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Jüdische Volkszeitung · 1874-09-22 · 38 (22.9.1874) · p. Seite 300

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
38 (22.9.1874)
Date
1874-09-22
Page
Seite 300 (sequence 2)
Language
German
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300 großen und edlen jüdischen Gemeinden — wir nennen beispielsweise Frankfurt a. M-, Leipzig, Dresden — zur Zeit noch eurer so hingebenden Pflege, daß sie die entsprechenden nichtjüdischen Institutionen weitaus überragen. Dennoch hören wir hier urrd dort und immer mehr von Vielen allüberall das unfreundliche Wort: Wir betheiligcn uns nicht an jüdischen Dingen; das hat sich überlebt, ist rricht mehr zeitgemäß. Das ist, mit Verlaub, insbesondere wenn von rvohlthätigen Anstalten die Rede ist, ein großer Unsinn, und zwar insbesondere so lange die nichtjüdischen Vereine ähnlicher Art ihren ausschließlicherr kirchlichen Charakter beibehalten. Und ist ein jüdischer Unterstützungsvcrein mindestens nicht ebenso berechtigt, als eine Loge, oder irgend eine andere, auf bestiMnte, umschlossene Kreise, auf Handwerker, Fabrikarbeiter, Krieger sich stützende Unterstützungscasse oder Genossenschaft? — Aber auch die reinreligiösen Anstalten, die Synagoge, die Religionsschule, die Gemeinde selbst, hat das vollste Recht auf die Theilnahme selbst derjenigen, die sich vorgeblich, — denn tatsächlich ist es in aller: Fällen Selbsttäuschung — dein Confessionellen entwachsen wähnen, geschweige denn derjenigen, die in der einen oder anderen Weise sich am religiösen Leben betheiligen, diese Anstalt benützen wollen. Das kann doch nicht geleugnet rverden, daß die Religionsgemeinde, die Anstalt für den öffentlicher: Cultus, ein Gesarnmtbedürfniß, eine Ar:- stalt auch der Cultur und Gesittung des Volkes ist, selbst wenn wir von dem, was der großen Mehrheit specifisch religiös ist, absehen wollten. Wie gering ist doch die Zahl der Gebildeten in nichtjüdischen Kreisen, die ״keine Religion" haben, keiner Religionsgenossenschaft mit bestimmt ausgcsprochenen Grundsätzen angehören! Nur bei den Juder: ist die Zahl derer leider sehr groß, die sich um gar nichts kümmern und bisher eben nur als Nichtchristen den jüdischen Gemeindesäckel füllen halfen. Damit kann uns auch in der Gegenwart nicht gebient sein. Wir brauche!: lebendige, thatkräftige Mitglieder, welchen das Wohl der Gesammtheit, der sie durch Geburt und Abstanunung, also durch Thatsachen, die sich nicht ableugnen lassen, angehören, am Herzen liegt, die dasselbe zu fördern suchen mit Einsatz ihrer Persönlichkeit. Wir brauchen mit einem Worte thatkräftige Mitglieder, Vorstände und Reprüsentanten der Gemeinden; und nicht blos zahlende Mitglieder, denen ״das ganze Getriebe" gleichgültig oder gar zuwider ist. Wir brauchen Männer, die wissen, was sie wollen, und die bereit sind, der Gesamrntheit in der: Gemeinden und in den wohlthätigen Vereinen und Anstalten, welche die alte Zeit uns ans Herz gelegt hat, zu bienen mit voller Kraft und in thätiger Hingabe. Wir sagen nicht allein: mehr Licht, sondern auch: mehr Wärme! Diese warme, hingebende Fürderung aller der Institutionen, rvelche durch das jüdische Gemeindeleben bedingt sind, - wir können darunter allerdings nur diejenigen verstehen, welche nach unserer Ansicht unbedingt zu den religiösen Anschauungen und Bedürfnissen unserer Zeit gehören, ist die Pflicht eines jeden Israeliten. Dadurch allein wird das Bewußtsein der Zusanrmengehörigkeit, der inniger: Lebensgemeinschaft unter uns gefördert, welche für unsere Väter die Quelle aller Freuden war und auch für uns die Fülle wahrer, herzinniger Lebensfreuden mehren Hilst. Trotz all der Bande, welche uns mit dem Vaterlande, der politischen Gemeinde, der Gesammtheit unserer Zeitgenossen verknüpfen, bleibt wohl für