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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-06 · 40 (6.10.1874) · p. Seite 321

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
40 (6.10.1874)
Date
1874-10-06
Page
Seite 321 (sequence 7)
Language
German
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Gassen verbundenen Straßen besteht, — eine Masse bizarrer, thurmartig in die Höhe steigender Häuser. Sofort erkennt man das Judenviertel. Man findet die Synagoge und in der nächsten Nachbarschaft einige, mit hebräischen Inschriften gegen sie protestirende und das Judenvolk zur Bekehrung einladende, christliche Kirchen. Wem etwa an einem Sonntage des priesterlichen Gepränges in der heiligen Stadt zu viel geworden, wer sich an den ofsiciellen Kundgebungen der herrschenden Religion einen Ueberdruß geholt hat, der kann hier eine Art von Genugthuung finden. In langen Reihen sieht man Juden und Jüdinnen vor ihren Häusern sitzen und durch ungemein emsig betriebene Flickarbeit demonstriren gegen die Feier, in der sich die übrige Stadt gefällt. Die päpstliche Gesetzgebung hat etwa 5000 Menschen aus dieser: unverhältnißmäßig engen Nauru zusammengedrängt. Elend und Verkomrnenheit sieht den Meisten aus den Gesichtern, zuweilen auch ein nur zu wohl begründeter Haß. Einige Buben laufen vielleicht dern Fremden, wenn er zu neugierig scheint, nach und verhöhnen ihn, was ihm nicht wehe thun wird. Wenn man in der christlichen Hauptstadt, wo wenigsterrs unter päpstlicher Herrschaft unter zwanzig Menschen, die uns begegneten einer Priester oder Mönch rvar, des Abstoßenden genug erlebt hat, läßt man sich in diesen schmutzigen Gassen schon ein bischen Muthwillen von anderer Seite gefallen. Nicht immer haben die Söhne und Töchter Israels diesen elenden Stadttheil inne gehabt, wo jedes Frühjahr der Tiber am frühesten austritt und am spätesten weicht, ja förmliche Ueberschwemmungen und grausame Bedrängniß anrichtet. Wie die Juden überhaupt im christlichen Ron: ganz unglaubliche Entbehrungen und Bedrückungen lange Zeit zu erdulden hatten, so wird auch ihr Wohnsitz zu einer Anklage gegen die päpstliche Härte. Es war Paul IV. (Carasfa) auch sonst schlimmen Andenkens —, welcher sie in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts hierher verwies. Um dagegen die alten Sitze des Judenthums auszusinden, muß man noch einige Schritte über den Ponte dei quattro capi nach der Tiberinsel und über den Ponte San Bartolonnneo nach Trastevere gehen. Dorthin waren alle schmutzigen Gewerbe verbannt; dort war auch die׳ Heimath der Juden im Mittelalter und Alterthum. Hier, wo die Schiffe ausgeladen wurden, trieben sich die jüdischen Kleinhändler umher, deren emsige Thätigkeit die Satiriker der römischen Kaiserzeit verspotten. Ueberhaupt dürfen wir, um einen annähernd richtigen Begriff von dem Einflüsse der damaligen römischen Judenschaft zu erhalten, den dumpfen und übervölkerten Quartieren des heutigen Ghetto keine zu ausschließliche Ausmerksamkeit schenken. In der Zeit, die uns beschäftigt, sin׳ den wir Juden keineswegs blos im Judenviertel; bald errichten sie an öffentlichen Plätzen und Thoren ihre Verkaufsbuden. Selbst emancipirte Juden gab es, wie überall, so auch in Rom, die alle Berufsarten und Sitten des gesell׳ schaftlichen Lebens daselbst theilten. Die Grabschristen in de:: jüdischen Kirchhöfen bezeugen, daß jüdischer Einfluß bis in die vornehmen Kreise reichte. Auch unter ihnen selbst kehrten trotz vorherrschender Bettelhaftigkeit theilweise Reichthuu: und Wohlhabenheit eit:,., und die ersten römischen Kaiser fanden bald Ursache, ihnen eine eingehendere Aufmerksamkeit zu schenken. Mit der einheimischen Aristokratie mochte und konnte das Kaiserthum intimere