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Jüdische Volkszeitung · 1874-08-25 · 34 (25.8.1874) · p. Seite 266

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
34 (25.8.1874)
Date
1874-08-25
Page
Seite 266 (sequence 2)
Language
German
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266 •״- Gebräuche vorgeschrieben, die längst außer Uebung gekommen, ja geradezu von den späteren Decisoren, deren Bestimmungen bei uns gesetzliche Kraft beigelegt wird, abgeschafft und verboten. Zu diesen gehört das Umhüllen des Kopfes und das Umstürzen des Bettes. (עטיפת הראש, כפית המטה) Im Joreh deah Cap. 586, § 2 heißt es: ״Das Umstürzen des Bettes ist jetzt nicht mehr üblich; die Nichtjuden könnten sagen, wir treiben Zauberei. Unsere Betten sind auch nicht mehr so zum Umstürzen geeignet, wie die der Talmudisten." — Eigenthümliche Anschauung! Jetzt sind unsere Betten wieder anders, wie in Karo's (des Verfassers des Joreh deah) Zeiten und das Auseinanderschlagen des Bettes dürfte wohl, ganz ohne Absicht, sehr oft Vorkommen, ohne daß Jemand Zauberei unterschiebt! Ist das nun im Sinne der Gemara—Minhag, Gebrauch, oder nach dem Ausspruche des Joreh deah zu — verbieten? — Wir finden an dieser kurzen Darstellung, daß den herkömmlichen Trauergebräuchen so manche Anschauung unterliegt, die für unsere Zeit jede Bedeutung verloren hat. Es kann nicht geleugnet werden, daß wir es mit Lebensgewohnheilen zu thun haben, welchen schließlich eine religiöse Bedeutung durchaus nicht innewohnt. Wir können in unserer Zeit einem מנהג, einer תקנה oder מרה (Gebrauch, Anordnung, Beschluß der Rabbinen) nur dann eine Bedeutung zuerkennen, wenn sie in Wahrheit auf unser religiöses Leben belebenden Einfluß hat; nicht aber, wenn sie sich um Dinge kümmern, die aus unserem äußeren Thun hervorgegangen, die Anschauungen des Volkes, der Zeit reflectiren, weder religiös erhebend noch fittigend wirken! — Gestatten wir uns demnach eine Betrachtung aller noch herrschenden Trauergebrüuche und fragen wir uns, welche von ihnen auch für die Gegenwart sich eignen; welche erhalten werden sollen, weil sie unser Gemüth veredeln; welche unwürdig und bedeutungslos geworden und Zu abrogiren sind. Zu den ältesten Gebräuchen gehört unstreitig 1) קריעת, das Zerreißen der Kleider. Woher stammt dieser Gebrauch? Wir haben oben schon angedeutet, daß er ursprünglich ein Ausbruch des heftigsten Schmerzes gewesen war, wie er dem feurigen Orientalen wohl natürlich ist. Ist das auch bei der ״Keriah" der Fall, wie sie zur Zeit freilich längst nicht mehr allgemein üblich, aber doch zumeist noch gesetzlich herkömmlich ist? Nicht mehr im Momente des Verlustes zerreißt der in Schmerz Aufgelöste selbst sein Gewand, sondern in dem Augenblicke, wo man dem Verzweifelnden mit Trostesworten nahen, wo man ihn zur Ergebung in den göttlichen Willen auffordern sollte, bei dem Schließen des Sarges, vor der Beerdigung, also nach unserem Gesetze zwei bis drei Tage nach Eintritt des Todes, tritt ein Fremder, der Bedienstete der ״Kabronimkippoh" (des Bestattungsvereins) mit einem oft sehr schadhaften, verrosteten umgekehrten Messer schneidet er in den oberen Saum des Gewandes einen Riß, der mit Leibeskraft oft von den in der Seele Verwundeten weitergerissen wird; es ist wahrlich, als ob inan den Riß im Herzen erweitern, als ob man alle die schmerzlichen Gefühle, die sich an den Tod eines derUnsrigen knüpfen, durch diesen Riß als unheilbar darstellen :volle. Auch nicht ein Gedanke, ja, kein Funken Religiosität ist in dem ganzen Thun. Nichts von Mitgefühl; Nichts von Ergebung in den göttlichen Willen, kein Versenken in das abgeschiedene Leben, das die Seele erhebt und mit unauslöschlichen Erinnerungen