Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 31 (4.8.1874)
- Date
- 1874-08-04
- Page
- Seite 244 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 244 — Fortschritte der Geometrie jedoch datiren aus dem 19. Jahrhundert, während welcher eine ganze Reihe von Männern ersten Ranges, wie Poncelet, Möbius, Plücker, Steiner rc., diese Wissenschaft zum vollendetsten Zweige der Mathematik ausgebildet haben. Gleichwohl hat unsere jetzige Geometrie den höchsten Gipfel ihrer Entwickelung noch nicht erstiegen. Neben den schon ergründeten Problemen beschäftigt eine Reihe noch ungelöster, nicht minder wichtiger, die gegenwärtige Generation. — Zum Schlüsse wurde im Zusammenhänge mit dem Vorhergehenden darauf hingewiesen, daß eine hohe Vollendung der exacten Wissenschaften, insbesondere der machemalischen als deren Grundlage, einen der Hauptfactoren bilde für die intellectuelle, materielle und indirect auch sittliche Ueberlegenheit des Volkes. Die militärischen Siege unserer westlichen Nachbarn unter Napoleon dem Ersten und ihre Niederlagen in jüngster Zeit finden nicht zum wenigsten ihre Erklärung durch die Thatsache, daß im Wettstreite der Nationen um die Fortentwickelung der exacten Wissenschaften gegen Ende des vorigen Jahrhunderts von den Franzosen, seit etwa 40 Jahren von den Deutschen die Palme errungen ward." Professor vr. Gundelfinger ist noch ein ganz junger Mann, der ohne irgend welche Protection, nur durch seine Fähigkeiten und seinen Fleiß diese Stellung sich errungen hat. — Tübingen zählt nun 50 israelitische Einwohner, während in der Muttergemeinde Wankheim nur noch 28 sich befinden. Es ist gewiß eine Anomalie, wenn die größere Anzahl Jsraeliten Filial einer kleinen Gemeinde sein sollen, wie es bei Tübingen und Wankheim der Fall ist. — So muß z. B. der Professor Dr. jur. £eop. Pfeiffer in Tübingen 3/ג der Cultkosten der israelitischen Gemeinde Wankheim bezahlen, weil Tübingen Filial von Wankheim ist. Es wäre endlich an der Zeit, diesen Mißstand zu heben und den Privatgottesdienst in Tübingen zu einem öffentlichen umzugestalten. Es wäre um der israelitischen Studirenden willen schon geboten, daß in der Universitätsstadt auch ein öffentlicher jüdischer Gottesdienst errichtet würde. Der Bezirksrnbbiner inMühringen I. Stern, der Verfasser der unter dem Titel ״Gottesslamme" in zwei Bänden erschienenen religiösen Reden, sollte dahin wirken, daß Tübingen statt Wankheim Synagogengemeinde würde; am Universitätssitze würde auch der Rabbiner wissenschaftliche Anregung erhalten und es wird nur eine Zeitftage sein, daß der Rabbinatssitz von Mühringen nach Tübingen verlegt wird. — Die ״Ulmer Schnellpost" berichtet: ״Palästina. Die Hungersnoth in Palästina gab im Frühjahre Veranlassung, besonders in israelitischen Gemeinden, für die nothleidenden Glaubensbrüder Gaben zu sammeln, die reichlich ausfielen; aber dennoch wollte man sich über die Sachlage vergewissern und zwei Israeliten in Laupheim wendeten sich mit einem Gesuche an die kgl. preußische Gesandtschaft in Stuttgart um Recherchen bei dem kaiserl. Consulate in Jerusalem in dieser Angelegenheit bittend. Unter dem 14. d. M. gibt Hr. v. Magnus in einem Schreiben an die Bittsteller die Sachlage kund, wie sie das kaiserl. Consulat mitgetheilt. Die Hungersnoth ist im Abnehmen, gleichwohl ein allgemeiner Nothstand noch vorhanden, dessen Ende nicht zu bestimmen. Ein Comite in zwei Abtheilungen ist thätig; eine für die spanischen Juden, die türkische Unterthanen sind, eine andere für die unter fremdländischem Schutze stehenden europäischen Juden. — Für Jerusalem allein sind eingegangen aus Deutschland 13,000 fl., aus England 550 Pf. Sterl., für das übrige Palästina aus Deutschland 26,000 fl., aus England 1400 Pf. Sterl. — Zu dem Hause Holländer und Lehren, das die Gaben vermittelt, habe man vollständiges Vertrauen.