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Jüdische Volkszeitung · 1874-09-29 · 39 (29.9.1874) · p. Seite 311

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
39 (29.9.1874)
Date
1874-09-29
Page
Seite 311 (sequence 5)
Language
German
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311 Tempel betrifft, so stellten die Talmudisten den kühnen reformatorischen Grundsatz auf: '״'ש כה וכו die Rabbiner: haben die Gewalt, ein mosaisches Gesetz außer Kraft zu setzen" — mit der Hinzufügung freilich, ״wenn es eine Unterlassung betrifft." Mein die Außerkraftsetzung mosaischer Vorschriften hat auch bei thatsächlichen Handlungen stattgefunden, wie wir Solches in unserer ״Schrift des Lebens" näher darstellen werden. Hier nur Ein Beispiel. Damit der Versöhnungstag nicht auf Freitag oder Sonntag, sowie das Hoschana-rabba-Fest, früher am siebenten Tage des Hüttenfestes mit besonderer Feierlichkeit begangen, nicht auf Samstag treffe, finde in solchen Fällen eine wirkliche Verschiebung (.רה״ר) statt, indem man, damit es weniger ins Auge falle, möglichst schon frühe im Jahre zwei Monate nach einander (Cheschwan und Kislew) beide 30 oder 29 Tage zählen läßt, während sonst die Monds-- monate regelmäßig mit 29 oder 30 Tage Dauer abwechseln. Es findet demnach eine wirkliche Verlegung des Versöhnungstages statt, welcher, gegen die Kalenderberechnung, an einem unrichtigen Tage gefeiert wird, damit die Todten, sowie die geschnittenen Pflanzen auf dem Felde, nicht von Freitag bis Montag liegen bleiben müssen. Es darf demnach Neujahr niemals auf Sonntag, Mittwoch oder Freitag fallen (לא את ראש). Wenn sie also, dringender Zeitverhältnisse wegen, selbst mosaische Gesetze so frei behandelten, so ist uns um so mehr die Beseitigung einer rabbinischen Satzung gestattet, wo Solches, wie beim zweiten Feiertage der Fall, ein so dringendes Bedürfniß der Zeit ist. Das Blasen auf dem Horne (vgl. Beigabe II. S. 31) ist nun freilich das nicht mehr, was es im Tempel war, wo es in einer!kunstfertig musikalischen Handlung (chochma) bestand, ein förmliches Terzett bildete, ״das Horn in der Mitte und zwei Posaunen zur Begleitung" (שופר באמצע וכר). Allein da es sich hier um so mosaische Vorschriften handelt, so haben wir uns bei der Reform auf das Nothwendige beschränkt und daher beide Handlungen, Schophar für Neujahr und Lulaf für den ersten Tag des Hüttenfestes, bei unserem Gottesdienste am Sabbath als unumgänglich religiös geboten erachtet. Denn nicht zerstören, sondern aufbauen ist unsere heilige Pflicht und hohe Aufgabe. Correjponäenz. Berlin, 15. September. Wir befinden uns zur Zeit zwischen den heiligsten jüdischen Feiertagen, die einzigen, an denen mit verschwindend kleiner Ausnahme die ganze jüdische Bevölkerung Berlins Synagogen oder wenigstens intenmistisch dazu hergerichtete Betlokale besucht. Es ist hiebei allerdings sehr mißlich, daß viele leider durchaus gezwungen sind, ihre Andacht in zu nichts weniger als zu erbaulichem Gottesdienst geeigneten Lokalen zu verrichten, aber es ist dies wenigstens bis jetzt ein nothwendiges Uebel und vor der Hand nicht zu ändern; denn die hiesige jüdische Gemeinde hat wohl für das ganze Jahr Synagogen genug, die aber dennoch der mit jedem Jahre anwachsenden jüdischen Bevölkerung an diesen hohen Festen nicht genügen. Aber geradezu abschreckend und. im höchsten Grade empörend ist es, wenn mit dem religiösen Bedürfnisse taufender intelligenter jüdischer Frauen und Männer Berlins der ׳chnödeste Schacher getrieben wird; denn, nicht genug, daß schon fast der ganze interimistische Gottesdienst in diesen Lokalen der reinen