Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 39 (29.9.1874)
- Date
- 1874-09-29
- Page
- Seite 308 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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308 — 308 ffa t geklingel absehen, das bis zum Ueberdruß schon über diesen Punkt laut wurde, nicht die Tochter der Kirche. Sie ist ganz'und gar eine selbstständige Institution, die dem lebendigsten Bedürfnisse der Menschheit entsprossen, eine nothwendige Folge und eine Erzeugerin der Cultur zugleich. Sie lehrt Religion, — und nach unserer Ansicht, die sich durch solche Aussprüche und Anordnungen, wie die des bayrischen Cultusministers nur noch bestärkt, nach streng consessionellen Normen für die Schüler einer jeden Confession, die sie besuchen. Aber dieser Unterrichtsgegenstand mag für das Seelenleben der Schüler von der höchsten Wichtigkeit sein, das Leben der Schule hat mit ihm dennoch nicht abgeschlossen. Und der confessionelle Religionsunterricht reicht nicht weiter als seine Stunde, alles was außer ihm liegt, hat mit ihm und mit allem Christlichen durchaus nichts zu schaffen. Der confessionelle Religionsunterricht aber muß von einem der entsprechenden Confession angehörigen Lehrer allen Schülern gleichmäßig ertheilt werden; in allen übrigen Stunden muß der Volkslehrer allen seinen Schülern durchaus unparteiisch gegenüber stehen. Was ist denn nun aber sonst noch vom christlichen Charakter in der confessionell-gemischten Schule, selbst wenn kein jüdischer Lehrer und keine jüdischen Schüler da sind? Betrachten wir einmal Aeußeres und Inneres der Volksschule und sangen wir beim Aeußern an. In der katholischen Schule wird ein Chrucifix hängen. Die Protestanten werden dies als Bilderdienst verhöhnen. Von Deutsch- und Altkatholiken, von Freigemeindlern und anderen christlichen, nach den Anschauungen unserer Zeit vollberechtigten Secten und Glaubensrichtungen innerhalb des Christenthums sehen wir ab. Die Protestanten wollen vielleicht mit einem Choräle aus ihrem Gesangbuche beginnen; den katholischen Kindern ist dies ein Gräuel. Das ״Vaterunser", das hochheiligste Gebet der Christen kann wegen der Abweichung im Texte in gemischten Schulen nicht gesprochen, das Kreuz nicht gemacht werden. Darum kann die Schule immer doch von tiesreligiösem Geiste getragen und durchdrungen sein. Es kann in ihr nichts destoweniger andächtig gebetet und gesungen werden; aber christlich im Sinne der Kirchen — und das sind doch einmal die vollberechtigten Organe des Christenthums und ״Christen" ohne der Beifügung ״katholisch, protestantisch, reformirt, lutherisch" u. s. w. gibt es nicht, — christliche also im concreten Sinne der Kirchen sind diese ״religiösen" Gebete und Gesänge nicht mehr; es fehlt ihnen das specistsche, posttive Element. Fragen Sie einmal bei diesen Organen, bei den Bischöfen und Consistorien an! Sind die übrigen Unterrichtsgegenstände christlichen Charakters? Ist der Gesammtgeist ״christlich" — oder wenn die Schule in richtig pädagogischem Geiste geleitet wird, sind die Herren der Pädagogik Vertreter gewesen dieses sögenannten christlichen Charakters der Volksschule? Man frage umher bei den Lehrern Deutschlands. Alle diejenigen, welche zurechnungsfähigen, selbstständigen Geistes sind und auf dem Boden der neuen Zeit stehen — und das sollte doch mindestens die große Mehrheit sein, — bekennen sich freudigen Muthes als Schüler Diesterwegs. Nun denn! Wir selbst hatten es einmal gewagt, in einer von der Kreisschulcommission, d. i. von einem protestantischen und einem katholischen Geistlichen geleiteten Lehrerconferenz Diesterweg zu nennen und die Ansicht auszusprechen, er sei denn