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Jüdische Volkszeitung · 1874-09-08 · 36 (8.9.1874) · p. Seite 282

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
36 (8.9.1874)
Date
1874-09-08
Page
Seite 282 (sequence 2)
Language
German
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282 thum den Todesstoß gegeben haben, Eurem Judenthum, nicht dem alten, unverfälschten. Das Judenthum lebt jetzt nur noch in ״unseren" ״orthodoxen" Gemeinden und Religionsgesellschäften, wir sind seine Erhalter! Seht Ihr, wie unsere An- Hänger in die Synagoge eilen, früh Morgens, wo noch kaum der Tag anfängt zu grauen? Sie lassen die Sterne ihre Führer sein auf dem Wege zur Synagoge, bekleiden sich mit Todtengewändern oder mit Gebetmantel und Gebetriemen, wie ihre Väter gethan, sagen und schreien wohl mehr als hundert Mal in diesen Tagen der Buße mit heiliger Inbrunst ״Der allmächtige Gott und König, der auf dem Throne der Barmherzigkeit sitzt"*), klopfen sich die Brust, fasten und ka׳ steien sich; das sind die echten, die wahren, die einzigen Juden! Wir werden danach trachten, daß sie sich von Euch trennen, die Ihr ein neues Judenthum an Stelle des alten setzt. Wohlan, die Feste werden uns Gelegenheit geben, daß wir unseren Freunden und Anhängern das Bedürfniß dieser absoluten Trennung wieder einmal recht klar machen, ans Herz legen! Bald kommt ja die Zeit, wo uns nichts mehr im Wege steht, wo wir uns von der Rotte Korah, von den Abtrünnigen, trennen dürfen! In die unterste Hölle mit Euch, Ihr Ketzer, Ihr Verräther, die Ihr Euch nicht zu 40 (weniger 1) Schläge mit dem ledernen Riemen (מלקות) bequemt, Eure Gelübde nicht zerstört (הפרת נדרים), mit Euren Sünden nicht Zum Wasser wallet (תשליך)! Wie, Ihr wollt Euch dennoch Juden nennen und vernachlässigt alle diese heiligen Pflichten?" Ja, wir wollen es, wir wollen uns rechte Juden nennen! Und wir wollen heute nicht kämpfen mit Euch, nicht ausvecken die Blößen Eures Gedankenganges, Eurer Heuchelei und Eurer Oberflächlichkeit, Ihr, die Ihr zur Rechten und Ihr, die Ihr zur Linken steht, sondern wir wollen uns nur an die wenden, welche mit uns das Judenthum erhalten wollen in seiner Klarheit und Wahrheit; welche mit uns streben wollen für seine Verherrlichung unter den Menschen. So lange unter uns das Fest der Erinnerung gefeiert wird, wollen wir erinnern an die uns gewordene Aufgabe, die Erkenntniß zu verbreiten ״ ויעשו כלם אגדה אתתdamit Alle einmüthigen Sinnes werden, den Willen des Schöpfers mit vollkommenem Herzen zu erfüllen." Wodurch aber kann die Ausgabe dieses Festes erfüllt werden, die mit den wesentlichsten Aufgaben des Judenthums der Gegenwart zusammenfällt? Wir sprechen von ״Erinnerung" nicht nur im individuellen Sinne. Wir sollen uns erinnern, Zurückblicken auch auf die Geschichte und religiöse Entwickelung im Judenthum. Und wie wir da erkennen an der wunderbaren Leitung und Erhaltung unseres Stammes und des geistigen Lebens in demselben, daß das Judenthum nimmermehr verloren gehen kann, so lange seine Mission nicht erfüllt ist, die es für die gesammte Menschheit übernommen, so führt uns das Bild entschwundener Zeiten auch eine stetige äußere Umbildung der Lebensformen des Judenthums vor Augen, die uns die Aufgäbe desselben erkennen lassen, sich fortzubilden und stetig zu entwickeln mit der fortschreitenden Cultur in der Menschheit, zu wachsen in der geistigen Erkenntniß und in der reineren Auffassung des religiösen Lebens. Wie aber sollen wir uns erinnern, wie sollten und könnten wir Etwas fortbilden, was wir nicht durch und durch erkannt haben? Und darum ist heute, wie zu jeder Zeit, die erste Aufgabe des Judenthums, der jüdischen Religionsgemeinde, beizutragen zur