Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 32 (11.8.1874)
- Date
- 1874-08-11
- Page
- Seite 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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250 auf dem Spiele steht, wird man sich zu bescheiden haben. Man wird entweder für beide Richtungen Fürsorge treffen, wo dies möglich ist, — oder auf die anstößige Form, — so es eben sich nur um eine Form, handelt — verzichten müssen. (Beiläufig gesagt, in Frankfurt hatte man unter Stein den Orthodoxen eine würdige Synagoge eingeräumt.) Aber Eines darf nicht geopfert werden, unter keiner Bedingung und das ist: die Wahrheit und der Charakter. Und wie wir also gesetzlich, d. h. aus dem Sittengesetz heraus, den Frieden wahren, wo es sich nicht um Principien handelt, so würden wir hingegen doch diejenigen Stätten meiden, in welchen man die alten Rachegebete spricht. Wirwürden die Bitte um Rückkehr nach Jerusalem, um Wiederherstcllung der blutigen Opfer ganz anders behandeln, als das, was nur formell von Bedeutung ist, das Wesen des Judenthunis, die Wahrhaftigkeit im Gebete nicht berührt. Wenn wir also schließlich in einigen Sätzen zusammenstellen wollen, was wir für jetzt Angesichts der längst vorbereiteten und erwarteten Ereignisse für die Aufgaben der deutschjüdischen Gemeinden halten, so ergibt sich uns folgendes als Resultat. Das Vertrauen auf die hohe Ausgabe und den Bestand des Judenthunrs darf auch in der Gegenwart nicht schwinden; es muß sich erhalten und muß gepflegt werden durch diejenigen, welche als berufene Pfleger, als Männer der Lehre und Wissenschaft an der Spitze der Gemeinden stehen. Haben unsere Väter und Vorgänger unter schwierigen Kämpfen, in traurigen Zeiten mit aller Kraft beigetragen, die neue Zeit herbeizuführen, so ist uns die Pflicht überkommen, ihre Consequenzen zu ziehen und zu verfolgen. Haben jene für die Gleichberechtigung der Juden gekämpft und gelitten, so müssen wir mit jüdischer Zähigkeit und Ausdauer für Gleichberechtigung des Judenthums arbeiten und kämpfen. Wir dürfen keine Gelegenheit vorübergehen lassen, Unterstützung vom Staate und der Civilgemeinde für unsere Cultusiustitutionen, für unseren Religionsunterricht zu verlangen, so lange ähnliche christliche Anstalten unterstützt werden. Freilich darf dies nur in ganz correcter Weise und darum von berufenen Stellen aus geschehen, wenn es Erfolg und Bedeutung haben soll; und darum muß eine einheitliche Organisation gefunden und geschaffen und von allen Gutgesinnten thatkrüftig unterstützt werden. Wir können nicht umhin, zu wiederholen und immerdar zu rufen: Ohne eine solche Organisation kann nichts Ordentliches geschaffen, nichts Gutes für die Gesammtheit vollbracht werden. Unsere Zeit ist eine organisatorische; es gibt keinen nennenswerthen Bruchtheil unseres Volkes, der einen geistigen Gedanken repräsentirt oder durch gleichen Beruf verbunden ist, der sich nicht in einem festen Bunde organisirt hätte. Nur das Judenthum ist zersplittert. Beim Staate kann nur die organisirte Gesammtheit etwas durchführen. Bis daher war die Gemeinde der feste Mittelpunkt, der gesicherte Organismus! Was soll uns übrig bleiben, wenn auch diese, die Gemeindeorganisation, in Frage gestellt wird? Darum — eifrigste Unterstützung aller Institutionen und Veranstaltungen — Vereine, Presse, Versammlungen — welche als einheitliche für die Judenheit zu betrachten sind. Wollen wir dies, so müssen die Männer, die an die Spitze gestellt sind, Einfluß erhalten in ihrem Kreise und das können sie nur — durch tüchtigen Charakter. Dem tüchtigen, wahrheitsliebenden, thatkräftigen Menschen wird man Gerechtigkeit widerfahren lassen in den meisten Fällen, in kürzerer oder längerer Frist. Der Charakter dauert aus. Während wir jedoch die Wahrheit verkünden, wollen wir nicht unterlassen, den Frieden zu wahren und gerecht zu sein auch gegen die, welche unsere Ueberzeugungen nicht theilen. So und nur auf diesem Wege, nicht auf dem des Zwanges und der Gewalt wird das Heil der jüdischen Gemeinde gegründet und erhalten werden. Au8 äem Juki-Mericüt äer ״Ätkianz". 