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Jüdische Volkszeitung · 1874-08-25 · 34 (25.8.1874) · p. Seite 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
34 (25.8.1874)
Date
1874-08-25
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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katholische, war die Antwort. Da will ich mich nicht eindrängen, sagte der Jude und schloß seine Lasse wieder zu. Diese erfundene Anekdote glossirt CH. wie folgt: Doch, um den Katholiken das Geld aus ihren Lassen herauszupracticiren, da hatte der Herr Baron nichts dagegen, sich bei ihnen einzudrängen. So gehts fort. Z. B- ״Die Blätter Wiens wimmein noch immer von Nothschildiaden. Alle Tage in summa 50—60 Artikel. Man glaubt in Ghetto zu wohnen." Wenn man die ״Gegenwart" liest, glaubt man Torquemader zu hören. Mein lieber Herr I. Mit diesen Judenhetzen befreien Sie die katholischen Pfarrer in Deutschland nicht, welche wegen Beleidigung der Regierung festsitzen, bringen Sie den Professor der Theologie in Paderborn nicht ins Seminar zurück, streichen Sie die 2 Monate des Bischofs Krementz und das halbe Jahr des Bischofs Martin von Paderborn nicht. Nehmen Sie sich immerhin der 1100 gefangen gehaltenen Priester an, des Freiherrn von L06, Präsidenten des Mainzer Vereins, des Herrn Majunke, Redacteurs der ״Germania" aber lassen Sie die braven lebendigen und todten Juden in Ruhe. Andererseits muß man gestehen, daß der Tod Rothschild's zu vielen Gesprächsstoff in den Journalen bildete, er war wohl Allerwelt Gläubiger, aber doch nicht gläubiger als Moses; jedes Journal wußte wenigstens einen Rothschildmeidinger zu erzählen; jeder erwachsene Journalist aber mindestens ein Dutzend. Eines unserer Wiener Blätter ging in dieser Sache so weit, daß es thatsächlich jede Rubrik seines Blattes dem Verstorbenen widmete. Leitartikel und Feuilleton, Tagesneuigkeit und Finanzielles, Alles Rothschild; selbst im Inseratentheile Rothschild durch Abdruck der Parte, wobei das kleine Malheur passirte, daß der Setzer ein Kreuz darüber setzte. Es scheint viele getäuschte Hoffnungen in den Redactionen gegeben zu haben, denn sie sind nun alle sehr schlecht auf Rothschild zu sprechen — der geringen Armenspenden wegen. Indessen haben Salomon Rothschild's Erben in einem Schreiben an den Bürgermeister von Wien die Mittheilung gemacht, daß sie 350,000 si. zu wohlthätigen Zwecken der Gemeinde widmen. (Die deutsch-jüdischen Blätter haben diese Glorificationen der Millionen getreulich nachgedruckt. Wahrlich, es ist eine Schande und muß in dem nichtjüdischen Leser eigene Vorurtheile wachrufen und begründen. Wenig fehlte — und sie hätten — wäre der Gedanke, Denkmale zu errichten, nicht allzu unjüdisch, — sich geeinigt, zu dem löblichen Zwecke eines solchen Denkmals für A. v. R. Gelder zu sammeln. Ein schöner Kladderadatschwürdiger Gedanke, das: Gelder sammeln für — Rothschild! ״Kommt herbei, Ihr armen beladenen jüdischen Börsianer, die Ihr Wechsel bei Rothschild discontirtet und feine Papiere bei ihm kauftet und — errichtet ein Denkmal für Euren König!" Doch, im Ernste! Ziehen wir einmal von diesen Rothschild's die Millionen ab; was bleibt von ihnen, daß sie erwähnenswerth seien? Wir wollen ganz absehen von der allgemeinen, volkswirthschaftlich wohl berechtigten Frage, ob es gut und für die normale Entwickelung des Wohlstands unter den Menschen, die sociale Besiergestaltung aller Verhältnisse zweckdienlich sei, daß sich solche alles Maß überschreitende Reichthümer, die den mobilen Besitzstand ganzer Reiche repräsentiren, in den Händen einer handeltreibenden, also immer noch mitconcurrirenden Familie befinden; ist es aber ein Glück für die Judenheit, daß