Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 35 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 278 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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278 Staat und Kirche, sowie für das Berufsleben durch Unterricht, Uebung und Erziehung die Grundlagen der Bildung und sittlichen Tüchtigkeit zu gewähren. § 2. Diese Aufgabe der Volksschule umfaßt: Unterweisung in der Religion, sowie Einführung in das Verständoiß des kirchlichen Bekenntnisses und Lebens derjenigen Confession, welcher die Schule angehört; Anleitung zum jrichtigen Gebrauch der deutschen Sprache rc. § 3. Nach Maßgabe dieser Bestimmungen wird durch den Minister der Unterrichtsangelegenheiten, nach Anhörung der kirchlichen Behörden in Betreff des Religionsunterrichts, ein Grund-Lehrplan aufgestellt" rc. Der Falk'sche Entwurf lautet: 1§״. Die öffentliche Volksschule hat die Aufgabe, der Jugend durch Unterricht und Erziehung die Grundlagen der Bildung und sittlichen Tüchtigkeit zu gewähren. § 2. Diese Aufgabe der öffentlichen Volksschule umfaßt: Unterweisung in der Religion, Anleitung zum richtigen Gebrauch der deutschen Sprache rc. § 3. Nach Maßgabe dieser Bestimmungen wird durch den Minister der Unterrichtsangelegenheiten, nach Anhörung der betreffenden Religionsgesellschaften in Betreff des Religions- Unterrichts, ein Grund-Lehrplan aufgestellt" rc. Troppau, 13. August. Es wird von hier aus der Wiener ״Presse" geschrieben: Die Zahl der an den Mittelschulen studirenden Israeliten hat in den letzten Jahren wohl auch anderwärts, in Schlesien aber ganz wesentlich zugenommen. In Troppau werden Gymnasium und Realschule von zusammen hundert israelitischen Jünglingen besucht; in Teschen studiren am Gymnasium fünfzig, an der Realschule sechsundvierzig, in Bielitz am Gymnasium einunddreißig, an der Realschule hundert, in Jägerndorf an der Realschule elf Jünglinge israelitischer Confession; an den Real-Gymnasien in Weidenau und Freudenthal sind drei Juden eingetragen. Weniger Anziehungskraft für die Israeliten scheinen die Lehrer-Bildungsanstalten zu haben. In Troppau bereitet sich nur Ein israelitischer Zögling für den Lehrerberuf vor; die Lehrerinnen- Bildungsanstalten daselbst zählt unter ihren Zöglingen vier israelitische Mädchen. An den Lehrer-Bildungsanstalten zu Troppau und Bielitz war noch kein Israelit als Zögling eingetragen. Den Religionsunterricht für die israelitischen Schüler der schlesischen Mittelschulen besorgen zum Theil autorisirte Religionslehrer, so in Troppau Leopold Singer, in Teschen Kreisrabbiner Friedmann, in Bielitz Prediger vr. Frankfurter, in Jägerndorf Lehrer Anschlowitz; zum Theil wird dieser Unterricht in provisorischer Weise von Schächtern versehen. Breslau, im August. Sicheren Nachrichten zufolge wird der Cultusminister schon der nächsten Landtagssession einen Entwurf über das zu erwartende Judengesetz unterbreiten. (I. Pr.) Aus Frankfurt a. M. bringt das ״Fkf. Journal" auffallender Weise unterm Zeichen des f (Kreuzes) folgendes sehr bezeichnende Eingesandt. Gestern beging die Israelitische Religionsgesellschaft die Feier der Grundsteinlegung zu dem durch den enormen Zuwachs ihrer Mitglieder nothwendig gewordenen Anbau ihrer Synagoge. Die nach Inhalt und Form gleich treffliche Festrede hielt Herr Rabbiner Hirsch. An die Rede reihte er die Verlesung der ersten Bau-Urkunde vom Jahre 1852 und der neuesten von gestern, in der uns bei Erwähnung der jüngsten Kriegsjahre der Passus interessirte: ״Frankfurt hat die Selbstständigkeit verloren, um als Perle an der Krone eines großen Königs zu glänzen." Nach der üblichen Versenkung der Urkunden in den