Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 37 (15.9.1874)
- Date
- 1874-09-15
- Page
- Seite 292 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 292 — Wir finden diese einzig und allein in der Ausbreitung der Wissenschaft des Judenthums, in der Pflege derselben! Wenn wir den Motiven der Verwirrung nachgehen, welche im Judenthume der Gegenwart herrschen, so finden wir sie einzig oder doch vorwiegend in dem Kampfe, den die Unwissenheit und die ausgesprochene Obscuranz gegen die aufstrebende Wissenschaft des Judenthums führt. Als die neuere Zeit die Jünger der Thorawissenschaft nöthigte, die profane Wissenschaft — wir gebrauchen den Ausdruck ״profan", obwohl wir diese Bezeichnung im Hinblick auf die Wissenschaft ganz unstatthaft finden — ebenfalls zu pflegen und in das Bereich ihrer Bestrebungen und Studien zu ziehen, da empörte sich zuerst das Herkommen gegen den Eindringling, gegen jedes Wissen, das nicht durch das Medium hebräischer Lettern aufgenommen werden konnte. Unsere Väter und Mütter mußten die ״deutschen Bücher" in Nachtstunden und auf geheimen Plätzen lesen. Als dann die neue Art des Wissens dennoch immer mehr zunahm, als man sogar diese Wissenschaften auf das religiöse Gebiet hinüberlenkte; die vaterländische Sprache, die wissenschaftliche Untersuchung und Kritik auch auf das religiöse Schriftthum Einfluß zu erlangen begann, da stemmten sich die ״Wächter Zions und des Gesetzes" gegen diese Berechtigung und — Anmaßung, wie sie sagten. Sie konnten und können sich wohl selbst des Einflusses der Wissenschaft nicht erwehren; die ״Bildung" ist ein Lebensbedürfnis! ge« worden; sie dringt mehr und mehr in alle Kreise, und hat auch die besiegt, die am Herkommen festhalten wollten; — aber einen Einfluß auf Religion und religiöses Leben wollen sie ihr auch heute noch nicht gönnen. Da soll Alles intact bleiben! Auch jetzt gibt es noch eine Schaar von Thorajüngern, welche nur in Nebenstunden einige Gymnasial- und akademische Studien nothgedrungen machen, um den unentbehrlichen Doctortitel zu bekommen, Studien, die aber hier durchaus außer Beziehung zum Judenthum und zur jüdischen Wissenschaft bleiben sollen. Neben und über diesen steht eine andere, wenn auch zur Zeit noch sehr bescheidene Zahl hervorragender jüdischer Männer, welche mit dem Geräthe und den Waffen strenger Wissenschaft die Quellen der Lehre und Geschichte, der Lebensentwickelung des Judenthums durchleuchteten, Religion und Wissenschaft zu einigen, zu verbinden strebten, ihr Leben dieser Wissenschaft widmeten, die materiell doch so schlecht lohnt; — und diese Wissenschaft des Judenthums allein — sie wird die Versöhnung bringen dem in Heerlagern gespaltenen Israel; sie allein kann die Einheit wieder herstellen; sie allein wird die seichte Negation, den Jndifferentismus ebenso wie die scheinheilige Werkheiligkeit bannen. Sie ist, genau betrachtet, eine Schöpfung dieses Jahrhunderts, obwohl auch schon die Früheren mit der Wissenschaft ihrer Zeit dies Judenthum zu durchleuchten suchten.. Oder war die Versöhnung, die die alexandrinische und die spanisch-philosophische Schule zwischen Philosophie und Religion herzustellen unternahmen, nicht ein Erzeugniß ganz gleichen Strebens? Und dennoch hat Geiger Recht, wenn er*) sagt: ״Die Wissenschaft des Judenthums ist nach dem vollen Sinne, welchen wir mit dem Begriffe der Wissenschaft verbinden, noch erst im Zustande des Werdens, sie soll als solche erst geschaffen werden. Ein reicher Schatz von Materialien liegt zerstreut umher, mancher beachtenswerthe Versuch zur Sichtung und Läuterung des Materials ist unternommen, manche