Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 32 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 254 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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254 Feuikketon. Aeltere Geschichte der jüdischen Gemeinde zn Fürth. (Schluß.) Vom jüdischen Friedhofe in Fürth. Schon 1609 soll ein jüdischer Leichenhos bestanden haben. 1617 erkaufte die jüdische Gemeinde zur Erweiterung desselben einen Platz und eine Behausung. Es finden sich auf demselben eine Reihe bemerkenswerther Grabsteine. Ueber den! großen Portal stehen die Worte בית חיים. Rechts am Eingänge liest man an einem länglichen Stein aus Hiob 3, 22 die Worte: השמחים בי ימצאו קבר ״Sie freuen sich, daß sie das Grab gefunden." Etwas weiter entfernt steht die Jahreszahl 413 תי״ו. לפ״ק, d. i. 1653. Von den Oberrabbinern in Fürth, welche urkundlich nachweisbar sind, können angeführt werden: R. Maier, gest. 1683, der den Lexicon Aruch an vielen Stellen vermehrte und dieses Buch mit in sein Grab nahm. Rabbi Elieser, Sohn des Mardochai Heilbron, gestorben im October 1700, hat sich ebenfalls wissenschaftlich ausgezeichnet, indem er den הדרן עלך am Schlüsse eines jeden Tractats des Talmud geordnet und geliefert. Ihm gebührt also das Verdienst, in origineller Weise für die talmudische Mnemonik, Erinnerungskunst, gearbeitet zu haben. Seine Mazebah gibt von seinem Ruhm Zeugniß und findet sich in Würfel treu copirt. R. Schmuel, Verfasser des בית שמואל zum Eben haäser. Rabbi Salomon Kohn, welcher 1819 im 80. Lebensjahre gestorben ist. Unter diesen Rabbinern zeichnete sich durch talmudische Gelehrsamkeit besonders Steinhart aus, der erste deutsche Rabbiner, der für Eibenschütz*) — der der damaligen talmudischen Richtung feind war und sich der kabbalistischen Secte der Chassidim zuneigte — Partei nahm. Aus dieser Secte ging später der bekannte Judenchrist Frank hervor, der im Feuilleton dieses Blattes das Interesse der Leser so angenehm in Spannung' erhielt. Die Lebensumrisse des Oberrabbiners R׳ Wolf Hamburger und seines Schülers und Nachfolgers Dr. Löwi, dessen Grabeshügel erst vor Kurzem geschlossen, sind den Lesern zum größten Theil wohl noch erinnerlich, als vaß ich besonders darauf zurückkommen müßte.**) Im Vorübergehen sei des Fürther sogenannten Takunimbüchleins, welches auch Würfel ausführlich in seiner Chronik ausgenommen, gedacht, weil es einen merkwürdigen Einblick in das innere Leben der Fürther Israeliten gewährt. Wenn man das Büchlein durchblättert, staunt man überden reich besetzten Festkalender der Fürther Israeliten. Außer den gebotenen Mahlzeiten am Sabbath, bei Hochzeiten, Beschneidungen, am Purim, beim Barmizwah, gab es eine Reihe herkömmlicher freiwilliger Mahle und kaum ließ man eine freudige Gelegenheit vorübergehen, ohne das Einerlei mit einem Festschmause zu vertauschen. So waren die Fürther Israeliten in einer weit besseren Lage als ihre übrigen Glaubensgenossen; sie genossen nach der Ansicht der damaligen Zeit außerordentliche Begünstigungen. Wie in der Vergangenheit so war auch bis in die Jetztzeit die Gemeinde Fürth mit den trefflichsten Gemeindeanstalten, insbesondere der früheren jüdischen Hochschule, Spital und *) Jost, Gesch. d. Juden, Bd. VIII., S. 291. **) Unseren Fürther Freunden erlauben wir uns die Frage vorzulegen, ob sich nicht Spuren vom Grabe des Dajan Rabbi Seligmann Ansbach, aus dem Anfänge dieses Jahrhunderts, dort finden. (Er war unser Großvater mütterlicherseits.) Klingenstein.! Waisenhausc, vom