Grundstein und den drei Hammerschlägen auf denselben, richtete der derzeitige Vorsitzende des Gemeindevorstandes in dessen Namen und in dem der Gemeinde Worte des Dankes, an Herrn Rabbiner Hirsch, als den Motor der segensreichen Erstarkung und des Wachsens der Gemeinde, so daß sie als Muttergemeinde aller jüngeren dieser Richtung im gesammten Deutschland dastehe, worauf er, die Hand des Herrn Rabbiners erfassend, diesem die lebhaftesten Segenswünsche ausdrückte, in welche die große Versammlung mit einem kräftigen Amen einstimmte. Ein gut ausgeführter Choralgesang schloß die Feier. Frankfurt a. M. Wir halten nicht sehr viel von der Freimaurerei und ihrem geheimnißvollen Wesen. Es mag mancher Funke aus den Werkstätten des Ordens ausgegangen sein; das kann uns aber nicht blenden. Die Verwerflichkeit des Jesuitenordens wird Niemand leugnen wollen; daß trotzdem einzelne edeldenkende und wissenschaftlich hochgebildete Jesuiten Etwas für die Menschheit leisteten — kann das ihr sonstiges Thun und Treiben entschuldigen? — Daß aber das Freimaurerthum noch heute an — bezeichnen wir es mit dem gelindesten Namen — an Vorurtheilen verwerflichster Art leidet, werden die Herren, wenn sie im Uebrigen edle und gemeinnützige Zwecke verfolgen, nicht leugnen können. Wie könnten sie also den Anspruch erheben, eine Institution zu sein, in welcher das Licht gepflegt? Nach dem ״Allgemeineu Handbuch der Freiinaurerei" huldigen die ״große Landes-! löge von Deutschland" und die große ״National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln" heute noch dem christlichen Princip und nehmen keine Juden auf. Die Großloge ״Royal Dork" hat diese Ausschließlichkeit vor Kurzem abgelegt. Die deutschen Logen arbeiten unter acht verschiedenen Systemen; es waren also bis vor Kurzem drei, jetzt zwei von diesen Logensystemen den Juden verschlossen. Von den übrigen fünf Großlogen Deutschlands haben die von Sachsen, von Hamburg, der ״Eclectische Bund" von Frankfurt a. M. und die große von Bayreuth nie eine christliche Ausschließlichkeit gekannt. Dennoch mögen wohl wenig Juden dort Aufnahme gefunden haben, da, wie wir wissen, in Frankfurt eine eigentlich jüdische Loge bestand (״Zur aufgehenden Morgenröthe"?) Die Großlöge von Hessen (״Zur Eintracht") hat sich ebenfalls erst neulich von dieser Ausschließlichkeit losgesagt. Können solche Systeme und Vorurtheile segensreich wirken in der Gegenwart? Bockenheim. Die israelitische Gemeinde in Bocken- Hein: hat sich durch Herrn Baumeister W. Heymann eine neue Synagoge mit großen Opfern ihrerseits erbauen lassen. Dieselbe ist nicht allein zweckentsprechend, sondern auch höchst geschmackooll ausgeführt. Nachdem das Werk nun vollendet, erfolgt dessen Einweihung kommenden Freitag. Neben den Spitzen der staatlichen und städtischen Behörden sind auch die Vorstände der verschiedenen Confessionsgemeinden zu dem feierlichen Acte geladen. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien, 10. August. Die ״N. Fr. Pr." erhält aus Smyrna folgenden Bericht: ״Letzten Mittwoch fand in einer hiesigen Synagoge ein Trauergottesdienst für den verstorbenen Baron Anselm v. Rothschild statt, welcher sich zu wiederholten Malen als ein Wohlthäter und theilnehmender Freund der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde bewährte. Während der Trauerfeierlichkeit, welcher auch der hiesige österreichisch-ungarische Generalconsul, Hofrath v. Scherzer, beiwohnte, war die Flagge auf dem Consultatsgebäude auf halben Mast gesetzt. Auch hier läßt Freiherr v. Rothschild in dem eben beendeten Spitale für arme kranke Israeliten ein unvergängliches Denkmal seiner Munificenz, Humanität und Nächstenliebe zurück."