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Jüdische Volkszeitung · 1874-09-01 · 35 (1.9.1874) · p. Seite 274

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
35 (1.9.1874)
Date
1874-09-01
Page
Seite 274 (sequence 2)
Language
German
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274 des Tragens am Sabbath in offenen Räumen, an die Einlösung der Erstgeburt und des Chomezschlüffels u. dergl. m. — gerade diese heuchlerischen Begünstigungen sür Buchstabengläubige haben unser religiöses Leben in den Augen vieler Denkenden geschädigt und herabgewürdigt. Was soll es also heißen und sein; wenn ein Trauernder, der doch seiner Gesundheit und des Anstandes willen barfuß nicht gehen kann, — wollene Pantoffeln oder, wenn wir die Buchstaben beachten, Gummigaloschen anzieht, die ihm unter Umständen sogar in gründlich zu verwerfen und es ist Pflicht des würdigen Religionslehrers, in vorkommenden Trauerfällen darauf hinzuwirken, daß nicht eine mißverstandene Pietät die leere Form an Stelle der thatsächlich würdigen Trauerweise setze. Wir hätten damit diejenigen Trauergebräuche genannt, deren Abrogirung zu empfehlen ist. Einzelne andere sind zu unwichtig, haben theilweise von selbst aufgehört, so daß wir sie nicht zu erwähnen nöthig haben; andere möchten wir hiergegen noch erwähnen, weil wir sie zu erhalten wünschen. seinem Zimmer bequemer sind? — Es ist in der That! Denn wir sind durchaus nicht der' Ansicht, daß die Trauerden Altvordern nicht die Absicht unterzuschieben, daß es ihnen! formen überhaupt unterbleiben oder sich ihres religiösen Chaum die Veränderung des Materials zu thun war, und es!rakters entkleiden sollten. Wir wünschen vielmehr, daß das kann nicht angenommen werden, daß die Erhaltung dieserGesetz zum Mittel werde, eine erhebende und — wir möchten Sitte unserer Zeit und unseren Verhältnissen entspricht, ein; fast sagen — tröstende Erinnerung an den Todten, den die würdiges Trauerzeichen bildet für die Gegenwart. j Heimgegangenen Lieben, an die Wendepunkte im Leben, in Eine weitere Sitte ist das Sitzen auf dem Boden wäh-! die wir durch Todesfälle im Leben kommen, zu unterstützen, rend der sieben Tage, das allerdings sehr tief ins Volksleben Wir rechnen zu den würdigen, zu erhaltenden Trauereingedrungen und vielfach — wenn auch mit allerhand er-: gebrauchen: leichternden Modifikationen — heute noch ist. Es׳ ist das! 1) Die שבעה ימים und שלשים (sieben und dreißig Tage) allerdings ein Gebrauch, den wir in sich selbst als unbegründetj im Allgemeinen, insofern sie ein Zurückziehen vom öffentlichen verwerfen müssen, weil er ganz und gar auf andere Verhält-> Leben, Vergnügungen und Zerstreuungen selbst durch das niffe und insbesondere auf häusliche Einrichtungen, wie wir!Geschäft bedingen. Wir erachten es für eine Gefühlslosigkeit sie im Orient heute noch finden, wie sie aber bei uns durchaus! sondersgleichen, wenn Zerstreuungen — Vergessen! — abnicht stattfinden, berechnet ist. Wir wissen, daß dort heute! sichtlich gesucht werden von dem, der eben einen derjenigen noch die Menschen stets auf dem Boden, auf Teppichen und der Erde übergeben hat, mit dem er durch die Bande des Polstern kauern, liegen. Stühle und Bänke, Sophas in un-! Bluts, der Liebe, der Lebensgemeinschaft verknüpft war. Sollen serem Sinne gibt es dort nicht. Haben sich aber nicht selbst! die Beziehungen und Momente des Lebens, welche eine so in unseren Häusern die Einrichtungen im jüngsten Jahrhun- : tiefsittliche Bedeutung haben für uns selbst, für die sittliche dert beträchtlich verändert? Wie viele jüdische Haushaltungen! Läuterung, für unser ganzes Sein und Leben durchaus vergab es noch vor 100 Jahren selbst in Deutschland, wo die! loren gehen? Ist eine solche Abhärtung gegen den Verlust Zahl auch nur der Stühle für die sämmtlichen Familien- ־ glieder ausreichend war?