1) Unter den Beitritten zur Allianz bemerken wir: 66 durch Rabbiner Hirsch aus Burgpreppach, 74 aus Constantine (Algier), 59 durch Di־. Loewenstein aus Gailingen, 31 durch Dr. Bamberger aus Königsberg, 283 durch Dr. Landsberg aus Liegnitz, 94 durch vr. Jashow aus Philadelphia, 14 durch vr. Treuenfels aus Stettin und 11 durch Hrn. Herz aus Wiesbaden. Unter den Geschenken: 218 fl. von Oppenheim L Goldschmidt aus Frankfurt, 1000 frs. von Wilmersdoerffer aus München und 895 frs. von den Geistlichen zweier Kirchen in Neufchatel (letztere Gabe für Jerusalem). 2) Wie sehr unsere Glaubensgenossen im Orient in der Civilisation, leider! zurückgeblieben sind, beweist von Neuem ein Bericht des Lehrers Bendelac in Adrianopel über die dortige Talmud-Thora-Schule. Die Anstalt ist von 700 Zöglingen besucht, die von 16 Rabbinern und 2 Hilfslehrern unterrichtet werden. Von biblischer Geschichte und hebräischer Grammatik (und wie es scheint: von allem weltlichen Wissen überhaupt) weiß man gar nichts; nur 4 Schüler lernen Tal« mud, nur 8 lesen Raschi. Die Kinder sind blaß, kränklich, unreinlich, in engen Zimmern zusammengeschichtet; denn obgleich das Gebäude geräumig ist, kümmert sich Niemand um die Reinlichkeit und Gesundheit der Locale; an Disciplin fehlt es ganz und gar. Mehr als 200 israelitische Kinder von 10 Jahren und darüber treiben sich handelnd oder vagabondirend auf den Straßen herum. Und doch hat die türkische Regierung eine Handwerksschule gegründet, wo die Schüler unterrichtet, genährt und gekleidet werden und es ist selbst ein Jude angestellt, der darüber wacht, daß die israelitischen Zöglinge ״koschere" Speisen bekommen. Aber die israelitischen Eltern, Nachtheil für die religiösen Gesinnungen ihrer Kinder befürchtend, haben sie der Anstalt wieder entzogen. — Herr Bendelac möchte für die 400 bis 500 sechs- bis zwölfjährigen Mädchen, welche die israelitische Gemeinde zählt, eine Töchterschule gründen. Der Ausschuß will nur 1200 fr. jährlichen Zuschuß gewähren; denn er bemerkt (gewiß mit Recht): die Erfahrung hat bewiesen, daß nur diejenigen Schulanstalten gedeihen, für welche die Gemeinden selbst sich ein Opfer auferlegen. — Aus Samakof, Lehrer Nissim, erfahren wir, daß die Claffen um sieben Uhr Morgens anfangen und um zehn Uhr Abends enden mit einer Erholungsstunde Mittags. (!!) 3) In Berlin besteht eine Schulanstalt ״Sephat Emeth" für junge Israeliten, die von auswärts, namentlich Oesterreich und Rußland, nach Berlin kommen, um sich dort (meist zu Lehrern und Rabbinern) auszubilden. Di*. Schwarz in Cöln bittet um eine Unterstützung der Anstalt; der Ausschuß beschließt, bei den Comite's in Berlin und Königsberg nähere Erkundigungen einzuziehen. 4) In Rumänien ist das Spirituosen-Gesetz — das den Juden den Handel damit verbietet — seit dem 8. Mai in Wirksamkeit. Jede Contravention soll mit fünfjähriger Ketten strafe geahndet werden. Mehr als 10,000 Familien sind dadurch in ihrem kleinen Erwerb gehemmt. Sie rufen die Hilfe der Glaubensgenossen an. — Man darf hoffen, daß! das Gesetz bei dem nächsten Zusammentritt der Kammem ge-