erfüllt. Ein unheilbarer barbarischer, grausamer Riß, der Ausdruck der gottlosesten Verzweiflung, d. i. des Zweifels an göttliche Gnade, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit; das ists, was durch die קריעת symbolisirt wird. Ist sie sittlich, weiht man so dem Verstorbenen ein würdiges und erhebendes Gedenken? Ist sie religiös, ein Zeugniß des Glaubens und Vertrauens auf den ewigen Vater? (Fortsetzung folgt.) Amerikanif<k-i8raekitifcke8 Coneit zu Ckevekanä (@Juo). Sie haben schon mehrmals Notiz genommen von den religiösen Bewegungen unter unseren Glaubensgenossen in Amerika, die, während sie in der alten Welt an ihrer frühere Leb- Hastigkeit viel eingebüßt zu haben scheinen, auf dem jungen Boden Amerikas an Kraft und Ausdehnung zunehmen und für die Zukunft der Israeliten in der neuen Welt einflußreich zu werden beginnen. In der letzten Zeit ging eine Anregung zu diesen Bewegungen in der jüdisch-amerikanischen Welt von Vr. Wise (Weiß), dem Rabbiner zu Cincinnati, aus, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, ein ״Hebrew College", d. i. eine jüdische Universität zur Heranbildung einheimischer Lehrer und Rabbiner, ins Leben zu rufen. Seinen unermüdlichen Anstrengungen, durch Predigen und durch die Presse, durch Reisen und persönliche Einwirkung, ist es gelungen, eine Anzahl jüdischer Gemeinden und ״Congregationen" (Chcbra's) für den Plan zu gewinnen und am 15. Juli d. I. trat zu Cleveland in Ohio eine Anzahl Abgeordneter mit dem Zwecke zusammen, über die Gründung einer solchen Anstalt Berathung zu pflegen. Ich komme gerne Ihrem Wunsche nach, Ihnen einen! kurzen Bericht über dies ״Concil", wie man es in Amerika!nennt, zu erstatten. Nach einer von Dr. Jakob Mayer, dem Rabbiner loci gehaltenen Predigt, eröffnete Hr. Mann aus Cleveland die Versammlung mit einer Ansprache, worin er die Abgeordneten willkommen hieß und daran erinnerte, daß vor 19 Jahren in dieser selben Stadt Cleveland und zum gleichen Zweck eine Versammlung gehalten worden, aber ohne alles Resultat geblieben sei. ״Aber jene Versammlung bestand ausschließlich aus Rabbinern", heute haben ״practische Geschäftsleute" die Sache in die Hand genommen; nun müsse und werde sie ge-! lingen. ״Die Zeit ist nicht mehr ferne", sagte der begeffterte!Redner, ״wo unsere eigenen Söhne befähigt sein werden,!unsere Geistlichen und unsere Weisen zu sein, wo unsere 1 Kanzeln von ״Eingeborenen" Rabbinern eingenommen werden,! von Männern, die ihrer Muttersprache gehörig mächtig sind. *)! Und die Wirkung ihrer Lehre wird nicht nur von unseren! eigenen Kindern, sondern eben so gut auch von der Außenwelt! gefühlt werden. Die Schwierigkeit der Herbeischaffung aus-! ländischer Rabbiner wird aufhören. Das vorgeschlagene ״College" mst nöthig, um das Judenthum im Vatcrlande zu stärken und die kommende Generation zu erleuchten! vr. Lilienthal von Cincinnati blickt mit Stolz und Freude *) Glück zu! Da in der alten Welt der Zudrang zum ״Studiren" überhaupt, besonders aber zu dem als jüdischer Lehrer und Rabbiner so bedeutend nachgelassen, ja fast aufgchört hat, so ist es ganz an der Zeit und sehr wünschens- und beifallswerth, wenn er in Amerika hervorgerusen wird. Nach den in Europa gemachten Erfahrungen kann man die jungen Leute, die nicht einen ganz ausgesprochenen innern Beruf zu jenem Amte fühlen, für den Entschluß, sich davon fern zu halten, nur beglückwünschen. Wir wagen jedoch emen bescheidenen Zweifel darüber, ob youug America wirklich sich zu diesem Fache nachhaltend zudrängen werde, selbst wenn es gelingen sollte. Dutzende von ״Colleges" zu gründen und mit den tüchtigsten Mannern — woher nehmen?! — zu besetzen.

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