fruchtbare *) Erster Bericht der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums. Leistung ist dargeboten, eine vierzigjährige*) Geistesarbeit auf diesem Gebiete hat zu sicheren Resultaten geführt, neue folgenschwere Entdeckungen an einander gereiht." — Dieser Wissenschaft sind Stätten errichtet. Wir gehören nicht zu den Verblendeten, welche die hohe Bedeutung des Seminars zu Breslau leugnen wollen. Aber gerade in Bezug auf Gründüng und Dotirung solcher Anstalten stimmen auch wir nicht mit denjenigen überein, welche einen reichen, unantastbaren Fond für dieselben verlangen, welche die materielle Frage für alle Zeiten lösen möchten und davon das Heil der Anstalt abhängig glauben. Wir wollen, daß das Leben seinen Beitrag leiste, daß die wissenschaftliche Anstalt stets auf die Theilnahme-׳ der Religionsgesellschaft recurrire, diese aber auch ihre Schuldigkeit in vollem und reichem Maße stets freudig leiste, und so die Schule und das Leben ein Ziel verfolge. Wir glauben, daß die Worte eines Testators ein stabiles Element in eine wissenschaftliche Anstalt tragen, das derselben hinderlich sein und bleiben muß; denn die Schule — und eine Hochschule, eine Stätte der Wissenschaft ist das doch im höchsten Sinne des Wortes — soll sich mit dem Leben, dem mit der Wissenschüft wachsenden und sich aus derselben erzeugenden Geistesleben fort und fort entwickeln. Da aber könnten die Worte eines Testators, der doch immer ein Mann seiner Zeit war, oft hindemd in den Weg treten. Andererseits möchten wir für die jüdische Wissenschaft doch auch eine Einigung, nicht eine Zersplitterung der Kräfte, damit diese sich voll und reich entfalten könnte. Ja, die jüdische Wissenschaft, wie sie auf diesen ״Hochschulen" gepflegt wird; wie sie mit Wärme und heiliger Begeisterung die Quellen der Thora durchforscht und zugleich das Leben und die ״lebendige Wissenschaft der Gegenwart" umfaßt, sie und nur sie allein kann und wird die Einigung und Versöhnung des zerstreuten Israels begründen und wiederherstellen. Wenn die Jünger der Wissenschaft als Rab- 5 biner und Prediger, als Lehrer und Führer des Volkes hinaustreten ins Leben, werden sie mit warmer Begeisterung für die angestammte Lehre auch den richtigen Tact und Charakter verbinden, sie werden das richtige Berständniß des Lebens und das Bewußtsein des stetigen Fortschrittes, der nimmer abschließenden Entwickelung und die heilige Liebe zum Judenthum und zur Menschheit mit sich bringen und das wird ihrem Amte die Bedeutung und den Einfluß wieder gewinnen, der — leider jetzt — so vielen jüdischen Volkslehrern fehlt, weil ihr Wissen Stückwerk geblieben und nicht zu jener Harmonie gekommen ist, die die Einheit des geistigen Lebens und die Versöhnung bringt. Darum glauben wir, daß es der Bedeutung des Versöhnungstages für die jüdische Gesammiheit am besten i entspricht, wenn wir unseren Lesern die Förderung der Wissen- . schüft des Judenthums und der ihr gewidmeten Stätten recht -; dringend ans Herz legen, weil im Lichte die Versöhnung begründet ist. Nicht die äußere Wahrung der Form, sondern nur das innere geistige Leben gibt den Festen ihre Bedeutung. Und das große, erhabene, fast von Allen noch gefeierte s Fest der Versöhnung muß uns mahnen, Stätten zu gründen .; und zu fördern, in welchen das geistige Leben der Gesammt- -.! heit pulsirt, die die Einheit und die Versöhnung vorbereiten ׳ und fördern. ד* י Schulen, Religionsunterricht für das Volk, für einen . *) Hier datirt Geiger allerdings sehr selbstgefällig etwas zu spät. Die Arbeiten von Zunz. Jost, Saalschütz und Anderen sind älter als 40 Jahre.