Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 38 (22.9.1874)
- Date
- 1874-09-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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||ochinsdtri{t fm! Jjmmtlc 111$ j|ortschritt$ in ^Lineimle und ^cliulis. ^ynngogtz und ,ßtl’tcffuna«» 11e{,1״c1k1d!f)aubfu1fl"n au״ unb Herausgegeben von 3L Kkingenstein in Ingelheim. preis viertcljMriich Wj., Agr. Inserate sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 gesp. Zeile 2 Sgr. No. 38. Leipzig, den 22. September 1874. Inhalt: Leitartikel: Einige Aufgaben des Judenthuins in der Gegenwart. III. Correspondenzen: Nürnberg. Aus dem Großherzogthum Hessen, ' Frankfurt a. M. Rundschau: Berlin, Üoschmin, Temesvar, Czernowitz, Paris, Constantinopel. Literarisches: Ueber Erziehung der Töchter. — Sammlung gemeinverständlicher Vorträge. — Deutsche Zeit- und Streitfragen. Feuilleton: Ein englischer Romanjude. (Fortsetzung? Vermischtes. Achawa: Einnahme im August 1874. Briefkasten der Nedaction. Anzeigen. Einige Aufgaben äe8 I11äent1u1m8 in äer Gegenwart. Festbriefe an die geehrten Leser der ״Volkszeitung". III. Zum Freudenfeste! Die Tage des Ernstes, der Buße sind vorüber; das Judenthum, oder doch die Religionsgemeinde mit ihren Institutionen und vor allem die Synagoge haben für einengroßen Theil unserer jüdischen Zeitgenossen ihre Bedeutilng wieder für ein Jahr verloren. Sie kehren gn ihren Lebensgewohnheiten und Beschäftigungen zurück und alle die weihevollen Eindrücke, die sich mit ernsten und wohlthuenden Erinnerungen aus der Jugendzeit, mit dem tief in: Menschen überall angebildeten und angelegten Bedürfniß nach Versöhnung, nach Einigung und Ausgleichung verwoben, sind bis auf einen Schatten verwischt. — Schade um die verlorene .Mühe!.... Vielleicht verliert sich aber doch eines unserer Blätter als mahnendes Erinnerungszeichen zu Einem oder dem Andern dieser Versöhnungsbedürftigen und fragt ihn: Denkst Du daran? Denkst Du an die Laubhütte und den Feststrauß im Elternhause? Erinnerst Du Dich der Wonnen, dis diele Feste einst dem Kindesherzen brachten, und kannst Du mit Aufwand aller Deiner Kräfte Deinen Kindern in Deinem festlosen Hause für jene verlorenen Freuden einen Ersatz bieten? — Wir verlangen nicht geradehin die Laubhütte selbst, die, wir wisses es ja, in unserer wohnungstheuern Zeit, in unseren zierlich eingerichteten Räumen, oft durchaus unmöglich wär,e! ' Wir verlangen nicht von Euch, daß Ihr Euch Rheumatismus und Schnupfen holt in den zugigen Sukkoth, — aber eine Festesfreude im Familienkreis für Euch und Eure .Kinder, wäre sie nicht ein würdiger Abschluß der ernsten Festestage? Unsere jüdischen Feste schließen sich der Natur des Maschen- Herzens an und das verlangt: Nach Erhebung, ernster Andacht und Versöhnung auch festliche Freude. Die wahre Freude ist aber doch nur die gemeinsame; die im Kreise Gleichdenkender genossene. Und das bringt uns auf den Gedanken, an eine weitere Aufgabe des Judenthums in der Gegenwart, nachdem wir zu den vergangenen ernsten Festen zwei derselben gekennzeichnet haben. In der alten Zeit war die jüdische Religionsgemeinde ein engumschlossener Kreis, gleichsam eine erweiterte Familie. Für die Meisten enthielt dieser Kreis — die Familie und die Gemeinde — Alles, das ganze Leben. Die Leiden und Freuden eines Jeden fanden Wiederhall in allen Herzen der zur Gemeinde Gehörigen und wenn sie sich auch oft in Parteien schieden, so waren es doch nicht Principienkämpfe, religiöse und Lebens-Anschauungen, die hier scheidend und trennend für alle Zeit wirkten, sondern persönliche Fehden, Reibereien aus Herrschsucht und Rechthaberei insbesondere, die das Gemeindeleben aufregten und zuweile!: auch wohl empfindlich schädigten; die nothwendigen religiösen und Gemeinde- Institutionen aber erfreuten sich schließlich doch wieder der Pflege Aller und blieben erhalten. Kau?n die Feste, so vereinigten sich Alle wieder in der Synagoge — zu gemeinsamer Festesfreude'. Aus jener Zeit ist noch so manches Ehrwürdige übrig geblieben. Aber, indem wir eintraten in die größeren, umfassenderen Gesanuntheite!:, als uns ׳ine Wirksamkeit im Staate und in der Civilgemeinde eröffnet wurde, als wir ein Vaterland bekamen und an: politischen Leben uns betheiligen durften, da vergaßen Viele der kleinen Kreise, aus welchen sie hervorgewachsen, alles Jüdische wurdet ihnen gleichgültig, sie wurden indifferent nicht alleii: gegen alles specifisch Religiöse, sondern auch gegen die herrlichen, ivohlthätigen, Humanitären Institute, die die jüdische Religionsgemeinds erzeugt. Man mißverstehe uns nicht: wir sagen nicht, daß die religiös Indifferenten auch herzlos, d. i. gleichgültig wurden gegen die Hunranität, gegen dieWohlthätigkeit selbst: nein, das jüdische Herz verleugnet sich auch in seiner Entartung nicht! Aber man fand doch das Getriebe in diesen religiösen Genossenschaften oft sehr kleinlich; man glaubte es seinen politischen und religiösen Anschauungen schuldig zu sein, alles ״Confessionelle", also auch die wohlthätigen Institute der Confessionsgemeinde ignoriren zu müssen, wie man seine Feste und gemeinschaftlichen Freuden mied, und wandte sich ausschließlich dem Großen, Ganzen zu. Wohl hat die Entfaltung eines größeren Wohlstandes zur Folge gehabt, daß die jüdischen Vereinigungen, Stiftungen und ivohlthätigen Anstalten trotzden: sich nicht allein erhielten, sondern bisher sogar sich oft noch blühender gestalteten, da st denselben reichere Hilfsquellen sich eröffneten. Insbesondere erfreuen sich diese jüdischen Anstalten in einigen ausgezeichneten,