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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-28 · 30 (28.7.1874) · p. Seite 239

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
30 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 239 (sequence 7)
Language
German
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239 vielfach erweiterter Gestalt vor uns, und die Nabbaniten haben nunmehr Gelegenheit, ihren karaüischen Brüdern eine etwas spät kommende Gerechtigkeit zu zollen. Im Ganzen hat man, wie gesagt, Ursache sich nur zu freuen über die feiertägliche Ruhe, welche in der apologetischen Literatur des Judenthums seit Jahren eingetreten ist; denn die frischere und ergiebigere Thätigkeit derselben läßt sich schwer von den grauen Schatten des Mittelalters und von den Flammen des Holzstoßes trennen, und man ist freudig versucht, in den Segensspruch einzustimmen: ״Gelobt sei Gott, der Ruhe gegeben seinem Volke Israel." Vielleicht ist England noch der letzte dankbare Boden für! eine Apologie des Judenthums in ansprechender populärer Form und auf der Lehrbühne des Volkslehrers, des Predigers ausgeübt. Denn dort zu Lande tritt das Bekehrungswesen nach wie vor mit zäher Zudringlichkeit an uns heran, und es ist notwendig, den Kampf gegen dasselbe zu organisiren, da es ja doch eine eitle Hoffnung wäre, den Gegner zum Glauben an seine eigene Absurdität zu bringen. Religionsgespräche haben noch nie zu einem gedeihlichen Ziele geführt, schon deshalb nicht, weil neben der sonstigen Aufgabe eines jeden Kampfes, den Gegner zu besiegen, hier i noch das Unmögliche gefordert wird, ihn auch an seine Niederläge glauben zu machen. Allein Religionsgespräche können sehr ersprießlich wirken, wenn es die Aufgabe des Lehrers, namentlich des Predigers ist, die eigene Schaar zu belehren, und die oft und erschöpfend besprochenen Differenzpunkte zwischen den rivalisirenden Religionen in stets neuen Reflexen und Gesichtspunkten zu zeigen. Das bedeutsame Mischnawort: ״ ודע מה שתשיב לאפיקורסWisse, was du dem Skeptiker ant- Worten sollst ' (Aboth 2, 14.), welches der Verfasser der uns vorliegenden Predigten" seinem Buche als Motto vorgesetzt hat, dieses Wort kann namentlich in unserer Zeit den apologetischen Bestrebungen überhaupt als Inschrift dienen. Zu solchem Glauben und Selbstgefühl berechtigen uns Geschichte, sowie die großen Gesetze des Geistes, daß wir den Muth haben, es auszusprechen: Jeder gröbere Angriff auf den geifügen Mittelbau des Judenthums ist zugleich ein Angriff auf die Vernunft und auf das geistige Gemeingut der Menschheit. Erwähnte Kanzelreden, in deren Besprechung ich eine etwas verjährte Ehrenschuld abtrage, wurden vor einigen Jahren vor einer zahlreichen und ansehnlichen Gemeinde Westlondons gehalten. Der Verfasser vereinigt große Milde und Wärme der Auffassung mit ziemlicher dialectischer Schärfe und anerkennenswerther Eleganz des englischen Idioms. Seine lieber- Zeugungskraft läßt nichts, ja, sie läßt eigentlich zu wenig zu wünschen übrig. Wer nämlich ausgeht, die letzten Folgerungen in dem dialectischen Kampfe zwischen zwei großen Gegnern zu ziehen, der wird bei seiner engeren Aufgabe schwerlich stehen bleiben können. Der gebildetere und feinere Advocat jüdischen Lehrwesens muß es als seine Domäne betrachten, von den Aufstellungen eines dogmatisch stabilitirten Gegners zu appelliren an die lautere Stimme des Menschengeistes. Der Streit, der seit Aeonen schwankt, kann aber vor dem Richterstuhle des Geistes nur dann gehört werden, wenn jeglicher Wortführer sich bescheidet, nur mit werdenden, nicht mit ewig fertigen Resultaten aufzutreten. .;^ufken bekannten Quellenschriften, ich möchte sagen, כר**cvr י* ern ^er Apologetik, aus dem חווק אמונה des -R. Troki, dem נצחון desL. Lippmann Mühlhausen, dem Kusari und ähnlichen Büchern hat der Redner reichlich geschöpft und gesteht seine Schuld an diese grundlegenden Geister redlich ein. Wenn es, wie wahrscheinlich, seine Aufgabe gewesen, Zuhörer und Leser mit fast allen welt- und landesüblichen Anklage- und Rechtfertigungsartikeln bekannt zu wachen, so ist ihm dieses ganz vorzüglich gelungen. Wir können uns kein klareres und verständlicheres Handbuch der Apologetik denken, als diese Reden, worin das schwere und unbequeme Barrengold d!