Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 38 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- Seite 303 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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303 ־״u Herr v. G. blieb jedoch bei seiner׳ Behauptung und erklärte außerdem, daß er von nun an kein jüdisches Begräbniß hier dulden werde, das nicht srüher seine Genehmigung hätte, wozu er sich berechtigt halte, da der jüdische Begräbnißplatz an der Grenze der Stadt Koschmin aus Territorimn des Dorn. Orla liege, also zum Districte des hiesigen Commissariats gehöre. — Man sollte wohl rneinen, daß diese Erklärung nur im Spaße geschehen — doch dem war nicht so. Herr Commissarius v. G. erließ in den nächsten Tagen eine Verfügung an den hiesigen Corporationsvorstand, daß er kein Begräbniß gestatte, das nicht früher seine Genehmigung habe. Der Corporationsvo» stand errviderte hierauf schriftlich, daß er nur verpflichtet sei, beim hiesigen Magistrat, resp. der hiesigen Polizeiverwaltung die Genehmigung;um Begräbnisse nachzusuchen, wie es stets geschehen, und werde von dieser Praxis nicht abgehen. Herr Districts-Commissarius v. G. wollte aber durchaus seinen Willen durchgeführt sehen, und als heute ein Begräbniß stattfinden sollte, begab sich derselbe in Begleitung eures Gensd armen im Voraus auf den jüdischen Friedhof. Bei Ankunft des Leichenzriges trat er an der Thüre des Vorhofes auf dem der jüdischen Genreinde gehörigen Grund und Boden dem Zuge entgegen, indern er laut schrie: ״Ich verbiete dieses Begräbniß!" Als nun der anwesende Rabbiner mit beut Eorporationsvorsteher näher tretend fragten, mit welchem Rechte er dies verbiete, war seine Erwiderung: ״Haben Sie die Erlaubrriß hierzu?" Hierauf erklärte der Corporationsvorsteher, daß er die Genehmigung von der Polizeiverwaltung in Koschmin habe und da außerdem allen gesetzlichen Vorschriften genügt sei, bitte er, ferner diesen religiösen Act nicht zu stören.. Nun aber trat Herr v. G. einige Schritte zurück, zog einen Nevolver, laut rufend: ״Ich will doch sehen, wer hier durchkömmt!" Nun entstand ein großer Lärnr durch Stimmen aus dem Trauergeleite, welche schrieen, mit welchem Rechte er den Revolver gezogen. Herr v. G. befahl hierauf dem anwesenden Gensd'armen: ״Schreiten Sie ein!" Dieser verhielt sich jedoch ganz passiv, da er wohl einsah, daß ein polizeiliches Einschreiten hier nicht ave Platze. Mittlerweile kam auch Herr Commissarius v. G. zur Einsicht, daß weiter Nichts zu machen sei, da er füglich das ganze Trauergeleite nicht gut niederschießen konnte. Anton , steckte den Degen ein — und verzog sich. Der Schluß dieses Dramas wird wohl vor dem Staatsanwalt enden, da diese Sache jedenfalls zur Anzeige gelangt. (Pos. Ztg.) Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. 'Aus TemesNar vom 1. d. Al. wird gemeldet: Seit gestern weilt eine Deputation jener religiösen Secte bei uns, die sich Sabbatheaner nennt und noch häufig in Siebenbürgen zu finden ist. Der Zweck des Hierseins derselben ist ein ganz eigenthümlicher. Ihre aus 34 Familien bestehende Genreinde in Ujfalu, Udvarhelyer Stuhl, beabsichtigt nämlich zum Judenthum überzutreten und sammelt milde Beiträge zur Anschaffung von mosaischen Gesetzrollen und sonstigen Tempelgeräthschaften, zu welchem Zwecke ihnen auch von Nichtjuden reichliche Sperrden zufließen. Interessant ist, was man von diesen Leuten über das Wesen ihrer Secte, sowie über ihre sonstigen Verhältnisse erführt. Bis vor Kurzem wußten sie nur Eine Sprache: die ungarische, und selbst ihre Gebete, welche übrigens blos aus Uebersetzungen der hebräischen Hauptgebete