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Jüdische Volkszeitung · 1874-08-25 · 34 (25.8.1874) · p. Seite 271

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
34 (25.8.1874)
Date
1874-08-25
Page
Seite 271 (sequence 7)
Language
German
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-rochen, deren Parole heißt: Vorwärts mit Klarheit und Wahrheit und Besonnenheit! Auffallend war, daß als Vertreter der Seminare, an welchen der geniale Meister zu Mörs und hernach zu Berlin als bewährtester Leiter den größten Theil seines bewegten Lebens wirkte, als officieller Festredner, resp. Deputirter Niemand erschienen war. Der einzige Vertreter der Seminare war der durch seine Schriften rühmlichst bekannte Herr Seminarlehrer Treu aus Münster, dessen Vortrag ״Der Meister in seinen Schülern" den ungetheiltesten Beifall erntete. Den ferneren Verlauf dieses großartigen Lehrerfestes zu schildern, kann hier nicht unsere Sache sein. Aber gewiß werden die empfangenen Sjftregimgen und Eindrücke, der Genuß, Männer wie Rittershaus, den Dichter des Wupperthales, der wuchtige Keulenschläge auf die Häupter der Finsterlinge, die Feinde einer gesunden Volksbildung, führte, ferner den greisen Harkort, den unerschrockenen Verfechter der Volksrechte, den warmen Lehrer- und Schulfreund, den Vorkämpfer für eine würdigere Stellung der Volksschullehrer — zu sehen und sprechen zu hören, unvergeßliche Momente bleiben. Möge, so will ich meinen Bericht schließen, die Zahl solcher Männer immerfort sich mehren, das gesprochene wie geschriebene Wort an maßgebender Stelle nicht wirkungslos verhallen — auch in das sorgenvolle Leben des geplagten jüdischen Lehrers wird dann die aufgehende Sonne einige Strahlen werfen, die mit einem Zauberschlage alle drohenden Wolkengebilde, die an seinein ohnehin nicht heiteren Himmel sich aufthürmen wollen, verscheuchen werden. Das sei unsere Hoffnung und איש על דגלו unser Wahlspruch! Oppenheimer. Feuikketon. Gesellschaftliche, gemeindliche und Schnl-Verhältirisse der westrussischen (polnischen) Juden. (Aus einem von D1\ A. Löwy an die Englisch-Jüdische Allianz erstatteten Bericht.) Die Lage der russischen Juden hat sich durch die Ereignisse der letzten zehn Jahre bedeutend verschlechtert. Die Regierung hat, in ihrem Bestreben, die revolutionären Bewegungen der Polen für alle Zukunft unmöglich zu machen, zu durchgreifenden Maßregeln gegriffen, welche die Russificirung der sämmtlichen westlichen Provinzen des Reiches herbeiführen sollen. Da die russische Sprache als Bekennung zur Loyalität angesehen wird, so wird' jeder russische Bürger angehalten, sie als Mittel bei allen seinen öffentlichen, ja sogar bei seinen privaten und häuslichen Angelegenheiten zu gebrauchen. Die Schulen dürfen nur von Lehrern gehalten werden, die Russisch sprechen und nur russisch ^geschriebene Schulbücher dürfen darin gebraucht werden. Die Mehrzahl der Juden, deren Umgangsspräche ein altes, verdorbenes, mit vielen jüdischen und fremden Wörtern gemischtes Deutsch ist, konnten bisher eben so wenig dahin gebracht werden, in ihrer Häuslichkeit und ihrem gegenfettigen Verkehr dieser Sprache zu entsagen, als ihre unpassende und übel kleidende Tracht abzulegen. Das Gesetz, welches die Anhänglichkeit der Juden an das alte Herkommen zu zerstören beabsichtigt, ist mit seiner Hauptwucht auf die israelitischen Elementarschulen niedergefallen und hat sie von der ohnedies so geringen Zahl 150 auf den ärmlichen Rest von 5 heruntergebracht. Der Staat hat Schritte gethan, die Judenschulen durch Russenschulen zu ersetzen — was nur dann zu rechtfertigen wäre, wenn vernünftige Fürsorge