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Jüdische Volkszeitung · 1874-08-04 · 31 (4.8.1874) · p. Seite 243

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
31 (4.8.1874)
Date
1874-08-04
Page
Seite 243 (sequence 3)
Language
German
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243 gehalten werden können von — der Annahme oder Nrchtannähme eines Gesetzes durch die preußischen Kammern? Wir ״Neologen" aber, in unserer redlich erworbenen Ueberzeugung, in unserem felsenfesten Vertrauen auf den Sieg der guten Sache, -- in unserem Messiasglauben — wir zweifeln nicht, daß die Kämpfe, die uns in der Gegenwart drohen, zu bewältigen sein werden durch Thatkraft und Charakter insbesondere derjenigen, welche die Träger des jüdischen Lebens in der Gemeinde und in der Oeffentlichkeit sind, also der Gemeindevorstände, der Rabbinen und Lehrer. Ja, Thatkraft und Charakter, das ist dasjenige, was einem großen Theile dieser für ihr Thun so sehr verantwortlichen geistigen und gemeindlichen Träger des Judenthums leider nur allzu sehr fehlte. Wir haben diesen schweren Vorwurf freilich schon allzu oft vergeblich ausgesprochen. Wir scheuen uns nicht, ihn auch heute wieder zu erneuern, selbst auf die Gefahr hin, abermals mißverstanden und angefochten zu werden. Wir sprechen ja nicht von dem privaten Charakter! Es mag Jemand ein recht braver und edler Mensch im Privatleben sein, und er thut doch nicht seine Schuldigkeit in einem Berufe, dessen einflußreiches Wirken weit üb^r die Gegenwart hinausgeht. Wem eine öffentliche Stellung geworden ist, der muß in derselben wirken in einer Weise, die ihm das öffentliche Vertrauen verschafft. Man muß es deutlich erkennen, daß er eine feste Ueberzeugung sein eigen nennt. Er muß offen und entschieden für das Partei ergreifen, leben, streben und wirken, was in ihm selbst lebt als heilige Ueberzeugung. Das ist ein öffentlicher Charakter!— War aber das der Fall in den jüngsten Jahrzehnten? Wir stehen selbst in der Mitte des Lebens; aber mit Schinerz und Beschämung sehe!: wir hin aus die Alten und — Heimgegangenen, aus die Männer, die in ihrem Kampfe für das, was in ihnen lebte und wirkte, uns wie Helden einer untergegangenen Periode dünken, deren Nachfolger — Feiglingen gleich, Alles an sich herankommen lassen und Nichts thun! Dieses ״Tragen auf beiden Schultern", diese That- und Rathlosigkeit gegenüber dem Andrängen des Jndifferentismus und der Orthodoxie hat das Vertrauen auf die Führer und damit auch ihre Sache geschwächt. Man mißverstehe uns mcht! Wir sagen nicht, daß Ueberzeugungstreue und Charaktertüchtigkeit nur auf unserer Seite, nur bei den Männern unfever vielleicht allzu schneidigen und rücksichtslosen Richtung zu finden sei. Diese principielle Rücksichtslosigkeit mag eben nicht Jedermanns Sache sein! Aber eine jede redlich gewonnene und redlich und offen vertheidigte Ueberzeugung ist ehrenwerth und erwirbt sich Anerkennung. Nur muß sie sich — bei dem Beamten und dem mit einem öffentlichen Amte Bekleideten — aussprechen in Wort und That, in der Schule, in der Synagoge, im öffentlichen Leben! Man muß stets wissen, ״wie mim mit dem Manne dran ist", wozu er da ist. Fahrlässigkeit des Religionsbeamten erzeugt eine indifferente Gemeinde. Derjenige aber, der stets zu wirken sucht und bereit ist, für seine Aufgabe mit voller Kraft einzustehen; von dem man weiß, was man von ihnr zu erwarten hat, der lebendiges Streben in seinem Berufe zeigt, erwirbt sich Vertrauen, zuverlässige Anhänger, und selbst die Achtung der Zweifelhaften und Gegner. Es gibt keine größere Schmach und keine größere Gefahr für den Geist und nach den jetzigen Verhältniffen auch für den Bestand der Gemeinde, als wenn die Gemeindeglieder, wie wir es schon oft haben hören