden deutschen Juden, behüte und bewahre Gott uns dafür! Wir wollen nie und nimmer ein solches centralistisches Staatskirchenthum! Wir wollen selbstständige, freie Religionsgesellschaften, und in denselben freie Bewegung; wir wollen nur religiöse Anstalten, die lebenswarm aus der Gesammtheit hervorgewachsen sind und in dieser ihren Halt haben! Wir wollen freie, selbstständige Gemeinwesen, und wenn wir allerdings eine äußere Einigung der deutschen Judenheil anstreben — in welchem Streben wir noch nicht einmal von allen anderen unterstützt werden, — so soll auch diese Einigung wieder von unten und nicht von oben ausgehen; soll im Bewußtsein der Gesammtheit wurzeln und aus dieser ihre Nahrung ziehen. Das Staatskirchenthum hat die Hebung der religiösen Idee und des religiösen Lebens nicht gefördert; es unterstützt die Sterilität — nicht die Bewegung. Nur in der Freiheit gedeiht das Geistesleben, und die Sonne muß den Baum bescheinen, der kräftige Früchte tragen soll. Wir, von unseren! Standpunkte aus, machen keinen Hehl daraus, daß wir die Hoffnung hegen, es möchte dermal einmal, und vielleicht bald die Zeit kommen, wo die Religionen — Kirchen, Religionsgemeinden — überhaupt durchaus vom Staate getrennt sind, und in vollständigst, selbstständigen, von allem äußeren Zwange freien Gemeinwesen ihre regste Förderung finden würden. Wenn z. B. eine der beiden, noch nicht einmal extremsten, einflußreichsten politischen Parteien, die sich jetzt in Frankreich gegenüberstehen, — die monarchistisch-legitimistischeund die radical-repulikanische, le roi Heinrich oder Gambetta den Sieg erringen würde; könnte man erwarten, daß die französische Synagoge auch ferner die seitherige Unterstützung genießen, und daß sie, wenn ihr diese entzogen würde, sich von diesem Schlage erholen, zu freier Wirksamkeit sich selbstständig wieder entfalten und erheben könnte? Sehen wir ja schon, daß die Septennatsregierung MacMahons sich eigentlich nicht bei der Einweihung der neuen Synagoge in der Rue de la Victoire betheiligte, und daß hinterher von ״demokrativen", republikanischen Einweihungsreden der beiden Rabbinen gesprochen wurde! Daß es in der neuen Synagoge und ihren gottesdienstlichen Einrichtungen an Eigenthümlichkeiten nicht fehlt, ist bei dem Charakter der französischen Synagoge selbstverständlich. Orgel und Männerchor sind eingeführt, — zu einer Vereinigung ( der beiden Riten (deutsch und portugiesisch) ist es jedoch nicht gekommen und es darf angenoinmen werden, daß es an

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