Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 40 (6.10.1874)
- Date
- 1874-10-06
- Page
- Seite 318 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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,,Schrnatt", man mags ansehen wie mans will. Wenn wir vorübergehen vor Freunden und Verwandten, die nicht ausgetreten sind — wir sollen uns durch eine unübersteigliche Schranke, die das ganze Leben abschließt, von ihnen getrennt fühlen, ihnen als Angehörige einer anderen Confession gegenüberstehen? So etwas kann wohl in dem Gehirne eines Mannes entstehen und ausgeklügelt werden, der nicht mit seinem ganzen Fühlen und Leben zuerst Frankfurter Jude ist, den nicht die innigsten, heiligsten Bande an diese Gemeinde- Mitglieder und Familien, an diese Plätze imb Institutionen, an diese Traditionen und Verbindungen knüpfen! Das kann ausgeführt werden von solchen, die aus der Fremde hierher gezogen sind, die keinen Theil haben an dem alten Frankfurt; von einem Frankfurter? nie! — Soll ich Ihnen noch einen Beweis dafür geben, daß sich die Herren, welche einen Massenaustritt erwarten, sehr täuschen? Ich nehme ihn von der entgegengesetzten Seite. In Frankfurt und Mainz haben sich zu einer Zeit, als sie in Berlin zu Hunderten sich taufen ließen, nur äußerst wenige taufen lassen. Das thaten höchstens einige studirte junge Männer, Juristen, um ein Amt zu bekommen und einige ohne dies Ausge — zeichnete, die keinen Boden hatten in der alten Gemeinde, einige Parvenus und Heruntergekommene. Während in Norddeutschland Tausende von Familien Neuchristen sind, finden sie in Frankfurt und Mainz unter christlichen Familien kaum eine einzige, die als achtbare jüdische Familie hätte gelten können und sich taufte. Das Heimgefühl unter den Juden ist hier zu stark; es wird sich auch auf unserer wie auf der gegenüber Seite bethätigen. Wir treten nicht aus, nimmermehr! das seien Sie sicher." So denkt man in den orthodoxen Kreisen über die Bestrebungen von H. u. L., und ich kann Ihnen die Ueberzeugung geben; die Herren machen die Rechnung ohne den Wirth. Noch mögen sie sich vielleicht selbst täuschen, aber die Zeit wird meine Erfahrungen bestätigen. Aus Schweden. In keiner Beziehung sind die Verhältnisse der Menschen auf der ganzen Erde jfo gleichmäßig, wie in Beziehung zum religiösen Jndifferentismus. Dies bebeweist auch unser Schweden. Es zählt nur wenige jüdische Gemeinden, die größten sind Stockholm und Gothenburg. Beide haben prachtvolle, neue Synagogen und reformirten Gottesdienst; aber in beiden ist die Theilnahme am Gottesdienste sehr gering. Ruhe, Ordnung und geregelte Vortragsweise der schwedischen und hebräischen Gebete, Orgel, Gesang und Predigt; selbstredend auch verkürzte und abgeänderte Liturgie, aber kein Publikum, oft, ja sehr oft kein oder kaum Minjan. Die Gesänge werden von bezahlten Christen, und die Gebete von bezahlten Officianten vorgetragen. Diewenigen Orthodoxen haben sich in die neue Ordnung gefügt, wenn sie ihr in allen Th eilen innerlich auch nicht zustimmen. Die Gesänge sind einfach und zusagend; Choräle, nicht im langathmigen, sondern bewegten Tempo, die Cantoren ausgezeichnete Sänger. Die hebräische Liturgie ist stark von schwedischen Gebeten untermischt; die Toravorlesungen finden im dreijährigen Cyklus statt. Das Aufrufen der Einzelnen zur Tora dagegen hat aufgehört; die ganze Gemende singt die Benedictionen und wird am Lesepulte durch zwei, dem Vorlesenden zur Seite stehende Vorsteher vertreten. Die Rabbiner sind pecuniär sehr gut gestellt, und die Gemeinden sind sehr wohlwollend