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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-28 · 30 (28.7.1874) · p. Seite 238

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
30 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 238 (sequence 6)
Language
German
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— 238 — Errichtung eines Rabbiner-Seminars angeordnet. Das ist nun ein Greuel in den Augen der Orthodoxen, welche aus Galizien unwissende Rabbiner und Lehrer importiren. DieOrthodoxen sind besonders in den nördlichen Comitaten sehr zahlreich; auch üben sie auf die Wahlen, da sie zumeist Gastwirthe, kleine Händler und Eapitalisten sind, einen nicht zu unterschätzenden Einfluß aus. Dieser Umstand erklärt die den Orthodoxen günstige Haltung vieler Abgeordneten. Die Abgeordneten werden von den orthodoxen Juden ihrer Wahlbezirke förmlich maltrütirt, damit sie die Errichtung des Rabbiner- Seminars Hintertreiben sollen. Um diese handelte es sich nämlich hauptsächlich in dem Berichte, den der Eultus- und Unterrichtsminister dem Abgeordnetenhause vorgelegt hatte. Nahm das Haus den Bericht des Unterrichtsministers genehmigend zur Kenntniß und billigte es den daran geknüpften Beschlußantrag, so wäre bereits im nächsten Herbst das Rabbiner-Seminar eröffnet worden. Es wäre deshalb noch genug Geld geblieben, um auch die ärmeren Volksschulen der Juden, also auch oder richtiger par excellence jene der Orthodoxen zu unterstützen, denn die Revenüen des bereits 2,000,000 fl. übersteigenden Fonds sind bedeutend. Holland. Grönle. Vor einiger Zeit wurde hier ein Jude gefänglich eingezogen wegen des Verdachtes ein Haus angezündet zu haben. Da sich zuletzt die Unschuld des Angeklagten herausgestellt hatte, wurde er wohl befreit, war aber in Folge der Haft beschäftigungslos und um seine ganze Habe gekommen. Ein junger protestantischer Seelsorger eines benachbarten Ortes machte eine Collecte für ihn, welche wohl 2000 Frc. brachte, die aber nicht genügte, dem Armen aufzuhelfen. Der edle Menschenfreund, der von der Splendidität der englischen Juden viel gehört hatte, ließ es sich nicht verdrießen, nach England hinüber zu fahren und seine Reise hatte auch den besten Erfolg. (O, hätten alle protestantischen Geistlichen eine solch edle Gesinnung! Red.) Unterricüt8unä Erzie!u,ng8wesen. Kätscher, Anfang Juli 1874. Ich hätte schon längst Gelegenheit genommen, Ihrem Blatte einen Bericht über die Verhältnisse unserer jüdischen Gemeinde zuzusenden, wenn ich nicht wüßte, daß hier nur in kleinerem Maßstabe all das sich geltend macht, was Ihnen Ihre Correspondenten aus größeren Städten berichten. Jndeß ist wohl die unter der Leitung des Herrn Lehrer Arnstein stehende jüdische Elementarschule und die damit verbundene Vorbereitungsanstalt für die mittleren Gymnasialclaffen erwähnenswerth, eine Anstalt, die sich nicht blos in unserer Stadt, sondern darüber hinaus in ganz Schlesien, in Oberschlesien zumal, eines sehr guten Rufes erfreut, so daß sie z. B. nicht blos Juden, sondern auch Christen zu ihren Schülern zählt. *) In diesen Tagen ging das bisher dem hiesigen Canonicus zustehende Jnspectorat über die erwähnte Schule in die Hände des Herrn Dr. med. Ullrich über, der bei Christen unv Juden so sehr den Ruf eines tüchtigen gerechtigkeitsliebenden Mannes besitzt, daß wir wohl Grund zu der Hoffnung haben, daß, wie bisher, auch unter seinen Auspicien unsere Schule zu den besten ihrer Art gehören wird. *) So wissen wir, daß auch die jüdische Elementarschule Loslau's in Oberschlesien von einer Anzahl christlicher Schüler und zwar Kindern aus gebildeteren Familien besucht wird. Feuikketon. Ueber apologetische