>r älteren Theologie in die gangbare Scheidemünze des modernen Gedankenlebens umgesetzt ist. Eine solche Erlösung der theologischen Disciplinen aus dem Banne der Unverständlichkeit und Unzugänglichkeit war wenigstens immer eines unserer Ideale; und in diesem Sinne ist die neuere Theologie oft gegen ihren Willen im besten Sinne reformistisch. Jndeß ist der Verfasser bei der Ausbeutung der älteren Literatur nicht stehen geblieben. Man sieht es diesen Vorträgen überhaupt an, daß sie auf dem frischen Boden des Lebens erwachsen sind; und gerade England mit seiner gebildeten Gesellschaft, seinen liberalen Velleitäten und seinem stationären in Compromissen sich gefallenden Autoritätsglauben, ist dazu angethan, ein Bild des Streites in seiner gegenwärtigen, feineren Form uns darzubieten. Gleich die erste Predigt gibt uns einen wirklich ergötzlichen Vorgang aus dem äußeren Leben. Der Verfasser erzählt eine persönliche Begegnung mit einem Conversionisten, welcher den oft gequälten Einwurf gegen ihn erhebt: das dritte Wort in der Bibel beweise ja schon durch seinen Plural אלהים die Wahrheit des Christenthums. Worauf der Verfasser bündig genug erwiedert: schon das zweite Wort der Bibel ברא widerlege durch seinen Singular diese Behauptung. Was hier der Verfasser an sprachlicher und literarischer Beweisführung herbeibringt, das sind für uns allerdings keine Neuigkeiten. Noch begrüßen wir Das als neu, was über die dunkle Stelle (Genesis 49, 10. und den Ausdruck שילה) angeführt ist. In den 'Predigten über die messianischen Stellen folgen wir dem Redner mit vieler Befriedigung, und versprechen dem Leser manches Golvkorn gesunder Exegese von der Benützung dieser Blätter. Ein Verdienst würde er sich auch erworben haben, wäre es seiner redlichen Absicht gelungen, das Vertrauen der Engländer in ihre autorisirte anglikanische Bibelübersetzung etwas zu erschüttern: er hat es wenigstens redlich versucht. In dem neunten und den folgenden Vorträgen erhebt sich die Beweisführung zu einem luftigeren Fluge und wagt sich in würdiger Abwehr, wie es jede bessere Apologetik darf, in das Lager des Gegners. Die Worte, die wir aus der zehnten Predigt hier anführen, können als vollendender Schlußstein jedes System einer Apologetik krönen; und mit ihnen nehmen wir Abschied von dem uns werth gewordenen Buche. ״Können die messianischen Tage gekommen sein, wenn wir einen Meuchelmörder seine Hand gegen einen liebenswürdigen und geliebten Prinzen erheben sehen (das geschah damals in Canada gegen den Herzog von Edinburgh), wenn Tyrannen leben, deren gesetzlose Thaten durch die Tapferkeit unserer Armeen bestraft werden müssen? (Anspielung auf des Königs Theodoros abyssinische Majestät). Ist die Prophezeihung wahr geworden, daß Nation nicht mehr erheben soll ihr Schwert gegen Nation, noch daß sie den Krieg je mehr lernen? . . . Ach nein! Wir sehen die mächtigsten und civilisirtesten Völker mit einander wetteifern in der Erhaltung ungeheuerer Armeen, in der Erzeugung möglichst tödtlicher Zerstörungswaffen. . . . Fürwahr, wer nur einen Blick wirst auf die Geschichte der Welt, muß zugeben, daß die achtzehn Jahrhunderte, welche seit dem angeblichen Auftreten des Messias verflossen sind, einen traurigen und entmuthigenden Anblick gewähren. Ueberall

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