größten Einflüsse auf viele jüdische Gemeinden des In- und Auslandes. Nach der Auflösung der Talmudschule in Fürth, zuletzt unter der Leitung des sel. Rabbi I Wolf Hamburger, zu dessen Füßen noch eine Reihe jetzt leben- | der, angesehener Rabbiner und Lehrer saßen, welche talmu- > disches Wissen mit moderner Gelehrsamkeit in sich aufnahmen, , war diese Gemeinde auch die Stätte, durch die das Auge der j Denkenden und Wohlmeinenden auch auf die vielen Uebelstände, an denen die Entwickelung des Judenthums krankte, gelenkt wurde. Reformen im Synagogen- und Unterrichtswesen wurden dort zuerst besprochen, angestrebt, erkämpft. Dein verstürbenen Oberrabbiuer Dr. Löwi gebührt der Ruhm, in den dreißiger Jahren für geregelten Gottesdienst nrit deutscher Predigt den würdigen Anfang gemacht zu haben. Ungeachtet des Nachweises, daß die Predigt eine uralte jüdische Institution sei, waren es bekanntlich der Feinde sehr viele, welche Löwi darüber höchst leidenschaftlich verfolgten und bekämpften. Es ist das eine Geschichte voller Tragik und es spiegelt sich darin die ganze Schwere des Ukbergangs aus der alten in die neue Zeit. -Eine Reihe hochgebildeter Männer von Ruf zählt Fürth noch heute zu den seinigen, die es verdienen, eine Ehrenstelle in der neueren Geschichte der Juden einzunehmen. Außer den berühmten Gelehrten David Ottensooser, Dr. Feust, nennen wir noch Dr. Grünsfeld als ersten jüdischen Advocaten in Bayern. 1849 wurde Dr. Morgenstern neben Dr. Arnheim in Baireuth Abgeordneter des Landtages zu München. 1865 ward Dr. Brentano Rector der k. Handels- und Gewerbeschule zu Fürth, in welcher Eigenschaft er sich z. Z. in München befindet. 1863 wurde außer anderen Israeliten auch der zeitige Vorstand der jüdischen Gemeinde Dr. Ortenau zum k. Notar*) in Fürth ernannt, der den Besuchern der Synode in Augsburg, des Gemeindetags rc. als würdiger Vertreter des Judenthüms bekannt ist. Hoffen wir, daß eine Aufzählung berühmterer Männer jüdischen Glaubens, welche sich fortan in den Gebieten der Wissenschaften Ruhm erwerben, nicht mehr als ein vereinzeltes geschichtliches Ereigniß dastehe, daß jeder verdienstvolle Israelit zur allgemeinen Anerkennung gleich seinen anderen Mitbürgern gelange, — dem altehrwürdigen Fürth unter allen Verhältniffen aber bleibe sein wohlverdientes gutes Andenken! B—n. Juden in Egypten und in der Wüste. Einer der gelehrtesten Egyptologen unserer Zeit, Henry Brugsch Bey, Vice-Präsident der allgemeinen Gratisschulen in Kairo, hat die Fragen über das Wie des Auszuges der Jsraeliten aus Egypten und über die Behandlung, die sie daselbst zu erdulden hatten, eingehenden Forschungen unterzogen und ist auf diesem Wege zu der Ueberzeugung gelangt, daß die aus jener Zeit vorhandenen Papyrusrollen und monumentalen Inschriften mit den Angaben der Bibel übereinstimmen. So besagt eine im Museum von Lüttich aufgefundene Papyrusrolle, ״daß ein Schreiber allmonatlich unter die Hebräer, die Steine zu den großen Festungswerken von Ramses schleppten, Getreide vertheilte". Andere Papyrusrollen bestätigten, daß die Stadt von Ramses II. gebaut wurde. Es hat fich sogar ein sehr emphatisches Lobgedicht auf die Stadt Ramses vor« gefunden, das auf einer Seite seiner Blätter einen Ausweis *) Dr. Ortenau wurde vom Verein deutscher Notare zum Berichterstatter über die gebotenen Umbildungen des Notiatowesens ernannt: eine ehrende und schwierige Aufgabe, die das Ansehen beurkündet, welches dieser Mann unter seinen Berufsgenossen genießt. Redaction.