Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volkszeitung · 1874-08-18 · 33 (18.8.1874) · p. Seite 259

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
33 (18.8.1874)
Date
1874-08-18
Page
Seite 259 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9588641-9578923-9579217--771-9579220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

259 erst aus meiner deutschen Stellung hierhergekommen, um mir hier Kenntnisse der französischen Sprache und ein geeignetes Feld des Wirkens in meinem Berufe zu verschaffen. Ich schrieb Ihnen damals, wie in Belgien der religiöse Sinn in der Gesammtheit nur sehr schwach, der Oberrabbiner aber hochgeachtet und sehr einflußreich sei. Jetzt, wo mir das Französische geläufiger ist, begreife ich dies. Ich finde es natürlich, daß die Predigten dieses Mannes, der französische Eleganz in der Sprache mit deutscher Innigkeit, Festigkeit des Wollens mit Freisinnigkeit verbindet, durch sein beredtes Wort so die Herzen zu fesseln vermag. In diesem Augenblicke ist eine große und wichtige jüdische Frage hier auf der Tagesordnung, die ihnen gewiß bekannt ist. Sie wissen, daß es hier - wie in Frankreich — eigentlich in religiöser Beziehung nur zwei Parteien unter den Christen gibt: Ultramontane und Radicale. Diese beiden Parteien standen sich fast in gleicher Anzahl feindlich einander gegenüber. Es scheint ein Fluch der meisten Parlamente in diesem Augenblicke zu sein, daß in diesen Gleichheit der Stimmen fast in gairz Europa ist. Wenn auch der endliche Sieg unzweifelhaft ist — int Augenblicke entstehen aus dieser Unklarheit und Zwitterhaftigkeit theilweise sehr ernste Conflicte. Eine einzige Stimme entscheidet über weittragende Principien und da kann eine Vermittelung nicht zum Rechte kommen. Unsere Radicalen wollen nun das Vegräbnißwesen den Einflüssen der Ultramontanen entziehen, die es natürlich sehr oft zum Schaden der Gegenpartei mißbrauchten und sie hat deswegen durchaus confessionslose — Gemeindekirchhöfe — projectirt, die nicht geweiht und auf welchen Alle ohne Unterschied des Bekenntnisses der Reihe nach beerdigt werden sollen. Bisher waren nach dem Gesetze von 1872 die Friedhöfe wohl auch Gemeindeeigenthum, d. h. Eigenthum der Civilgemeinde. Doch war es gestattet und durchatts Sitte, daß Abscheidungen zwischen den Begräbnißstätten der einzelnen Friedhöfe stattfanden. Die Priester jeder Confession weihten diese Plätze ein und christliche Symbole waren auf den Gräbern gestattet. Das soll nun nach dem Willen der Radicalen durchaus nicht mehr stattfinden. Und nun kommt das sehr schwer wiegende Mißverständniß., Man hielt die Juden bisher als zugehörig zu der liberalen Partei und man kann sich darum durchaus nicht denken, daß sie nicht auf diesen Vorschlag der Radicalen, die völlige Confessionslosigkeit der Friedhöfe in obiger Weise betreffend, eingehen sollten und könnten; man spricht von Pfaffenthum attch bei den Juden und der Großrabbiner hatte deshalb eine überaus schwierige Stellung und schon mehrfach große Kämpfe mit den Radicalen zu bestehen. Die freisinnigen Journale donnern gegen ihn u. s. f. Jetzt hat Gent einen neuen Begräbnißplatz eröffnet und verlangt die vorgenannte Einrichtung, die anderen Städte werden nachmachen und es entsteht für die Juden eine Zwangslage ernstester Art. Sie wissen nicht, was zu thun und der Großrabbiner hat sich um Rath an seine Collegen gewendet. Ich werde Ihnen nächstens mehr darüber zu schreiben haben. H n n cl f di 0 u. Deutschland. Rüdesheim. Vom hiesigen liberalen Bürgerverein, der fast nur aus Nichtjuden besteht, wurden zur Gründung eines