gegen sie gestimmt, selbst wenn man mit ihrer Wirksamkeit nicht vollends übereinstimmt. Der Rabbiner in Stockholm ist definitiv angestellt, und man unterhandelt mit ihm wegen Rücktritts; der in Gothenburg ist auf Widerruf angestellt, und man möchte ihn keinensalls entbehren, entschuldigt vielmehr seine Unthätigkeit mit körperlicher Kränklichkeit. Von den schnorrenden Pollaken hat sich ein großer Theil hier niedergelassen, steht aber außerhalb des Gemeindeverbandes, ohne daß die Gemeinden aufhörten, Wohlthätigkeit gegen sie zu üben und namentlich auf die Heranbildung der Jugend vortheilhaft einzuwirken. In Gothenburg unterhält die Gemeinde für sie eine eigene Schule, zu ivelcher die erstell Fonds durch Stiftungen beschafft wurden. Der Reichthum vieler Juden ist ebenso groß, als sich die Juden im Allgemeinen durch Thätigkeit und Unternehmungsgeist auszeichnen. Sie machen von den: reichen Gottessegen aber auch durchgehends einen gottgefälligeir Gebrauch, oft durch Gründung wahrhaft großartiger Armenstiftungen. Die politische und sociale Stellung der Juden ist ebenfalls eine angenehme; Rischus ist jetzt fast unbekannt geworden. Viele Juden nehmen in politischer und socialer Beziehung sogar eine hervorragende Stellung ein und finden Ehre und Auszeichnung beim Könige wie beim Volke. Dem Königshause merkt rnan an, daß es seine Wurzeln in Frankreich hat und dem Volke entstammt ist. Es huldigt dein Principe der politischen Gleichberechtigung und verkehrt familiär mit dem Volke. Dies thut sogar der gegenwärtige König trotz seiner politischen Hinneigung zu Deutschland. Aus Amerika. Die ״Deborah" enthält Nachfolgendes zur Warnung. ״Allen Herren Collegen sowohl wie Vorstehern von Gemeinden, Gesellschaften und Logen diene es zur warnenden Nachricht, daß eine Unzahl von prälendirenden Chasanim, Lehrern, Predigern, Gelehrten rc. sich im Lande Herumtreiben und auf das Betteln verlegen, wovon mehrere in Europa getauft waren, andere arbeitsscheue Abenteurer sind, und beinahe alle ohne Ausnahme keine Besähigung für die Stellen haben, die sie beanspruchen. Je schneller und gründlicher diese Leute abgewiesen werden, desto besser für sie. Unter Anderen treibt sich auch einer als ein Sprosse der Landau'schen Familie aus Prag herum mit Zeugnissen von Dr. Albert Cohn, wovon höchst wahrscheinlich kein Wort wahr ist, besonders da er im Rufe eines Täuflings steht. Was die schriftlichen Zeugnisse im Allgemeinen betrifft, wissen wir aus Erfahrung, daß sie häufig falsch oder auch von andern Landstreicher gekauft sind. Selbst die Empfehlungen amerikanischer Rabbiner und Vorsteher sind ohne Werth, wenn sie nicht ausdrücklich bezeugen, daß ihnen der Inhaber und dessen Präzidenzen vollständig bekannt sind, daß sie von dessen Fähigkeiten als das und das sich persönlich überzeugt haben, oder daß die in dessen Besitz sich befindlichen Zeugnisse ihnen als echt bekannt sind." (Wir sehen: tont oownio chez nous. Red.) Kundfcftau.; Deutschland. Berlin. Die ״Voss. Ztg." erhält folgende Zuschrift: 1 ״Sehr auffallend erschien es, daß seitens des Comitss für die Feier der Grundsteinlegung zum Kriegerdenkmal. auf dem Platze am Landsberger Thor nur die Geistlichkeit beider christlichen Confessionen officiell eingeladen waren, während die jüdische Geistlichkeit wohl mit demselben Rechte dazu Emladüng hätte erhalten müssen, da ja auch Soldaten dieser Eonfession in den bezeichneten Schlachten mitgekämpst haben und den Heldentodt gestorben sind. Bezeichnend ist noch, daß bei der Geldsammlung hierzu jüdische Bürger nicht ausgeschlossen worden sind.