Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 34 (25.8.1874)
- Date
- 1874-08-25
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579226--785-9579234- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
272 Sprache, die doch Allen bei ihrem künftigen Beruf so sehr zu Statten käme. Auch keine andere neuere Sprache, Russisch ausgenommen, wird gelehrt; auch der Talmud nicht. Die Kosten werden durch den jüdischen Schulfond gedeckt, der durch eine Steuer auf die Sabbath-Lichter, die Freitag Nachts angezündet werden, gebildet wird. Diese Steuer, sorgfältig verwaltet, würde einen unermeßlichen Vortheil für die überall nöthigen Elementar-, Handels-, Gewerb- und wissenschaftlichen Schulen gewähren; aber man sagt, die jährlich einkommenden sechs bis sieben Millionen Rubel lägen im kaiserlichen Schatz zu St. Petersburg aufgehäuft. Die Einmischung der Regierung in das jüdische Schulwesen kann niemals populär werden; der russische Jude kann sich des Mißtrauens nicht erwehren, sie beabsichtige, einen Schlag gegen seine Religion zu führen; in dem Plane der Russificirung scheint man auf überkommene jüdische Tradition nicht gehörige Rücksicht genommen zu haben. Die Vertheidiger des herrschenden Systems verurtheilen es selbst, wenn sie sagen: ״Rußland hat zehn bis zwölf Millionen Raskolniken (christliche Dissenters), welche mit der äußersten Strenge behandelt werden, warum sollten die Juden besser fahren, deren es nur 12/ג bis 2 Millionen gibt?" (So viel gibt man nämlich officiell an, aber dies ist nur die Zahl der einregistrirten Juden. Eine große Anzahl ärmerer Juden sind in den schlecht geführten Registem gar nicht eingetragen. Man nennt sie ״Neelamim" und ihre Zahl wird auf eine Million oder mehr berechnet.) Die russischen Juden bedürfen einiger hingebender, patriotischer Männer, welche die Sache ihres Volkes in socialer, geschichtlicher und religiöser Beziehung leidenschasts- und vorurtheilslos studiren und verfechten, und die dafür sorgen, daß die Regierung, welche gern etwas thun möchte, eine richtige Kenntniß der Lage ihrer jüdischen Unterthanen bekäme, ohne Spione und Verräther dazu gebrauchen zu müssen. Auch russische Journalisten tragen dazu bei die Juden zu verläumden, sie anzuschwärzen und in den Staub zu ziehen; sie wagen es nicht, ihren feigen Angriffen auf schütz- und vertheidigungslose Menschen eine Grenze zu setzen, weil sie dann die Gunst ihrer Beschützer verlieren würden, die gerade durch sie ihren dummen Judenhaß aufgesogen haben. Unter solchen nachtheiligen Umständen ist sicherlich die Stellung der russischen Juden schlimm genug; aber sie wird noch schlimmer durch die Wirksamkeit einiger anderen Ursachen, von denen hier nur einige wenige namhaft gemacht werden können. Alt und Jung unter den russischen Juden besprechen jetzt die Folgen des-neuen Militärgesetzes, das die gesammte Jugend des Reiches dienstpflichtig macht, und fürchten, der Vollzug möge die ganze jetzige Geschäftslage in ihrer innersten Grundlage erschüttern. Die jungen Leute speculiren auf die Möglichkeit, durch den Nachweis genügender Schulbildung die Dienstzeit abzukürzen. Mit großer Befriedigung wird es besprochen, daß der jüdische Soldat die Freiheit haben wird, sich seinen Aufenthaltsort, selbst im Innern Rußlands, nach Belieben zu wählen. Selbst die jedem russischen Unterricht bis jetzt so abgeneigte Secte der Chassidim fühlt nun die Nothwendigkeit einer solchen Erziehung ihrer Knaben. Leider ist die Furcht weit verbreitet, jüdische Knaben würden nur in sehr beschränktem Maße und wenn keine christlichen Bewerber da sind, zu den Staatsanstalten zugelassen werden. Beim jetzigen Stand der Gesetzgebung ist dem nicht getauften Juden der Weg zu allem und jedem Avancement in der Armee abgeschnitten. Doch wird erwartet, daß die russische Regierung sehr bald einer anderen Regierung mit einem guten Beispiel vorangehen wird, welche bis jetzt auch das Vorrücken in der Armee bei einer ganzen Claffe ihrer Unterthanen verhindert, weil diese durch den Zufall der Geburt einem anderen Glauben angehören. Andere russische Juden erwarten für die israelitische Jugend vom Militärgesetze eine neue Aera des Glückes und Gedeihens. Die bisher geübte Bestechung der unteren Beamten hört auf, da ja beim Militärdienst keine Ausnahme(?) mehr gestattet wird, und bei gleichen Pflichten hoffen sie, der erhaben gesinnte Monarch, der die Leibeigenschaft der Bauern aufgehoben hat, werde gleiche Rechte auch denen seiner Unterthanen gewähren, welche zu den best begabten, friedlichsten und loyalsten des russischen Staates gehören. Briefkasten der Redaction. Herrn B. St. in Rimbach. Von dem Leitartikel: ״Was ist nun zu thun?" bringt Nr. 27, die erste des III. Quartals, den Anfang. Wenn Sie seit 1. Juli Abonnent der״Jüd. Volkszeitung" sind, müssen Sie ja im Besitze dieser Nummern sein. Vorhergegangene Nummern, welche unter derselben Überschrift dieselbe Frage behandeln, gibt es nicht. Aratutationskarten zum Neujahrsfest den 12. September empfiehlt &. Mating Hammker, Leipzig, Hainstraße 16. DE" Einem tüchtigen Manne, der die feine koschere Küche versteht und eine jüdijche Nestauration verbunden mit einem Wurstgeschäft anlegen wollte, könnte in einem größeren Orte ein sehr lohnendes Feld nachgewiesen werden. Näheres unter A. B. K0. 1989. durch die Annoncen-Expedition von Rudolf Moste in Görlitz. Höhere Töchterschule - Pensionat Sohernheim. Bingen a. Rhein. Beginn des Wintersemesters am 2. November C. Beste Referenzen. — Prospekte gratis und ftanco. — Eintritt kann jederzeit erfolgen. (H. 62363.) Geschw. Äobernheim. Papirrkanten in den schönsten Mustern ausgeschlagen, zur Verzierung der Schränke, Spinden rc. empfiehlt C. Mating Sammler, Leipzig Hainstraße 16. Vacanz -er Cantor- und Lehrerstelte. In der hiesigen Gemeinde ist die Stelle des ersten Cantors und Hilfs-Religionslehrers zu besetzen. Wir suchen einen musikalisch gebildeten. mit einer schönen Stimme begabten Cantor, der gleichzeitig befähigt ist, als Hilfsreligionslehrer zu fungiren. Der fixe Gehalt beträgt je nach Leistung fl. 8091 bis st. 1999. pr. Jahr. Da nur 8 bis 12 Unterrichtsstunden pr. Woche erforderlich sind, so ist Gelegenheit geboten, mehrere Hundert Gulden durch Privatunterricht zu erzielen. Sofortige Bewerbungen in Begleitung von Zeugniffen sind erwünscht. Worms a. Rhein, 4. August 1874. Der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: I. Klingenstein in Ingelheim. — Verlag und Druck von Heinrich Fischer L So. rn Leipzig.