Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-10-06 · 40 (6.10.1874) · p. Seite 317

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
40 (6.10.1874)
Date
1874-10-06
Page
Seite 317 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9579282--836-9579285
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

317 nicht viel vom Baume der Erkcnntniß genossen. In Karlsz ruhe ist ebenfalls eine solche Gesellschaft und auch andererwärts wird gewühlt. Nian sagte sich wohl über die Trieb-1 federn allerlei; und cs dürfte Sie hier ein Wort eines wirklich! frommen Angehörigen einer Religionsgesellschaft interessiren: ,,Der Rabbiner von W. ist ein Lamdan und ein Zaddik, ein durch und durch frommer und ehrenwerther Mann!" ״Zugestanden!" ״Nun und Rabbi H. weiß Etwas und symbolisirt so Viel, daß man nichts gegen ihn sagen kann. Sein Wissen! und sein Charakter sind ,nystisch". ״Auch zugestanden!" ״Nun, und wo ein Kops und ein Arm ist, braucht n,an zum Dreschen doch auch einen — Dreschflegel!" ״Sehr gut und ebenfalls zugestanden!" Also -- — — —. Nun, bisher ging Alles gut. Die Religionsgesellschaften rekrutirten sich aus dein massenhaften Zuzug vom Lande; Leute, die ihr Heu am Kolnidre mit allen Trillern hören wollen. Sie gehen fleißig zur Synagoge, oren, halten aber doch den Schabbos nur in ihrer eignen Faaon und bis zu einem gewissen Punkte. Der Stannn der Rcligionsgesellschaften besteht dennoch theilweise aus Mitgliedern alter eingeborener Kehillafamilien, die einem gewissen frommen Familienadel angehören, in deren Adern gutes jüdisches und meistens auch einige Tropfen rabbinisches Blut fließt. Nun denn, sie gingen mit; aber sie waren und sind doch meistens zu gebildet, zu selbstständig denkende Männer, an eine gewisse Toleranz entgegenstehender Meinungen seit lange durch die Macht der Verhältnisse gewöhnt, und durch dick und dünn mitzugehen und am fanatischen Treiben Theil zu nehmen. Eine heilige Scheu hielt sie ab, die angestammte erbliche Frömmigkeit, den uralten Minhag der heiligen Kehilloth von Frankfurt und Mainz zu übertreten, obwohl manche ihrer Brüder, Onkels und andere Anverwandten sich längst abgewendet hatten, und ganz anderer Richtung und Gesinnung geworden waren. Aber diese Männer, die, obwohl die Minorität der Neligionsgesellschaften, doch den Ton angeben, besitzen auch neben ihrer unleugbaren Gesinnungstüchtigkeit und Ueberzeugungstreue (??) einen angeborenen, berechtigten Stolz, der ihnen über Alles geht, den sie um keinen Preis verläugnen, d. i. der Stolz des Stammburgers: Mitglieder der uralten jüdischen Neligionsgemeinden zu Frankfurt und Mainz zu sein. Sie sind Patrizier, nur sie können Parnassim werden. Ihre Frömmig keit hängt aufs Innigste mit diesem Kehillastolz zusammen, ja verwurzelt darin. Wer nicht ein geborener Frankfurter guter Jude ist, dessen (אבות אבותינו) Urväter und Urmutter seit unvordenklichen Zeiten hier gewohnt haben und mit dem vierten Theil der Kehilla in irgend einem Grade verwandt ist, zählt da nicht mit. Dieser Stolz iiberwiegt bei weitem die Frömmigkeit und er hat eine gewisse Berechtigung und edle Grundlagen und herrliche Eigenschaften gehen ihn, zur Seite. Sie finden diese Eigenschaften und diesen Stolz auch bei sehr Vielen, die durchaus nicht zu den Frommen zählen, die an und für sich dem ceremoniellreligiösen Thun sich ganz entfremdet haben. Sie sagen doch ״unsere Altschul, unsere Ncuschul, unsere Klaus, unser ״Hekdesch" wenn sie sie auch nicht besuchen Sie wollen, daß die Anstalten erhalten werden und, was die Hauptsache ist, wenn es gilt, edöl zu handeln im vollsten Sinne des Wortes, etwas Gutes zu unterstützen, insbesondere einen, Frankfurter*) oder einem, der durch einen vollgültigen Frankfurter Flamen unterstützt und