Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 35 (1.9.1874)
- Date
- 1874-09-01
- Page
- Seite 275 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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275 Würde im Gefolge der religiösen Uebung sei, daß diese nie aus Aberglauben und Furcht ihre Erhaltung schöpfe, sondern die Uebung eine Kräftigung sei wahrhaft religiösen Lebens, Denkens und Empfindens. Mas nennen wir ״(Konsequentes Denken"? Oppeln, im August. Wenn wir in allem Uebrigen die Behauptung gelten lassen, daß die Zeit schnell schreite, so macht doch das religiöse Leben hierin — wie in vielen anderen Stücken — in mancher Beziehung eine merkliche Ausnahme. Wir wollen hier nicht davon sprechen, daß dogmatische Streitigkeiten heute ebenso sehr noch ihrer Beilegung harren, wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden; nicht daß Ceremonien, die längst der Vergangenheit angehören sollten, weil sie uns fremde religiöse Anschauungen einer anderen Zeit zum Ausdruck bringen, noch immer ihren Platz behaupten; — nicht von dem so eigentlich mittelalterlichen Aberglauben, welcher der Jetztzeit zur Schmach noch oft genug zu Tage tritt; — wir wollen heute einem anderen alten Vorurtheile eine kurze Abfertigung zu Theil werden lassen, das wir, weil es das religiöse Leben betrifft, ein religiöses Vorurtheil zu nennen uns erlauben. Man kann sich wohl kaum den Grad von Albernheit denken, der von dem Menschen verlangte, er solle an den und jenen Unsinn. glauben, alle Märchen und Sagen für wahr halten, die ihm als Kind mitgetheilt wurden und früher glaublich erschienen sind. Auch die Menschheit als Ganzes möchte wohl Keiner in die Stufe der Bildung oder Unbildüng , in die Zeit religiöser Aufklärung(?) oder Beschränktheit zurückkehren sehen, die wir als Kindeszeit der Menschheit zu bezeichnen pflegen. Und doch, wie sehr Viele gibt es, welche diesen Gedanken nicht consequent verfolgen können! Und gerade sie sind es, welche sich auf ihre Consequenz im Denken so viel zu Gute thun wollen. Darauf beruht nämlich nach ihrer verkehrten Ansicht die Würde des Menschen, das müsse sein Stolz sein, den Standpunct, den man einmal in seinen Anschauungen eingenommen, fest zu halten, mag man ihn auch für nicht mehr stichhaltig erkennen. Wir sprechen hier natürlich von dem religiösen Standpuncte lediglich; aber auch für diesen bleiben bezeichnend jene bemerkenswerthen Worte, mit denen unser erster Staatsmann solche Anschauungen von Consequenz im Thun und Denken von der Parlamentetribüne herab widerlegte. Sie lauteten, so viel ich mich erinnere, etwa: Wenn ich eins nur zum Verdienst anrechnen kann, so ist es, daß ich mit der Zeit fortgeschritten bin. Also sich unwandelbar zu dünken, unbeeinflußt durch Zeit und Verhältnisse und wachsender Einsicht, verdient nicht immer den Vorzug; gerade seine ursprüngliche subjective Ansicht der neueren, richtigeren und allgemeineren unterordnen, ihr anpassen, gerade das ist oft wahrhaft männlich. Auch wir erkennen Grundsätze an, die wir unser Leben lang nicht aufgeben würden, für die wir leicht Märtyrer werden könnten, aber das sind Wahrheiten, an deren Gültigkeit Jahrtausende nichts zu ändern vermochten, die sicherlich bestehen werden, so lange es Menschen gibt, das sind die Gesetze der Moral und Sittlichkeit rc. Anders mit den Vorwürfen, die heute, wo die Grenzen zwischen Orthodoxen und Reformern schon entschiedener gezogen, die beiden Lager