doch lein Heide und kein Jude, sondern ein Christ gewesen. Der katholische, jetzt verstorbene Geistliche hat letzteres entschieden verneint; der protestantische Geistliche schwieg! Leider schwiegen damals — auch die Lehrer; Viele — stimmten sogar zu und sprachen mir, dem Juden, das Recht und das Verständniß für ein solches Urtheil über Diesterweg's Christenthum ab! Stehen die besseren Lehrer demnach, wenn sie sich als Schüler Diesterweg's bekennen, auf dem Standpunkt des ״christlichen" Charakters der Volksschule nach Herr von Lutz? Ist das Lesenlehren eine christliche Uebung? Ist die deutsche Muttersprache ein christliches Bildungsmittel? r. Waren die Träger der deutschen Nationalliteratur, waren r Schiller und Göthe — Christen in dem angeführten Sinne? Würde Lessing die Juden vorn öffentlichen Schuldienst ausschließen, wenn er heute noch lebte? — Ist das ״Rechnen" eine ״christliche" Wissenschaft? Waren die Christen die Begründer der Mathematik? Sind Archimedes, Ecklid und Pythagoras gute Christen gewesen? Oder war der Mann, der füglich einer der größten Meister und Methodiker des Rechenunterrichts in der neuen Zeit war, Mayer Hirsch — ein Christ? Erhält die Schule durch den Rechenunterricht einen christlichen Charakter? Sind's etwa die Naturwissenschaften, welche dem bayrischen Cultusminister so sehr am Herzen liegen, und sind diese ״christlichen Charakters"? Sollen wir von der Geschichte des Unterrichts in den Naturwissenschaften und ihren Trägern im Allgemeinen oder von den christlichen Regulativen aus der preußischen Reaktionsperiode und ihrem Widerstand gegen den naturkundlichen Unterricht sprechen? Sollen wir darlegen, wie dieser Unterricht verkümmert worden von den Herren der Schule in einer Zeit, von der wir hofften, daß sie weit, weit hinter uns liege? Aber vielleicht ist ,die Geographie vom ״christlichen" Charakter! Wenn wir nicht irren, gibt es ein Lehrbuch der Geographie, welches die Väter der Mission zu Verfassern hat, und welches als Culturmittelpunkte die Missionsstationen anführt, vielleicht ist es diese, die Herr von Lutz einzuführen gedenkt? Doch nein, die Mission ist eine lutherische, d. i. ketzerische Jnstitution und da Herr von Lutz katholisch ist, so können auch nur katholische Anstalten und Institutionen von den geistlichen Vertretern seiner Kirche als echt christlichen Charakters anerkannt werden. Was hat die mathematische Geographie mit dem ״christlichen Charakter" der Schule zu schaffen? Sind die Vertreter des osstciellen Christenthums wohl die Freunde des; Kopernikus, des Galliäi gewesen? Und — was lehrte Knack und Consorten noch vor wenigen Jahren? Die Geschichte? Allerdings ist die Geschichte des letzten Jahrtausends christlichen Charakters; das Christenthum war der Hauptfaktor des Fort- und Rückschritts in dieser Epoche; wer könnte das v läugnen wollen? Ja, die Religionskriege, die Anthipatien und Sympathien der Völker gegen einander in Folge der consessionellen Verschiedenheiten, der Kampf des Kaiserthums gegen das Papstthum vor der Reformation und dann nach derselben die Versöhnung, ja die Allianz dieser beiden Mächte der Christenheit zur Unterjochung der Völker — sie bilden den bedeutendsten und lehrreichsten Theil der Weltgeschichte der neueren Zeit. Aber glaubte Jemand im Ernste, daß der jüdische Lehrer allen diesen Vorkommnissen gegenüber in der gemischten, confessionslosen Schule nicht so sicher Parteilichkeilen vermeiden würde — als der katholische oder evangelische Lehrer? Ihm — ist ja der Blick nicht getrübt durch Erziehung und Unterricht. Kann etwa ein Minister Herz und Nieren prüfen? Sind etwa unter den katholischen und protestantischen Lehrern