—Im Orient sitzen nur die Reichen unserer Lieben Themen nicht zugleich eine Verweichlichung? Soll der Seelenschmerz seiner erläuternden Kraft verlustig und Vornehmen auf Polstern und Divans, das gemeine Volk!werden? Sieben Tage der Erinnerung an den geliebten Todten kann es nicht wagen, sich in ihrem Beisein eines derartigen Sitzes zu bedienen. Die Höhe des Sitzes wird bei festlichen Gelegenheiten nach der Rangstufe bemessen, und selbst in seinem Hause hat nur der Vornehme höhere Divans, mehr Polster und Teppiche und — wenn wir nicht irren — gibt es selbst in unseren civilisirten Ländern an den Stätten, wo sich derlei Ausgeburten der Phantasie und menschlichen Wahns am längsten erhalten — an den Hoftafeln noch ähnliche Gebräuche, Unterscheidungen der Sitz- und Tischhöhe nach dem Range der Tischgenossen. Der Talmud wußte noch nicht, wie heute ein jüdisches Haus — selbst das eines Orthodoxen — eingerichtet ist. Im Schulchan-Aruch wird einmal von der Uebung beim Unterrichte gesprochen und heißt es dort: ״Wenn die Schüler auf dem Boden sitzen, so muß es auch der Lehrer; wenn der Lehrer auf dem Stuhle sitzt, so sollen es Alle gleich thun." Nun denken wir uns eine Schule unserer Zeit gegenüber dieser Anordnung. Das Sitzen auf dem Boden ist ein Zeichen der Trauer bei den Juden allerdings geworden, aber ein wahrhaft beklemmendes, tief verwundendes. Es dient nicht dazu, in dem Trauernden das Gefühl der Erhebung, der würdigen Erinnerung an den Todten zu stärken. Und — da kommen wir auf einen Punct, der überaus wichtig ist: es wird dadurch, daß es rein äußerlich sich nach den Verwandtschaftsgraden und nicht nach dem Gefühle richtet, ein lästiger Zwang. Es ist der Gesundheit sehr oft schädlich; wird durch Strohsäcke, Stühlchen, Sophaunterlagen u. s. f. eine in der unwürdigsten Weise umgangene leere Form — und entspricht durchaus nicht dem sittlichen Gefühle, das allein die Trauer-Gebräuche und -Zeichen regeln soll. Es ist dahier das Sitzen auf dem Boden überall ausschließlich geweiht, sind ein Gewinn, denn wir werden da einig mit uns selbst, schließen ab mit der Vergangenheit, bereiten unsere Zukunft würdig vor, während die jetzt so häufig gesuchten Betäubungen eben nur dem oberflächlichen, sittlich gesunkenen Menschen gelingen. Wir wollen nicht die Einzelheiten aufführen, durch welche wir diese sieben und die dreißig Tage ausgezeichnet wissen wollen. Das Gefühl muß uns dies sagen und sagt es uns auch. Nur das möchten wir noch andeuten, daß auch das Geschäft ruhen muß, wenn anzunehmen, daß der Verlust nur momentan, nicht dauernd ist und daß die stetige Fortführung des Geschäftes nicht ein öffentliches, all« gemeines Interesse ist. 2) Es muß ferner die Sitte des Kaddischsagens (und der Jahrzeit) auch des tiefpoetischen, wenn auch an und für sich gesetzlich nicht so bedeutenden Lichtanzündens erhalten werden. Wir unterlassen es, hier Gründe aufzuführen; sie sind sprechend genug und das Kaddischsagen ist eine so ausgezeichnete Sitte unseres religiösen Lebens, daß wir nicht befürchten, daß sie verschwinde und aufhöre, ״die Herzen der Kinder zu fesseln an die Erinnerung an ihre Eltern und das Gemüth zu erheben durch die Anerkennung der Allmacht, Güte und Liebe Gottes, der den Frieden bringt über Israel und die Menschheit." Die Trauergebräuche zu regeneriren, ist eine hochwichtige Aufgabe der Reform und wir möchten sie in erster Linie von einer zuständigen Behörde — Synode — entschieden wissen. Wir hoffen, daß man unsere bescheidenen Anschauungen, die auf theologische Bedeutung durchaus keinen Anspruch machen, als einen Beitrag zur Lösung der Aufgabe freundlich aufnehmen wird. Wir wünschen stets nur, daß Anstand und

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