Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 40 (6.10.1874)
- Date
- 1874-10-06
- Page
- Seite 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nur dadurch können sie erweisen, daß sie auch Ueberzeugungstreue haben. Wenn sie das Bedürfnis läugnen, so legen wir ihnen die Fragen vor: Ist es wahr, oder seid Ihr auch heute noch nicht überzeugt, daß eine Partei, deren aus dem Fanatismus geschöpfte unausgesetzte und auftegende Rührigkeit nicht zu läugnen ist, damit umgeht, das Judenthum zu spalten, zu zerklüften, aufzulösen? Könnt Ihr mit dieser Partei gehen, ohne Euer geistiges Leben hinzugeben? Sie, die noch nicht 1/10 ^er Gesammtheit der Judenheit sind, behaupten, allein die rechten, die wahren Juden zu sein, und streben danach, alle, die nicht durch dick und dünn mit ihnen gehen, auszustoßen. — Wo sie — zustoßen? Das ist jetzt noch nicht klar! Aber klar ist, daß ein Maßstab für den engumgränzten Kreis gar nicht gefunden werden kann, in dem Jene sich bewegen; daß sie selbst nicht wissen, wer und ob überhaupt der That und Ueberzeugung nach ein Einziger unbedingt dem Principe zustimmt, das sie aufstellen? Unverkennbar ist, daß das von ihnen in: Augenblicke aufgestellte Erkennungszeichen für den rechten, wahren, ״orthodoxen" Juden nicht zehn Jahre vorhält; daß es gerade wegen seiner Starrheit durchaus unhaltbar ist. Wer bewußt einen Paragraphen des Schulchan-Aruch Übertritt, ist diesem Principe nach kein Jude mehr! Und wo ist der, dem sie noch Alle gültig sind und der sie alle ausführt? Können wir, kann die große Mehrheit der Juden mit diesen Männern gehen? Was aber einigt uns? Was macht uns zu Juden? Was ist denn, das uns bei der Fahne erhält? Wir sagen: unser religiöses Bewußtsein! Das mag für den Einzelnen genügen tmb — genügt Vielen wirklich. Die Gesammtheit aber braucht äußerlicher Zeichen, Erkennungs- und Haltepunkte. Sie braucht Normen. Das Ueberkommene in seiner noch zu Recht bestehenden Form und Erscheinungsweise, genügt uns dafür nicht, es widerstrebt unserer Ueberzeugung; es kann uns nicht Hallen, seine Zeichen sind uns unverständlich, seine Normen widersprechen unserem religiösen Bewußtsein. Und doch wissen und bekennen wir laut: Wir sind und bleiben Juden. Was also thun? So müssen denn neue Formen und Haltepunkte festgestellt werden. Es müssen auch für uns gemeinsame äußerliche Erkennungszeichen vorhanden sein. Die Ideen müssen sich verkörpern. Das ist die Aufgäbe des Judenthums in der Gegenwart; es war das Bestreben der Synode, der Rabbiner-Versammlungen und Conferenzen; es muß auch das unsere werden! Wo ist die Synode? Die Synode war der Ausdruck des Bewußtseins der Zusammengehörigkeit der Gesinnungsgenossen; in der allgemeinen Flucht ein Halt; in der unaufhörlich sich steigernden Zersplitterung ein Sammelpunkt. Den Zertrünrmerern gegenüber ein Wiederaufbau, ein Risseverbesserer. Soll sie ein Experiment, ein Versuch gewesen sein? Sollen ihre Feinde frohlocken? Soll Hochmuth und Selbstsucht eindringen und zerstören, was die Liebe und Hingebung aufbauen wollte? — Das kann nicht sein. Wenn der Begriff der Synode vielleicht nicht recht gefaßt ' werden konnte, so muß ein anderer an dessen Stelle treten. Wenn inan mit ihrer. Form, ihrer Berufungsweise nicht einverstanden ist, so mögen sich neue Formen und Berufungsweisen finden. Aber — freiwillig und ohne Noth das .Feld ganz den Gegnern und Feinden überlassen, sich