Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 35 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 279 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Georg verliehen.! lÜutemdits- und Erzielrungswe^eu. j ״Die Pflege der Augen in den Schulen" war! das Thema, dem die Pädagogische Gesellschaft in Leipzig,! Sonnabend, den 11. Juli einen zweiten Abend widmete, nach-j dem in einem früheren Vortrage Herr Prof. Di־. Wenzel über den Bau und die Verrichtung des Auges gesprochen hatte.! Nachdem bereits das vorige Mal die Anforderungen an! den Schulbau zur Sprache gekommen waren (möglichst freiej Lage, Vermeidung der Süd- und Ostseite zu Unterrichtslocalen,! keine Lichtversperrung durch nahe, das Licht grell reflectirende! Gebäude), kam diesmal in erster Reihe die Beschaffenheit der j Bänke zur Erörterung. Es erscheint dringend wünschenswerth, daß! bei Anschaffung neuer Bänke die Erfahrungen praktisch verwerthet j werden, die man in den letzten Jahren in so vielen Ländern > auf diesem Gebiete gemacht hat. Es ist eine unabweisbare Forderung der Humanität, daß die Bank, auf welcher unsere Jugend einen so großen Theil ihrer Schul- und Lernzeit zubringt, ihr nicht zu einer Marterbank werde, auf welcher den j erhöhten Anforderungen unserer Zeit nachzukommenn, körperliehe Gesundheit und Sehkraft zum Opfer fallen. Wer die einschlägige Literatur nur einigermaßen verfolgt hat, wer die Schildbach-Cuntze'sche Schulbank kennt, wer auf der Wiener Weltausstellung die außerordentlich zweckmäßigen Schulbänke und Schultische in Augenschein genommen, der empfindet es schmerzlich, wie so ungemein schwer und langsam derartige segensreiche Veranstaltungen der Schule zugute kommen. Wie viele Bänke auch unserer Leipziger Anstalten schlagen allen pädagogischen, allen gesundheitlichen Forderungen geradezu ins Gesicht, haben weder Lehne, noch entsprechen sie den Körperverhältnissen der sie Benutzenden. Hier thut Abhülfe dringend Noth, ganz besonders aber muß gewünscht werden, daß bei Ausstattung neuer Classen und Schulgebäude die gewonnenen Resultate volle Berücksichtigung finden. Da es aber feststeht, daß durch anhaltenden Blick in die Nähe und vorn übergebeugte Haltung ein gesundes Auge kurzsichtig, ein myopisches aber noch kurzsichtiger werden kann, so folgt hieraus, daß schlecht construirte Bänke zur Erzeugung oder Zunahme der Kurzsichtigkeit beitragen; denn die Kinder sind durch diese Bänke gezwungen, die Schrift in großer Nähe und bei vornübergebeugtem Kopfe zu betrachten, vr. Hermann Cohn, Augenarzt in Breslau, der die Augen von über 10,000 Schulkindern und die Bänke von 33 Schulen untersucht hat, fand, daß in keiner einzigen Schule die Höhe und Breite der Bänke von Classe zu Classe entsprechend dem Wachsthum der Schüler zunahm. Dagegen fand er 1) die zu große Differenz, 2) die zu große Distanz, 3) die zu große Bankhöhe und 4) die horizontalen Tischplatten zur Entstehung von Kurzsichtigkeit geeignet. Aus den Untersuchungen des vr. Cohn folgt: Es giebt keine Schule ohne kurzsichtige Schüler. Die Zahl der Kurzsichtigen in den verschiedenen Schulen ist sehr verschieden. In den Dorfschulen gibt es nur wenig Kurzsichtige (durchnittlich 1,4 Procent). In den Stadtschulen sind 8 mal mehr Kinder kurzsichtig als in den Dorfschulen (durchschnittlich 11,4 Proc.). In den städtischen Elementarschulen findet man 5 mal mehr Kurzsichtige als in den Dorfschulen (durchschnittlich 6,7 Proc./ Höhere Töchterschulen sind reicher an Kurzsichtige als Elementarschulen (durchschnittlich 7,7 Proc.). Es existirt eine constante Reihe der Kurzsichtigenzahl von der niedrigsten bis zur höchsten städtischen Schule (Elementarschulen 6,7 Proc.; Mittelschulen 10,3 Proc.;Realschulen 19,7 Proc.; Gymnasien 26,2 Proc.;) Auf den Mittelschulen ist mehr als der 10., auf den Realschulen fast der 5. und auf den Gymnasien mehr als der 4. Theil der Kinder kurzsichtig. Solche Zahlen sollten doch Alle, denen das Wohl der Jugend am Herzen liegt, veranlassen, auf Beseitigung derartiger Uebelstände zu dringen, damit das edelste Organ des Kindes mehr geschont werde, als es jetzt geschieht! — Jeden Pädagogen müssen sie aber drängen auf die Kurzsichtigen unter seinen Schülern die nöthige Rücksicht zu nehmen. Ja es erscheint die Frage am Platze, da beim Kurzsichtigen die Wahl des Berufes ganz besondere Erwägung fordert, ob es nicht besser sei, derartige Schüler vom Zeichenunterricht gänzlich zu dispensiren. Besondere Beachtung außer der natürlichen und künstlichen Beleuchtung-, von der früher die Rede war, verdient ferner der Anstrich der Wände (Heller in dunklern, dunkler in Hellen Räumen), die Stellung der Bänke, auch des Katheders. Die Schüler müssen stets gleiches Licht von links oben und vorn empfangen, das Pult darf nie zwischen zwei Fenstern Aufstellung finden. Lackirte Tafeln sind schlechterdings zu verwerfen; am besten sind sie so zu construiren, daß sie an beliebigen Orten, je nach dem einfallenden Lichte aufgestellt werden können. Weiße Tafeln sind besonders für den naturwissenschfatlichen Unterricht wünschenswerth. Ganz besondere Aufmerksamkeit ist in dieser Beziehung auch den Schulbüchern zuzuwenden. Es ist erstaunlich, mit wie wenig Rücksicht für die Augen manche Verleger ftir Schulen bestimmte Bücher, Atlanten rc. ausstatten. Es dürfte kein Schulbuch Eingang in die Schule erlangen, das nicht nach Druck und Papier den zu machenden Ansprüchen genügt. Die Tauchnitz'schen Stereotypausgaben der griechischen und lateinischen Classiker, aber auch viele für die Volksschule bestimmte Bücher sind solches Augenpulver. Beim Schreiben lasse der Lehrer nicht zu sehr auflegen, dulde keine zu feinen Federn, keine nicht ordentlich durchscheinenden Linienblätter. Die, wenn auch wohlfeilen Schiefertafeln mit ihren Strichen hellgrau auf dunkelgrauem Grunde, strengen der geringen Farbencontraste wegen die Augen sehr an. Blasse Tinte ist verwerflich, die jetzt in den Leipziger Schulen herrschende Tintennoth ist eine wahre Calamität. Viel zur Verhütung des Nebels beitragen kann ein zweckmäßig aufgesetzter Lectionsplan, der es vermeidet, daß nach Stunden, welche das Auge bereits ermüdet haben, die Sehkraft weiter anstrengende Lectionen folgen. Wünschenswerth