denjenigen, der den rechten Ernst hat und die Freude am Wohlthun Raum und Zeit für die engere Gemeinschaft, der wir mit nicht minder heiligen Banden angehören und die ein Redlichdenkender nicht abschütteln nrag. Die Pflege des Religionsunterrichts, der Geschichte unseres Volkes bei unserer: Kindern soll die Erinnerung fördern an die Thaten und Schicksale unserer Väter; die Pflege der jüdischen Wissenschaft soll die Gemüther, welche durch Parteileidenschaften getrennt wurden, versöhnen; denn Versöhnung ist nur möglich unter freien -Geistern — und tnc Wahrheit wird Euch frei machen. DieLiebe zu dem Gerneinwesen, in welches wir hineingehören, die Theilnahme an Allem, was dessen Wohlsein fördern kann, rvird die Freude erhöhen, welche das Wohlthun und das Bewußtsein der Zusarnrnengehörigkeit hervorruft; das Bewußtsein nänrlich, das Gute in kleinen Kreisen zu unterstützen und gerade dadurch erst recht unsere Pflicht gegen das große Ganze zu erfüllen. Möge die Freude an der Förderung alles Guten wachsen am Feste der Freude und eine Saat'des Heils entsprießen für Alle! — Corresponäenz. Nm'Nbtt'g. Bewunderungswürdig wie die neue Gottesstätte, eben so herrlich war die heute, 8. September, stattgefundene Weihe. Die Feier begann im alten Betsaal, der von nur: an nur noch an den Werktagei: dem Gottesdienste gewidmet bleibt. Hier wurde das Abschiedsgebet gesprochen und die Thorarollen herausgenommen. Hierauf setzte sich der Zug, in dessen Mitte der Vertreter der Kreisregierung, Herr Regierungsrath v. Morett, sowie der hiesige protestantische Stadtpfarrer, Hr. Seiler, in seiner Amtstracht zu bemerken war-- zur Synagoge in Bewegung. Voran schritten die Confirmanden beiderlei Geschlechts, die Mädchen Palmzweige, die Knaben brennendeKerzen tragend; hierauf folgten sieben auswärtige Rabbinen, in ihrer Mitte der hiesige Rabbiner, Hr. Dr. Levin, sämmtlich Thorarollen auf den Armen; den Schluß bilvete die Schuljugend und eine Anzahl Festgäste. Auf der Freitreppe angelangt, nahm Herr Baurath Wolfs den Schlüssel und übergab ihn dem Administrationsvorstand, Hrn. Dr. Josephsthal. Dieser drückte dem Baurneister Dank und Ar:erkenrnrng aus für das vollendete ehrenvolle Werk und übergab den Schlüssel Herrn Bürgermeister v. Stromer, mit der Bitte, der Vertreter der Stadt möge die The re des neuen Gottes- Hauses öffnen, nachdem die Stadt den Israeliten in so menschenfreundlicher Weise eine neue Heimath geboten habe. Herr v. Stromer erklärte sich bereit, die Pforten des Gotteshauses zu öffnen, das urn so großartiger erscheine, als es nur durch .Opferwilligkeit in der hiesigen Gemeinde — ohne Hilfe von irgend einer Seite sonst — entstanden sei. Er könne auf die Bemerkung des Vorredners, daß die Israeliten ihren Stolz darein setzen, ihre bürgerlichen und gemeindlichen Pflichten zu erfüllen, das Gesagte in allen Theiler: bestätigen. Die Synagoge war dicht besetzt; außer den Mitgliedern der hiesiger: Gemeinde waren Deputationen königlicher und städtischer Behörden, Verwaltungsmitglieder israelitischer Gemeinden, u. A. aus München, Augsburg, Fürth, Bamberg, und sonstige zahlreiche Festgäste erschienen. Nun erfolgte der Einzrrg in die Synagoge unter Musik irnd voller Orgelbegleitung. Nach Executirung der programmmäßigen Lieder, Psalm 118, Ma tobu, Benediction Schehechejanu, geschah der feierliche Umzug, wobei wir Gelegenheit hatten, zurr: ersten Male den kunstgeübten Cantor, Hrn. Singer, ein Schüler Sulzer's, der seinem Namer: alle Ehre macht, nach seiner: herrlichen Leistungen kennen zu lernen. Nach Absingung von Sch'ma Israel wurde die hl. Lade geöffnet, die Thorarollen daselbst untergebracht und vorn Herrn Rabbiner I)1\ Levin, dem 4 Knaben mit brennenden Kerzen folgten, das ״beständige Licht" mit einer i

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