müssen, sagen: ״Wir kennen unsere Religionsbeamten nicht! Ihre Predigten sind färb-, gehalt-und energielos! Sie schelten nicht, sie loben nicht! Sie stellen sich nicht aufrichtig zu einer Richtung — und außer den seltenen Predigten, die nur wenige hören, thun sie doch gar Nichts. Unsere Kinder haben einm Religionsunterricht — daß Gott erbarm! Es ist, als ob sie's drauf anlegten, alles religiöse Gefühl in ihnen durch die Formlosigkeit und Gleichgültigkeit zu ersticken. Wir müssen uns vor den! christlichen Lehrern der Anstalt schämen, wenn wir hören, wie j es in den jüdischen Religionsunterrichtsstunden zugeht. Da! lobe ich mir doch die Orthodoxen; die wissen doch, was sie!wollen und arbeiten für ihre Zwecke!" Ist das keine!Gefahr? j Wohl haben es die Gemeinden verschuldet, die ״um des j Friedens wegen" von ihren Rabbinen eine solche Haltung,! die eigentlich Haltungslosigkeit ist, verlangten. Aber — sie,! die Rabbinen, hätten doch wissen müssen, daß nur Offenheit,! Klarheit und Wahrheit, Entschiedenheit der Ueberzeugung, mit! einem Worte: energischer Charakter die Gemüther bezwingt! und auf die Dauer sich erhält.! Wir wollen nur ein Beispiel erwähnen: Wir haben da vor uns einen dicken Band, Predigten eines sehr beredten Rabbiners, der in einer ganz großen, der entschiedensten Re-! form geweihten Synagoge — predigt. Wir sehen uns verj geblich um nach einer einzigen Stelle in dem ganzen Buche, j die von der Richtung des Mannes Zeugniß gäbe; die uns! sage, ob und wie der Mann zu dieser Synagoge und ihren! Einrichtungen steht. Es sind viele theilweise vorzüglich gehal- 1 tenen Predigten, aber kein einziges Wort, das man nicht!ebenso wohl z. B. Hirsch als Stein in Frankfurt a. M. j in den Mund legen könnte! Muß da nicht am Ende die ' Predigt in ein leeres Phrasenthum verfallen und untergehen? Glaubt man im Ernst, mit einer solchen Richtungs- und Haltungslosigkeit aus die Dauer die Gemüther bezwingen, Frieden erhalten zu können? (Schluß folgt.) Corre^wmlenz. Stuttgart. Der Staatsanzeiger bringt folgende Kundgebung: ״Tübingen, 23. Juli. Im Festsaale der Aula hielt!heute vr. Gundelfinger, außerordentlicher Professor an der : naturwissenschaftlichen Facultüt, seine academische Antrittsrede!über: ״Die Entwickelung der Geometrie, insbesondere im : 19. Jahrhundert". Der Redner entwarf in gewandtem Vortrage ein auch dem Laien verständliches Bild von den Fort-! schritten und Vervollkommnungen, welche die Geometrie von! ihren ersten Anfängen bis auf den heutigen Tag erfahren hat.! Die Geometrie wurde als eine Art Reißkunst schon im hohen; Alterthum von den Egyptern gepflegt und unter deren Ein- : flusse von den Griechen zur Wissenschaft ausgebildet. Euclid! (285 v. Chr.) war der erste, welcher die Ergebnisse der Jo-!nischen Philosophen, der Pythagoräer, Plato's und dessen I Schüler in seinen' ״Elementen" zusammenfaßte und ergänzte. : Euclid's Untersuchungen wurden hauptsächlich weitergesührt! durch Archimedes von Syracus und Apollonius aus Perga, mit welchen die Reihe der wahrhaft productiven griechischen Geometer erlischt. Die Araber, welche während des Mittelalters die geistigen Erzeugnisse der Alten theils vor Vergessenheit bewahrten, theils weiterbildeten, haben speciell für die Geometrie keine neuen Gesichtspunkte aufgefunden. Einen Aufschwung führten gegen Anfang des 17. Jahrhunderts Vieta und Cartesius herbei durch die Begründung der Buchstabenrechnung und der analytischen Geometrie. Vermittelst dieser letzteren Disciplinen und der durch Leibnitz und Neivton entdeckten Infinitesimalrechnung konnten gegen Ende des 18. Jahr- Hunderts die Probleme aus der Geometrie des Maßes in ziemlicher Allgemeinheit behandelt werden. Die bedeutendsten

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