Literatur. Mrt Rücksicht auf vr. Hermann Adler's ״Naftule Elohim, a course of sermons on the Biblical passages adduced by Christian theologians in support of the dograas of their faith“, London Trübner & Co. 1869. (Naftule Elohim, ein Predigtcyclus über die Bibelstellen, auf welche die christlichen Theologen ihre Glaubenssätze gründen.) Man darf es ein erfreuliches Zeichen unserer Zeit nennen, daß bei der Vollständigkeit, womit fast alle literarischen Gattungen ihre Vertretung finden, die apologetische vielleicht allein einer sichtlichen Vernachlässigung anheim gefallen ist. Die trübe Zeit liegt längst hinter uns, wo ein Nachmanides mit einem Fra-Paolo über die beziehungsweisen Vorzüge des Judenthums und Christenthums vor einem vergessenen Könige von Aragonien disputiren mußte, und die Controverse hat seitdem viel von ihrem tiefernsten Charakter eingebüßt und muß sich gefallen lassen, von dem Spötter Heine mit zwar glänzenden aber wenig ehrwürdigen Farben gemalt zu werden. Wenn heute noch der Scharffinn des Denkers, die Feder des Forschers auf diese Richtung zurückkommt, und sich anschickt, den Werth der angestammten Lehre mit den oft wiederholten, aber dafür um nichts triftigeren Ansprüchen der Tochterreligion zu messen, so geschieht dies, wie es dem sammelfleißigen und historisch gewandten Geiste unserer Zeit am besten zusagt, mehr in abschließend geschichtlicher Form als in der volksthüinlichen Gattung der Homilie, welche sich an die Massen wendet und frischere Farben und mehr decorative Pinselstriche anwendet, als die ruhige Forschung sie liebt. Aus diese Weise sind seit mehreren Jahren einige Schriften entstanden, welche die große Differenzfrage zwischen Judenthum und Christenthum in eine Art abschließendes System zu bringen suchten. Die Arbeiten des italienischen Rabbiners Benamozegh, des Herrn Holländerski und des Rabbiners vr. Grünebaum, die beiden ersteren in französischer Sprache, haben jede ihren zweifellosen Werth und ihre Brauchbarkeit. Allein Eines ist es, was in diesen Schriften nicht genug hervorgehoben scheint, und das ist die Stellung des Judenthums gegenüber dermodernen Wissenschaft und dem modernen Geschmack. In einer Zeit, wo die Philosophie zu einer Macht angewachsen ist, die aus ihr beinahe eine neue Religion oder besser ein Agglomerat von Religionen bildet, da genügt es nicht, die in unserem Geiste als Axiom lebende Hoheit des Judenthums gegen zweitausendjährige Dogmen zu vertreten; nein, diese Lauterkeit im Wollen, diese Folgerichtigkeit im Lehren hat sich auch vor dem modernen Geiste zu justisiciren. Schreiber dieses ist eben im Begriffe einer Arbeit die letzte Feile zu geben, welche in diesem Sinne entworfen ist und für die er schüchtern die Beachtung der Mitstrebenden anrufen wird. Namhafte Vorarbeiten zu einer solchen Schrift, welche eine Erweiterung der ethischen Wissenschaft selbst werden kann, bieten sich in den verdienstvollen Arbeiten dar, welche die letzten Jahrzehnte aus den Leistungen bedeutender jüdischer und nichtjüdischer Denker herbeigebracht haben. Durch das neue Licht, welches seit mehreren Jahren auf die Literatur der Karätten verbreitet worden, ist die Aufmerksamkeit auf Bücher und Abhandlungen gelenkt worden, in denen jene bescheidenen Lehrer des Orients ihre Doctrin gegen den Muhamedanismus verfochten, der in der - Verkleinerung jüdischer Art und Lehre mit der herrschenden Kirche eine Zeitlang gemeinsame Sache machte. Was uns- Trigland vor etwa zwei Jahrhunderten aus dem ״Eliasmantel" (Aderet Eliahu) des L. Eliahu Beschizi, und was uns- Andere in ähnlichen Auszügen mittheilten, das liegt jetzt in. '.*tf

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