für den Unterricht der jüdischen Zöglinge in der Religion und in der Sprache der heiligen Schrift getroffen wäre. Die unter dem Namen Chedar bekannten Talmud-Schulen sollen geschlossen werden, sofern nicht die (20,000) Melamdim (Lehrer) durch eine Staatsprüfung die Befähigrng Nachweisen, den nöthigen Unterricht in russischer Sprache ertheilen zu können. Der unbefriedigende Zustand und die bereits theilweise vollzogene Auflösung der jüdischen Schulen sind nicht die einzigen Gefahren, welche die Juden mit Besorgniß erfüllen. Da die Gemeinden und ihre Behörden durch das Landesgesetz gehindert sind, sich zu vereinen, so haben sie aufgehört, eine mächtige und zusammenhängende Körperschaft zu bilden. Bereits hält es schwer, geachtete und geeignete Persönlichkeiten zu finden, die sich zur Führung eines Amtes unter den jetzigen Umständen hergeben mögen. Ueber die von den Cultgemeinde- Mitgliedern aufgebrachten Steuern wird keine gehörige öffentliche Rechnung abgelegt. Dadurch wird auch noch der Argwohn rege und hindert eine bessere Gestaltung der Dinge. So wird z. B. ein recht bedeutendes Einkommen durch die Koscherfleischsteuer eingebracht, aus welcher Synagogen erhalten, weltliche und geistliche Beamte bezahlt, Hospitäler und andere Wohlthätigkeitsanstalten errichtet und unterhalten werden. Aber Unordnung und Mißverwaltung scheinen in der Einsammlung oder Verwaltung und Verwendung der Gelder eingeriffen zu sein. Da öffentliche Versammlungen und freie Aeußerung über Mißstände untersagt sind, so treten düstere, mißtrauensvolle, verläumderische Gerüchte an deren Stelle und eine öffentliche Meinung, die am Ende doch jeden begründeten Mangel abhelfen würde, kann sich nicht bilven. Eine der neuesten Versuche der Regierung, der geistlichen Gewalt der Rabbiner neues Leben einzuhauchen, ist gänzlich fehlgeschlagen und beweist wieder einmal, daß nur solche religiöse Einrichtungen lebensfähig sind, die aus dem freiwilligen, eigenen Antriebe des Volkes hervorgehen. Zwei Rabbiner- Schulen sind gegründet worden, eine zu Wilna und eine zu Schitomir. Einige der darin gebildeten Zöglinge (die eine ganz tüchtige Erziehung zu erhalten scheinen) sind als ״Krön- Rabbiner" angestellt worden. Sie wohnen aus dem Stadt- Hause den Verhandlungen über die Gemeindeangelegenheiten bei, nehmen Eide ab und haben unter anderen amtlichen Obliegenheiten auch die, in Rußland und bei dem jetzigen M'litärgesetze außerordentlich wichtigen Civilstandsregister (über Geburten, Trauungen, Sterbefälle) zu führen. Diese halbweltliche Stellung hat zu der Schlußfolgerung veranlaßt, daß diese Herren wenig Zeit zum ״Lernen", d. h. zum Talmudstudium haben mögen, das von den polnischen Juden über Alles hochgehalten wird, und so kommt es, daß ihr geistlicher Einfluß auf ihre ״Herde" ein sehr geringer ist. Die Regierung, dies einsehend, scheint nun das Amt eines Kron-Rabbiners wieder auf den Aussterbeetat gesetzt zu haben, denn sie hat neuerdings die beiden Rabbinerschulen in Schullehrerseminare umgewandelt. So unpopulär jenes Iwstitut auch gewesen war, so erregte diese Anordnung neues Entsetzen unter den Juden, welche nun fürchten, die Regierung wolle die Heranbildung von Rabbinern hemmen und jüdische Einrichtungen aufheben. In den Lehrerseminaren werden Zöglinge auf sechs Jahre untergebracht, erhalten Wohnung, Kost, Kleidung und man sagt, daß jeder der 17 oder 18 Seminaristen 1500 Rubel koste. Obgleich jeder der Zöglinge mehr oder weniger gut Deutsch sprechen kann, so ist im Seminar doch keine Vorkehrung zum Unterricht in dieser Sprache getroffen, eine

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