empfohlen, aufzuhelfen, da sind sie bei der Hand, zu welcher *) Oder einer Ir' '!»tion, die sich in Frankfurt eingebürqert hat, z. B. der ״Achawa". Redaktion. Seite sie gehören mögen und sammeln und geben mit voller Liebe. Da gibt es heute wie zu allen Zeiten keinen Unterschied zwischen fromm und neu, da sind sie nur Frankfurter Juden im edelsten, im herrlichsten Sinne des Wortes. — Und wenn auch dem geringeren Umfange der Gemeinde entsprechend, — im bescheideneren Maaße ist es doch in Mainz ebenso. Da herrscht derselbe Kehillasinn. Nur sind in Mainz die größere Zahl der jüdischen Gemeindeglieder zur Zeit nicht mehr geborene Mainzer, und das ist in Frankfurt bis jetzt noch nicht in gleichem Maße der Fall. Nun denn, die Mitglieder der orthodoxen Neligionsgesellschaften haben bisher sich geduldig in das Treiben ihrer Führer ergeben. Sie gingen mit ״zur Schule", lasen die Zeitung L's. und — zahlten. Zuweilen entfuhr auch ihren Lippen ein Schmerzensschrei über die Schlechtigkeit unter den Juden und so hielten sie den Bannstrahl und den Fanatismus ihrer Treiber für vollberechtigt. Gings gegen einen neumodischen Rabbiner oder — gegen Sie, Herr Redakteur, so lachten auch sie sich ins Fäustchen; ״diese Leute sind ja keine Mainzer, keine Frankfurter Kinder". — Aber die neuesten Bestrebungen der fanatischen Treiber hat sie denn doch köpfscheu geinacht und berührt einen anderen Fleck; und ich kann Sie versichern: Man hat wohl auch in dieser Sache den Schürereien Hirsch's und Lehmann's theoretisch zugestimmt, man erkennt an, daß die Gründe dieser Männer für den freien Austritt aus der Gemeinde ihre Berechtigung haben, — und diese Berechtigung ganz zu leugnen, fällt ja uns nicht ein, — aber ' austreten aus dem Mainzer, aus dem Frankfurter Kehillaverbande, nicht mehr dem großen Ganzen, der Kehilla Frankfurt oder Mainz angehören, diese Geineinden schwächen, eigentlich kein ״hiesiger rechter Baal Bajis" mehr sein, sondern nur einem kleinen Zweigverbande angehören, losgelöst von dem uralten. Großen und Ganzen, - das nimmermehr! ״Denken Sie sich," sagte mir ein guter Frankfurter Jude, ein junger und gebildeter Mann und Mitglied der israelitischen Neligionsgesellschaft, ״ich und meine Gesinnungsgenosien gehören mit Leib und Seele unserer Religionsgesellschaft an und stimmen auch der Theorie nach aus vollem Herzen den Ausführungen unseres Rabbis zu Allem, wenn zur Praxis geschritten werden soll, wenn wir, etwa hundert hier geborene Männer eines Morgens hintreten sollen vor den Richter und, zehn Groschen auf den Tisch legend, sagen sollen: Wir treten aus aus der uralten jüdischen Gemeinde Frankfurt!"— Und nun, den Schein in der Tasche, treten wir hinaus, aus der Gerichtsstube — müßten wir uns nicht wie ausgestoßen, wie fremd und verloren Vorkommen? Wir gehen vor der neuen Synagoge der Hauptgemeinde vorbei, die wir wohl nicht besuchen; aber die Pietät knüpft uns doch an die Stelle; hier stand ja unsere Alt- und Neuschul! iknsere? Wir haben keinen Theil mehr daran, jetzt erst recht nicht, denn wir gehören ja der Gemeinde nicht mehr an. Hier ist unser Hekdesch, unser Krankenhaus, unser alter Friedhof, auf welchem von unseren Vorfahren der Geschlechter Viele ruhen; — unser? Wir haben kein Theil mehr daran; die Hauptgemeinde kann uns von allen diesen Institutionen, von allen Stiftungen, wohlthätigen Anstalten und Vereinen ausschließen, zu welchen wir seit Jahrhunderten gehören. Aus den uralten frommen Familien Kann und Dann und Rapp, Goldschmidt und Schwarzschild und wie sie Alle heißen, sollen ganze Zweige sich loslösen, die Famitten zerfallen; sie sollen theilweise nicht mehr eigentlich Frankfurter Baals Battim sein! Das ist ja eine halbe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.