Erhaltung und Fortbildung des Judenthums durch Ausbreitung der Erkenntniß und der Geschichte,! durch religiösen Unterricht. Wollt Ihr Euch erinnern,! so müssen die Ereignisse der Vergangenheit Euch bekannt sein;! und sollen Eure Kinder die Träger des jüdischen Lebens wer-! den in der Gegenwart und Zukunft, so müssen sie eingeweiht! sein in der Geschichte der religiösen Entwickelung der ver-! gangenen Jahrhunderte. Ja, heute wie alle Zeit ist die Ausj breitung von Lehre und Erkenntniß, ist Unterricht in der Re- Tigion, ist das ושעתם לכגיך (Du sollst sie—die Gotteslehre : — deinen Kindern einprägen), die erste und wichtigste Auf-! gäbe der jüdischen Gemeinde, des Einzelnen wie der Gesammtheit. Diese Aufgabe vorzuführen den Männern in Israel in : den Tagen, die auch in dieser Zeit ihren Einfluß auf die Gemüther sich erhalten haben, dürfte wohl die würdigste Feier derselben sein. Das Judenthum lebt im Lichte, in der Erkenntniß der Wahrheit, in Bildung und Cultur, — im Unterrichte. Es ist eine Religion der Lehre (Thora); Bildung und Lehre ist ihm Religion. Was können alle die Veranstaltungen für den Gottesdienst und das Gemeindeleben nützen, wenn nicht in die Herzen der Kinder der Same eingestreut wird, diese Institutionen zu pflegen, zu erhalten und auszubilden? Wie oft haben wir wiederholt: was nützt die Erbauung neuer prachtvoller Gotteshäuser, was nützen die Veranstaltungen für die innere Umbildung der Gebetordnungen, die neuen Gebetbücher, wenn unsere Kinder sie nicht lesen können? Es ist immer und immer wieder die Aufgabe derjenigen in Israel, die zu seiner Erhaltung und Fortbildung berufen sind — und das sind doch eigentlich Alle, insbesondere aber die Vorstände,; die Rabbinen und Lehrer, — Veranstaltungen zu treffen, daß einem jeden jüdischen Kinde ein entsprechender Religionsunterricht zu Theil werde, der es befähige, an der inneren Ent- Wickelung und am gottesdienstlichen Leben sich zu betheiligen. Geschieht dies nicht, raffen sich die jüdischen Gemeinden nicht auf, um das herbeizuführen, so sind alle anderen Vorkehrungen für die Erhaltung des Judenthums, die wir treffen könnten, nichtig und vergeblich. Man wird heute nicht von uns verlangen, daß wir Mittel und Wege andeuten, wie etwa dieser Zweck zu erreichen wäre, auf welche Weise diese Aufgabe erfüllt werden kann. Man wird uns ebensowenig zurufen, daß wir Unmögliches verlangen. Wir können nie aufhören, denselben Gedanken zu wiederholen, die gleiche Mahnung auszusprechen. Wohl hat sich mit der Zeit unsere Ansicht in einer Weise verändert. Wir haben früher Schulen, jüdische Schulen verlangt. Die Zeiten und Verhältnisse haben sich mittlerweile j ganz außerordentlich geändert und wir müssen jetzt einstehen! für die gemeinsame, die confessionslose Volksschule. Aber wir! dürfen um deswillen doch nicht aufhören, die Fürsorge der! jüdischen Gemeinde wachzurufen für die Erhaltung des Juden-!thums durch jüdischen Religionsunterricht. Wir können nicht j aufhören, zu betonen, daß das Judenthum seine Kraft aus- | in einem gediegenen Religionsunterrichte wieder-; finden kann. Mit dieser ״Erinnerung" beginnen wir das neue Jahr; das ist unser Neujahrsbrief an die Vertreter und Wächter des Judenthums: Möge sich die Erkenntniß der Wahrheit immermehr ausbreiten, die Stätten guten Religionsunterrichts in Israel wachsen und dadurch das Licht und die Liebe allerwärts zunehmen. Wir glauben nicht, daß wir einen größeren, wichtigeren, einschneidenderen Gegenstand besprechen konnten zu dieser Festeszeit. Die Lösung dieser Frage ist geradezu Lebensfrage. Und so rufen wir denn den Lehrern des Judenthums, C אל מלך יושב על כםא רתמים.

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