sich bestimmter constituirt, von jener Seite Anhängern einer aufgeklärteren Richtung gemacht werden, wofern sie sich ftüher zu einer, im Sinne der Orthodoxen, strengeren Partei bekannten. Nach ihnen ist die Sache der Reformer ja überhaupt eine unberechtigte; das größte Unrecht aber ist, so sagen sie, auf Seiten derer, die ehedem sich zum Lager der Orthodoxen rechneten. Treu müsse man sich bleiben, consequent seinen altefl Standpunct vertheidigen! Als ob der Mensch niemals seine Kinderstrümpfe ablegen, niemals an der! Wahrheit der Kindermärchen zweifeln dürfte! j In der That haben wir ja unter unseren Gesinnungs-!genossen, natürlich um so mehr unter den bejahrteren, eine!größere Reihe solcher, die früher eine andere religiöse Rich-!tung einnahmen, heute, ihrer besseren Ueberzeugung folgend, zu unseren entschiedensten Anhängern zählen. Nicht Feigheit — Reformer zu sein ist ja insbesondere für den jüdischen Beamten oft genug ein Martyrium — nein, gerade auf der! Seite dieser Männer findet sich wahrhafter Muth. Es gehört! Muth dazu, alte Anschauungen, in die man sich Jahre lang hineingewöhnt aufzugeben, andere, weil man sie für richtigere hält, anzunehmen und wacker zu vertheidigen. Feigheit und Unmännlichkeit aber ist und bleibt es, auf dem alten Stand- Punkt zu beharren, nur weil es unbequem ist, als Mann noch seine Ansichten zu ändern und weil es dann um so schwieriger ist, die neuen zu vertreten, feiger aber noch, wenn man einer äußeren Stellung zu Liebe etwa seine wahre Ueberzeugung verleugnet. Darum höret auf, Ihr Orthodoxen, mit Euren unberechtigten Vorwürfen unsere Gesinnungsgenossen zu be- Helligen; nicht auf Eurer Seite, auf der unsrigen findet sich wahre Consequenz. —b.—r.— Corresponäenz, Ingelheim, im August. Ormuzd und Ahrimann und Castor und Pollux sind zwei bekannte Firmen, die man nach dem neueren Sprachgebrauch des Handelsregister ״Gesellschaftsfirmen" nennt. Beide haben blos den kleinen Unterschied, daß die Erstern unvereinbar, die Letztern unzertrennlich sind.!In der Natur der Sache liegt es jedoch, daß man bei! Ormuzd ebenso an Ahrimann, wie bei Castor an Pollux! denkt. ״Und die Moral von der Geschichte?" Es war in der Psingstwoche des Jahres 1857, gelegentlich der allgem. deutschen Lehrerversammlung in Frankfurt a. M. Die Besucher waren zur Vorversammlung im ״Rheinischen Hof". Beim Eintritt in den Saal gewahrte der Schreiber dieses den verewigten Dr. S. Stern, vereinsamt in Mitte! der Versammlung an einer Säule lehnend. Stern war eine! aristokratische Natur; aber er hörte gern von sich reden und J ließ die Gelegenheit zu einer formgerechten Rede nie vorüber-!gehen, wenn auch sehr oft der Inhalt ״Null" war. Ich ging auf ihn zu: ״Sollte es nicht gerathen sein," sagte ich, ״daß die jüdischen Lehrer zusammen speisen, da sie ja doch an der gemeinschaftlichen Tafel sich nicht betheiligen können?" Stern lachte. ״Hören Sie, Herr Dr. Jost," rief er einem hinter uns stehenden Herrn zu; ״Herr K. will einen koscheren Tisch für die allgemeine deutsche Lehrerversammlung! Was halten Sie davon!" Jost lachte — die ihn gekannt haben, wissen, welcher Art dieses Lachen war. Wir setzten uns zusammen an einen Tisch und die Rede kam auf den ״Jüdischen Literaturverein". Es war für mich, der ichdamals noch ein junger, unerfahrener Mensch war, von ganz besonderem Interesse, Männer bei Roastbeef und Lendenbraten mit großer Einsicht, Wärme und Liebe von der jüdischen Literatur