israelitischen Hospitals in Jerusalem 20 fl. 15 kr. gespendet. Elberfeld. Der hier erscheinenden ״Elberf. Ztg." entnehmen wir: Die Untersuchung in Betreff des hier als Leiche aufgesundenen Dr. pliii. Alsberg aus Ehrenfeld bei Cöln ist geeignet, auch in weiteren Kreisen vas größte Aufsehen zu erregen. Der Unglückliche, Israelit, aus dem Hessischen gebürtig, war ein tüchtiger Chemiker, der zuletzt in Ehrenfeld beschäftigt war und einem brillanten Rufe nach New-Aork folgend, reiste er zuvor nach Cassel, um von seinen Verwandten Abschied zu nehmen. Auf dieser Reise wurde er vermißt und erst nach mehreren Wochen fand man die Leiche unweit von Soest im hohen Korn. In einer etwas versteckten Brustlasche waren Papiergeld, Wechsel und eine silberne Taschenuhr zu finden. Eine Verletzung könnte man an dem Skelette nicht bemerken, und doch war die gewaltsante Tödtung offenbar. Die Behörde stand vor einem Räthsel; aber bald sollte sie einen Anhalt bekommen und zwar durch einen halbtauben Tagelöhner. Dieser hatte vor einiger Zeit am frühen Morgen einige Männer mit einem großen Sacke, der einen stark üblen! Geruch verbreitete, aus der Stadt nach dem Felde gehen sehen! und einen derselben erkannt. Dieser, ein Arbeitsmann, wurde j denn auch verhaftet, und so wurde die Spur des Verbrechens! bereits aufgedeckt. (Wie wir nachträglich erfahren, soll der Wirth, bei dem! der unglückliche Alsberg eingekehrt war, der Mörder sein. Red.) j Oesterreichisch-Uugarische Monarchie.! Wien. Der von der ״Wiener Allianz" nach Rumänien! geschickte Hr. Smolensky kehrt jetzt nach Wien zurück, um dem j dortigen Comite Bericht zu erstatten, nachdem er bei den tvohlhabenden Juden in Bukarest 40,000 Frs., in Jassy 50,000 Francs, in Galatz 12,000 Frs rc. im Subscriptionswege gesammelt hat. Von diesen Geldern sollen israelitische Schulen in Rumänien errichtet werden. Auch die Alliance isr. univ. hat für diesen Zweck eine thatkräftige Unterstützung in Aus- ' sicht gestellt. — Der verstorbene Baron v. Rothschild hat 400,000 Gulden (350,000 für Wien und 50,000 für Frankfurt) zu wohlthätigen Zwecken testirt. Rumänien. Aus Bukarest und Jassy wird der ״N. Fr. Pr." berichtet, daß die neulich von dem ״Jew. Chronicle" gebrachte Nachricht, es habe die rumänische Negierung den berüchtigten § 8 des Spirituosengesetzes suspendirt, völlig unbegründet sei. Nicht weniger als 15,000 jüdische Familien sind bereits in Ausführung jener völkerrechtswidrigen Bestimmung an den Bettelstab gebracht. Die Listen der Unglücklichen liegen vor; darunter sind Männer, die seit langen Jahren tadellos das Geschäft betrieben, auch Christen österreichisch-ungarischer Nationalität; die Mehrzahl bilden selbstverständlich rumänische Juden. Einige Präfecten erwiderten auf die Klagen derBrodlosgemachten, es geschähe ihnen Recht, warum seien sie so dumm, ihres Glaubens wegen die bürgerliche Existenz zu opfern. Voltaire hat den Satz aufgestellt: ״Bei Religionsverfolgungen sind die Verfolger Ungeheuer, die Verfolgten aber Thoren."; (Dans 168 persecutions religieuses 168 persecuteurs sont | des monstres, 168 perecutes des sots.) Da aber die große Mehrzahl der Bekenner aller Religionen Glaubensfragen nicht mit der Indifferenz betrachtet, die den Philosophen von Ferney charakterisirt, so wird und muß der Abscheu der gesitteten Welt sich ausschließlich gegen die Verfolger wenden. Frankreich. Paris. Nach einem Beschlüsse des Appellhoses zu Algier vom 16. Marz 1874 darf in gerichtlichen Verhandlungen auch von den eingeborenen Juden Algieriens der Eid rnore juv.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.