Verhältnisse nicht eingehen; an ihre Stelle traten orientalische Vasallenhäuser. Nament-!ich standen Caligula und Claudius in vertrauten Beziehungen zu den Gliedern der herodäischen Familie. Aber die ganze Ueberlegenheit des jüdischen Genius über den römischen offenbarte sich erst aus dem Gebiete der Religion. Auch in der Welthauptstadt bewährte der jüdische Monotheismus jene Anziehungskrakt, die ihm gerade in damaliger Zeit eine Menge Proselyten zusührte. Ihm wandten sich^ zu die von der herrschenden Religionsmengerei übersättigten aber auch die enttäuschten, die der Verzweiflung an der Religion nahen Gemüther, die doch dem allmächtigen Drang nach neuem religiösen Gehalt nicht zu widerstehen vermochten. Zuerst drängten sich römische Frauen, dann auch heidnische Männer zu den ganz seltsam bildlosen Gottesdiensten des einen Gottes in den sieben Synagogen Roms, und jene lachlustigen Dichter, welche die Juden erst nur verspotteten, sangen bald an, sich ernstlich zu ärgern und grausam bitter zu werden über die mächtige Propaganda, welche diese Leute zu machen wissen. Hat man doch selbst die Kaiserin Poppäa, Nero's Gemahlin zu den Proselytinnen des Judenthums gezählt; jedenfalls wollte sie sich nicht verbrennen, sondern begraben lassen, und dies ist,, wie wir gleich sehen werden, ein verdächtiges Symptom. Ohne Zweifel aber waren dieselben römischen Frauen, die dem Judenthun: beigetreten waren, auch die ersten Pflegerinnen der Christusreligion. Hier, in diesen Regionen des römischen Judenthums, konnte man nämlich am wenigsten taub bleibe!:, als fern in Palästina der Ruf erscholl: Der Christ, d. h. der Messias, ist da. Ja, in ganz Ron: fand dieses Echo zu!:ächst nur unter den Juden überhaupt Verständnis;. Nur Juden waren in: Besitze der dazu erforderlichen Voraussetzungen. Nur Juden ko::nten den verhängnißvollen Moinent, da der Name Christus zuerst in Ron: ausgesprochen wurde, überhaupt mit Bewußtsein erleben. Als eine rein jüdische Sache erscheint darun: auch das Christenthun: in der frühesten Notiz, welche heidnische Schriftsteller von ihn: nehtnen. Claudius habe die Juden aus. Ron: verbannt. — erzählt SuetoniuS — weil sie aus Anlaß eines gewissen Chrestus in beständiger Unruhe lebten. Chrestus ist Christus, die griechische Form für Messias. Also schon um das Jahr 50 ist die messianische Frage im römischen Judenviertel erörtert worden, und zwar mit aller der Lebhaftigkeit, die man zu Rom an den Juden, wo es, religiöse Controversen galt, gewohnt war. Hat doch sofort römische Polizei politische Umtriebe darin gewittert und sich, da sie des angeblichen Anstifters nicht habhaft werden konnte, an die Tumultuanten in corpore gehalten. Auch die Apostelgeschichte thut 18, 2 dieser Judenvertreibung Erwähnung, weil bei dieser Gelegenheit ein christliches Ehepaar, Aquila und Priscilla, Rom verließ und zu Korinth mit dem Apostel Paulus zusammenkam. Auch in andere!: Beziehungen enthalt das Heft bemerkenswerthe Aufschlüsse, Forschungen über den Kamps zwische!: den: Judenchristenthum des Apostels Petrus und dem siegenden Heidenchristenthum des Apostels Paulus. EingesanÄt.*) Mit Erstaune!: haben wir vernommen, daß in dem freien England die Verfolgungssucht beim großen Rabbi der dortigen Juden sich auch eingeschlichen hat, und daß Herr Ehief Rabbi os Great Britain in die Fußtapfen eines Torguemado wandelt. Es berührt uns sehr schmerzlich hören zu müssen, daß das geistige Oberhaupt der Juden in Großbrittannien, eine unschuldige Person, wie die des Herrn Dainow, bekannt unter *) Es ist selbstverständlich, daß ,vir weder für die Form noch für den Inhalt dieses ,.Eingesandt" irgend welche Verantwortung übernehmen. Redaction.

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