Spekulationswuth, ohne das . geringste Interesse für die Sache, anheimgefallen ist, wird in diesem Jahre die Profanation der Religion und schamlose Ausbeutung derselben zum bloßen Gelogewinn so weit getrieben, daß man es nicht mehr verschmäht, durch tägliche Plakate an den Litfaßsäulen zum Ankauf von Billets das Publikum anzulocken und dem Berliner das ergötzliche Schauspiel zu bieten, neben einem Dutzend von Plakaten, die zu den berüchtigsten Tanz- und Vergnügungslokalen einladen, auch eines mit großen hebräischen Lettern prangen zu sehen — das zum Gottesdienste auf die hohen Feste einladet. Aber die Herren Entrepreneurs geben sich mit solch schändlicher Entweihung jedes religiösen Gefühls noch nicht zufrieden. Vielleicht angeeifert durch die guten Geschäftchen, die ein gewisser Johann Tszel berüchtigten Angedenkens seiner Zeit mit der Dummheit der Menschen gemacht, spekuliren auch unsere ״frommen" Herren Unternehmer auf diesen wie es scheint leider noch lange nicht ausgegangenen Artikel, wahrscheinlich gestützt auf das zwar alte, aber ewig neue Sprichwort ״die Dummen werden nie alle". Auf der Rückfeite der Einlaßbillets zum Gottesdienste sind nämlich die denkwürdigen Worte zu lesen:״ Diejenigen Herren und Damen, welche wünschen, daß die Namen ihrer Verstorbenen hebräisch oder deutsch (versteht also Gott doch auch deutsch?) bei der Seelenseier genannt werden, sollen nur die Namen hebräisch oder.deutsch aufschreiben und das Geld (natürlich das wichtigste bei der Sache) im Voraus (wie vorsichtig) an der Kasse zahlen. Also mit anderen Worten: Wer den Obolos zahlt, wird selig, nun warum denn nicht ״wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt". Nun soll einer sagen, nur die Katholiken haben Ablaßeinrichtung, schnell beeilt sich die jüdische Orthodoxie* *) ihr es nachzumachen. Und das wagt man den aufgeklärten Juden Berlins zu bieten, in unserer fortschrittlich gesinnten Zeit! — (Denn daß nicht auch viele der freisinnigen Juden sich durch solche Reklame an den Säulen haben ins Garn locken lassen, ist kann: anzunehmen). Und dann soll man sich wundern, wenn mit jedem Jahre der Synagogenbesuch auch an diesen drei Tagen abnimmt, und es schließlich, wenn nicht bald eine radikale Aenderung eintritt, noch dahin kommen wird, daß die Besseren sich ganz zurückziehen werden. Solche Zustände sind wie keine sonst geeignet, die jüdische auf ganz vernünftige Grundlagen beruhende Religion in den Augen der Gebildeten in Miskredit zu bringen, ja lächerlich zu machen. Als Appendix dazu erfahren wir aber, daß in der kleinen Nosenthalerstraße von einer Christin eine Synagoge für die jüdischen hohen Feste eingerichtet, und, um fromme Schafe in diesen gerade nicht in feiner Umgebung liegenden Stall zu locken, von dem hyperorthodoxen Prediger eines hiesigen Vereins vr. Hildesheimer eingeweiht wurde!! (Der Herr meint wohl, daß sein Wort jeden Raum entweihe, wollte sagen ׳— entsündige!*) Und warum denn nicht? Solche Weihen sind auch ein Geschäft!) Eine Besserung dieser elenden Verhältnisse läßt sich nur dann erwarten, wenn die hiesige Gemeinde künftig selbst .*) Man weiß, daß wir gerade nicht die Orthodoxen zärtlich behandelt wissen wollen. Ob man aber diesen Herren Entrepreneurs nicht zu viel Ehre anthut, sie ״orthodox" zu nennen, möchten wir doch dem Herrn Correspondenten zu berücksichtigen geben. Sind die Herren wirklich orthodox? Redaction. *) Ein Witzbold schrieb an die Thüre eines Wüstlings, der endlich eine sehr häßliche und bösartige Frau ins Haus führte מיאוסה (מיהר.) מכפרה. Redaction.

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