die Rothschilde — Juden sind? — Jeder Vorurteilslose wird mit uns übereinstimmen, wenn wir das entschieden verneinen! Sie haben dem Judenthume noch nichts genutzt, aber unendlich geschadet. Es könnte uns gleichgültig sein, was die Rischusblätter sagen: aber so manches Vorurtheil wird doch durch dm Namen ״Rothschild" begründet und unterstützt. Es ist nicht wahr, daß die Juden den Handel, die Börse, die Presse beherrschen, denn, wenn dies von den Rothschild's vielleicht gesagt werden könnte, so sind sie in dieser Beziehung keine Juden, sondem — nur Rothschild's. Und doch werden wir in diesen Beziehungen Alle als Rothschild's betrachtet und behandelt. Diese haben sich wohl ein gewisses Judenthum für den Hausgebrauch zurecht gemacht, das mit ״aristokratischer Orthodoxie, Pietismus" für das officielle Leben richtig bezeichnet wäre. Aber — was haben sie noch je für das Judenthum oder die Judenheit oder auch nur für höhere jüdische oder humane Zwecke gethan? Was sind die paar Millionen bei so colossalen Besitztümern; was sind 350,000 fl. an die Armen z. B. in dem vorliegenden Falle? 1 pro Mille? Bettelpfennige! Nein, diese modernen גדולי ישראל sind uns kein Segen! Man sehe nach Wien und Frankfurt; welche große jüdische Anstalten tragen ihre Namen? A. v. R. z. B. ließ sich durch Dr. Hirsch die Grabrede halten; also ein Liebäugeln mit der Orthodoxie! Hat diese Freundschaft Rothschild'scher Orthodoxen die Frankfurter Orthodoxie so gestellt, daß sie nicht mehr Himmel und Erde in Bewegung zu setzen braucht, um von der jüdischen Gemeindesteuer befreit zu werden? — Die Gemeinden Wien und Frankfurt mögen einmal daneben z. B.ihre auch enorm reichen, aber doch nicht mit Rothschild vergleichbaren Königswarter stellen. Welche Fülle von Freigebigkeit und edlen Zügen wahrhaft wohlthätigen humanen Gesinnungen zeichnet diese Männer aus! Welche herrliche Institute verewigen ihre Namen! Und wo gebe es ein Institut oder eine wohlthätige Anstalt, das vergeblich an ihre Thüre geklopft, das nicht großartig von ihnen bedacht worden wäre?*) Wie schrumpfen daneben die Rothschild'schen Gaben zu Bettelpfennigen zusammen, wo der Sohn fast in Streit gerieth mit dem Ge- Gemeindevorstand in Wien, weil dieser für das zum Andenken an seinen Vater gestiftete Spital zuviel ausgab und das Haus fast unausgebaut ließ! Man ftage in Frankfurt, wer dort in besserem Andenken steht, ein Rothschild oder — z. B. B. H. Goldschmidt? — Genug! Wir haben als Juden keinen Nutzen davon, daß die Rothschild Juden sind. Wir können es den Rothschild's nicht wehren, sich Juden zu nennen. Sie werden uns aber auch nicht wehren, so von ihnen zu sprechen, wie wir es der Wahrheit gemäß müssen, um — uns des Rothschild'schen Segens zu erwehren. Redaction.) Hundfcfiaii. Deutschland. Colberg. Am 28. Juli wurde hier ein jüdisches Cur- Hospital zum Gebrauch der hiesigen See- und Soolbäder in würdiger Weise durch einen feierlichen Gottesdienst eingeweiht. Die Predigt hielt der Rabbiner des Ortes, Herr Dr. Goldschmidt. Dem Wohlthätigkeitssinne einzelner Männer, besonders den Herren Sanitätsrath Dr. Löwenthal und Banquier N. Oppenheim aus Berlin, verdankt die Anstalt ihre Entstehung. Das Curhaus umfaßt, neben einem Hof und Garten, ein Vorderhaus mit einem Betsaal und Vorzimmern, ein Hintergebäude mit 16 Zimmern zur Aufnahme 16 verschämter Armen jüdischer Confession und deutscher Nationalität, sowie endlich ein Gebäude für den Beamten der Anstalt und Vor- •) Wir erinnern an das Frankl'sche Blindeninstitut, an die Taubstummenanstalt, die Arthur und Emil Königswarter'sche Stipendienstiftung in Frankfurt a. M. (350,000 fl. Capital).

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