—In den jüdischen Zeitungen ״Mainzer Israelit" und ״Jüd. Wochenschrift" hat sich eine Polemik entsponnen; letztere behauptet, ein Armenpfleger sei mit 500 Napoleons Armengelder durchgegangen; der Israelit will es dementiren." (Jetzt wird von der ״Jsr. Wochenschrift" zugestanden, resp. aus authentischen Mittheilungen nachgewiesen, daß wohl einige Wochen Theuerung — aber keine Hungersnoth war; diese Theuerung ist thatsächlich auch längst wieder vorüber. Der ״allgemeine Nothstand" wird natürlich nie aufhören, wo diejenigen, welche sich einem arbeitsamen Leben, dem Handwerke oder dem Ackerbau widmen, im Geheimen ׳in den Bann gethan und ausgeschlossen werden. Wir haben dafür zuverlässige, vollgültige Beweise. Red. d. ״Jüd. Volksztg.") Gllya, 26. Juli. Aus Damburitz in Mähren berichtet man einer Zeitung wie folgt: Die orthodoxe Judenschaft begeht dieser Tage das Trauerfest der Zerstörung Jerusalems. Bisher galt der Usus, durch volle acht Tage vor diesem Feste sich des Fleischgenusses zu enthalten, ohne aber auf den Einzeinen irgend welche Pression zu üben, wenn er sich dem Usus nicht fügen wollte. Heute hat aber das ehrwürdige Nabbinat, repräsentirt durch Hrn. Samuel Hahn, den Fortschrittsgelüsten des ergebenst Gefertigten die Spitze abgebrochen, indem er, was bisher Usus war, zum vollgültigen Gesetz erhob und dem Fleischhauer den Verkauf des Fleisches verbot! Die Cultusgemeinde ist wohl von den Uebergriffen ihres geistlichen Oberhirten nicht sehr erbaut, aber bigott und zu begriffsstützig, sich seinem Einflüsse wirksam entgegenzusetzen... also tanzt diese Gemeinde wie der Rabbi pfeift. Ich habe keinen Berus, mich zum Anwalt der einen oder der anderen Partei zu machen, ich glaube jedoch, solche dem gesunden Menschenverstände hohnsprechende Thatsachen der öffentlichen Beurtheilung vorlegen zu sollen, umsomehr, als ich mich zu der Annahme berechtigt glaube, daß an diesem unzeitgemäßen Gebote nicht sowohl Frömmigkeit als pfäffischer Zelotismus Schuld tragen. Es ist mir ganz gleichgültig, ob ich Fleisch-oder Fastenspeisen genießen soll, aber dieselbe gezwungenerweise und durch acht Tage mir vorsetzen zu lassen, als ob wir etwa noch im Zeitalter der Inquisition — den Juden war sie eben so wenig fremd wie dem unfehlbaren Papismus — lebten, und nur deshalb, weil ein ehrsamer Cultusvorstand sich vor der geistlichen Zungenfertigkeit so zurückzieht — das ist mehr, als ein ehrlicher Mensch und Fortschrittsmann dulden darf. Mit der Bitte, vorstehende Zeilen in Ihrem vielgelesenen Blatte ganz oder im Auszuge ein Plätzchen gönnen zu wollen, zeichnet mit vorzüglicher Hochachtung Fr. Deutsch. Damburitz, 15. Juli 1874. Daß Hr. Deutsch diese schmutzige Wäsche an die Glocke hängt, ist seine eigene Privatpassion, nur hätte er seine Fleisch- Misere nicht in den Topf eines Zeitungsblattes werfen sollen. Die ultramontane ״Gegenwart" macht zu dieser Epistel folgende Glosse: ״Das ist zwar in einem Juxjudenblatte sehr interessant zu lesen, um so mehr, als hier endlich einmal eingestanden wird, daß die löbliche Inquisition ein so historisches Institut war, daß sie auch unter den heiligen Juden, zur Zeit des alten, sowie des neuen Testamentes, bestand. Sehr viele wurden von den Juden im Alterthume gesteinigt und sonst zu Tode gebracht von ihrer Inquisition; und war nicht Christus selbst und alle ersten christlichen Märtyrer Opfer der altjüdischen Inquisition, die noch ganz anders, als die spanische Staatsinquisition verfuhr, als sie ״modernere Grundsätze" annahm und Tausende unglücklicher Christen von den Syrem, Egyptern, Römern, Persern rc. kaufte und martervoll ab-