bestanden, waren in dieser Sprache abgefaßt. In letzter Zeit haben sie auch so viel Hebräisch gelernt, um Gebetbücher mit hebräischem und ungarischem Text zu gebrauchen. Schweinefleisch haben die Sabbatheaner immer für rinrein gehalten, und demzufolge winstneln ihre Dörfer von Gänseheerden. Ihr Glaube hatte stets mit dein mosaischen die größte Aehnlichkeit; doch erlitten sie irr früherer Zeit so viele Verfolgungen, daß es bei ihnen Gewohnheit wurde, ihren Cult nur inr Verborgenen zu üben. So erzählen sie, daß ihr ״Versöhnungstag" stets in einem Keller gefeiert wird, wo auch die jüdisch-rituellen Beschneidungen vorgenommen werden, denen oft sechs bis acht Kinder gleichzeitig unterzogen wurden. Wie die Gäste versichern, bereitet sich unter der ganzen Secte ein Umschwung vor, so daß es höchst wahrscheinlich ist, daß sämmtliche Sabbatheaner-Dörfer in Siebenbürgen in Kurzem den: Judenthume angehören werden. Die Sabbatheaner ftitb sämmtlich Landwirthe und sehr arbeitsam und mäßig. Czernowlkz, 7. Sept. Von hier aus wird der ״N. Fr. Pr." berichtet: ״Auf telegraphischem Wege haben Sie bereits die Nachricht erhalten, daß unsere Handels- und Gewerbekammer vorgestern Herrn Jacob Kohn zum Landtags-Abgeordneten gewählt hat. Diese Wahl muß als eine ganz entsprechende bezeichnet werden, denn Herr Kohn, der Kammerrath und Handelsgerichts-Beisitzer ist, gehört zu den intelligentesten und geachtetsten Vertretern des hiesigen Handelsstandes und besitzt in hohem Grade jene Eigenschaften, die bei einen: Vertreter der Handelskammer im Landtage vorausgesetzt werden. In politischer Hinsicht zählt Herr Kohn zu den verläßlichsten Mitgliedern unserer verfassungstreuen Partei, für die er auch im Landtage, sobald es die Situation nur irgendwie erfordern sollte, sicherlich ohne Zögern und mit aller Entschieden- -heit eintreten dürfte. In Herrn Kohn erhält überdies der Landtag eine tüchtige Kraft für finanzielle und volkswirthschastliche Angelegenheiten." Frankreich. Paris, 8. Sept. Heute Mittag also fast zu gleicher Zeit wie in Nürnberg — um 2 Uhr wurde der neue israelitische Tempel in der Rue de la Victoiredurch die Großrabbiner Zadok-Kahn und Isidore feierlich eingeweiht Die neue Synagoge, in einem aus byzantinischen und maurischen Elernenten combinirten Style ausgeführt, würde mit ihren gewaltigen Verhältnissen von Außen einen imposanten Eindruck machen, wenn sie nicht in einer sehr engen Straße gelegen wäre. Türkei. Constatttmopel. In Folge neuer Judenmishandlungen! hat der Polizeicommissar strenge Maßregeln ergriffen, mit deren! Bekanntmachung die Geistlichkeit beauftragt wurde. j £itcr«rifd1c§. i Unter dem Titel: ״Wie erziehe ich meine Tochter?"! ist im Verlage von I. W. Pascheles (Prag) ein beherzigens- ' werthes Büchlein erschienen, das aus der Feder von Frau!Fanny Neuda geflossen ist. Die Verfasserin hat sich in : jüdischen Familienkreisen durch ihre ״Stunden der Andacht",! ein Erbauungsbuch, das auf jeder Seite tiefes Gefühl und! feine Kenntniß des menschlichen Herzens verräth, einen guten Nanren gemacht. Das jetzt erschienene Büchelchen wendet sich; an alle Mütter ohne Religionsunterschied und behandelt in anregender Gesprächsform einige Erziehungsfragen mit ebenso : viel Verstündniß als Geschmack. ׳ Sammlung gemeinverständlicher Vorträge von Virchow und Holtzendorff. Heft 199. Die Feuerzeuge. Von Or. med. Stricker. Heft 200. Das Varianischc Schlachtfeld im Kreise Beckum. Bon Hofrath Esscllen. Heft 201. Die Piccolomini. Von Prof. Richter. H. 202. Erdbeben und Vulcane. H. 203. lieber ornamentale Kunst auf der Weltausstellung. Von Bruno Bücher. H. 204. Das Sinnen- und *;