aufgeben und die heilige Sache, der man mit Bewußtsein und Treue gedient, — das nimmermehr! Man hat den bisherigen Synoden den Vorwurf gemacht, daß sie ihre Aufgabe fand im Zerstören. Gut denn, so mögen die kommenden, freien Synoden auf bauen. Es gilt allerdings jetzt Positives hervorzumfen. Man versuche es, und es wird gelingen. Man wird dafür vielleicht mehr Theilnahme finden. Hiergegen — die religiöse Richtung, der wir angehören, hinsiechen lassen, so allmälig ihre Träger bestatten, und nicht danach trachten, nicht wissen und erfahren, ob Andere an ihre Stelle kommen, ob Andere in die Fußtapsen treten, das Erkämpfte erhalten und fortsetzen; das ist gar sehr traurig und entmuthigend für diejenigen, die an den alten Idealen festhalten. Wir wollen eine Synode, die sich auf einen freien Verein, einen Verein für den Fortschritt im Judenthume stützt. Oder mehr noch, da das Wort Fortschritt nicht mehr ganz zeitgemäß und zutreffend sein mag: Wir wollen einen Verein, der sich die Schöpfung solcher Jnstitutionen zur Aufgabe macht, welche die lichtvollen Ideen des Judenthums und den Erfolg seiner geschichtlichen Entwickelung verkörpern, zur Anschauung bringen; welche, nachdem sich die Negation des Veralteten gleichsam selbst und naturgemäß vollzogen, Positives, Lebenbringendes, Erweckendes erzeugen und befestigen. Wir wollen einen Verein von strebenden, begeisterungsfähigen jüdischen Männern und Frauen, deren Versammlungen in ihrer Spitze sich zu Synoden gestalten, die in freier Besprechung das pflegen und fördern, was sodann seine Strahlen wirft und seinen Einzug hält in unsere Synagogen, Religionsschulen, in die Stätten der jüdischen Wissenschaft und des jüdischen Lebens allerwärts. Werden wir für diesen Verein, für diese Bestrebungen keine Freunde finden? Unsere Stimme wird vielleicht auch diesmal wieder ungehört verhallen. Aber die Zeit wird kommen, wo Andere rufen werden in demselben Geiste, zu demselben Zwecke — und man wird sie hören und ihnen antworten. Das ist unsere Hoffnung, das ist unser Mahnruf — nach den Festen! Correjponäenz. Ans Süddeutschland, im September. Sie scheinen!in Ihren: Stillleben von einer sich seit Kurzem entwickelnden; Gährung in jüdischen Kreisen Süddeutschlands keine Ahnung! zu. haben. Und doch ist diese im Stillen keimende Bewegung! bedeutend genug und bald werden sich die Folgen eines Um-! schwungs erkennen lassen, der alle Welt in Erstaunen setzen! wird. Mir hat's ein Vöglein erzählt — und was ich da!vernommen habe, erzähle ich nun Ihnen wieder. — Sie; kennen den Einfluß der orthodoxen Nebbes in unserer von!religiöser Parteiung auch in nichtjüdischen Kreisen stark heim-!gesuchten Gegend. Im Norden und in anderen großen jüdischen Gemeinden des Südens ist von Separatgemeinden gar nicht die Rede. - In Berlin ist eine Scheidung eine! Naturnothwendigkeit gewesen, und Jedermann weiß, daß! Dr. Hildesheimer's Partei theilweise aus Urpolen und! Ungarn, theilweise aus Elementen der zweifelhaften Eul-^! turgattungen zusammengesetzt ist. Nur im Frankfurter und Mainzer ׳Minhagkreise grassict diese Lust der Bildung von!Religionsgesellschaften, und Wiesbaden und Darmstadt haben,!nun auch ihre orthodoxen Religionsgesellschaften, ihre Rabbinerchen — und sinds auch keine Lichter, ihr Fanatismus!ist desto dichter. Sonst sinds ganz unschuldige Männlein, , nicht einmal von der Erbsünde behaftet, — denn sie haben