Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 30 (28.7.1874)
- Date
- 1874-07-28
- Page
- Seite 236 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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236 I f i Basis hat, vor den Exceffen, welchen sich Andere dieses Standes hingeben. Dafür mögen ihnen die Anderen dankbar sein. ״Die Kunst geht nach Brod". Man hat vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß man in München nicht mehr die früheren genialen, d. i. verlumpten und verlotterten Maler sehe, sondern, daß die Herren im Gegentheil stets in ״schwarzem Fracks und weißer Weste, das Ordensband im Knopfloch" gehen, daß sie nach behäbigem Reichthum streben, sich Villas und Paläste bauen rc. Verliert die Kunst dadurch? Sind die Künstler in der Achtung der Welt dadurch gesunken — oder in der Selbstachtung? Und — was uns hier die Hauptsache ist: haben auch hier die Juden die Speculation eingeführt? — — — Torresponäenz. Laupheiin in Württemberg. Am Donnerstag den 9. Juli wurde auf der Gemeindestube des israelitischen Kirchenvorsteheramtes Laupheim ein Act ehrender Anerkennung an einem um das Gemeindewohl verdienten Mitbürger vorgenommen. Es waren nämlich am 9. Juli 25 Jahrc, daß der Rechtsanwalt I. Lämmle in Laupheim durch die Wahl seiner Mitbürger in das Kirchenvorsteheramt eingeführt wurde, in welchem er seit damals in ununterbrochener Folge wirkt. Auf Einladung des Vorsitzenden waren die Mitglieder des Vorsteheramtes erschienen, und auch der Bezirksbeamte, Herr Oberamtmann Wernle, nahm auf freundliches Ersuchen durch seine Anwesenheit Antheil an dem Acte. Herr Rabbiner Wälder verlas ein Protokoll, nach welchem das Vorsteheramt beschlossen, dem Herrn Rechtsanwalt Lämmle bei seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum seinen Dank und seine Anerkennung auszusprechen und ihm als sichtbares Zeichen des Dankes einen silbernen Pokal zu widmen, welcher dem Jubilar überreicht wurde. Der Pokal trägt folgende Inschriften: ״Dem Kirchenvorsteher Rechts-Anwalt Herrn I. Lämmle zu seinem 25jährigen Dienstjubiläum. Von der israel. Gemeinde Laupheim am 9. Juli 1874." Herr Oberamtmann Wernle, dem von Amtswegen die Aufsicht über das israelitische Kirchenvorsteheramt zusteht, drückte in zustimmender Ansprache dem Jubilar seine Anerkennung aus. Der Gefeierte erwiederte, wie er von dieser Kundgebung überrascht sei und wie dieselbe ihn freue und ermuntere; besonders da er in der letzten Zeit durch seine Mitgliedschaft im Gemeinderath manchmal abgehalten gewesen sei, bei den Sitzungen des Kirchenvorsteheramtes zu erscheinen; er werde dahin streben, im Verein mit seinen verehrten Collegen das Wohl der israelitischen Gemeinde zu fördern. Er verlieh in bescheidener Weise seinem Danke Ausdruck, und so vollzog sich in der Stille der Act verdienter Anerkennung an einem Mitbürger für pflichttreue Ausübung seines Ehrenamtes in der Cult- und Gemeindebehörde. Gaya, 13. Juli. Während die Rabbinerseminare im Auslande immer mehr und mehr prosperiren und für einen gebildeten theologischen Stand sowohl in materieller als geistiger Beziehung die lobenswertheste Für- und Obsorge treffen, muß im österreichisch-ungarischen Staate der Gedanke an ein Rabbinerseminar gründlich aufgegeben werden, obgleich in Eis- und Transleithanien beträchtliche jüdische Fonds vorhanden sind. Mähren hat einen Massenfond von mehr als einer Million. Im Jahre 1861 beschloß eine aus Rabbinern und Laien tagende Notablenversammlung in Brünn ein Rabbiner- Seminar zu gründen, die Beschlüffe wurden dem Ministerium zugeleitet, doch unter Giskra wurde der Fond von den Gemeinden reclamirt und nun werden die Gemeinden davon, zu Schulzwecken, am ausgiebigsten subventionirt, die das Gemeindebudget damit unterstützen, von Seminar ist keine Rede mehr, und die Schulzwecke gehören in das Ressort des Staates. Es ist aber auch ein Seminar in und für Cisleithanien gar nicht nothwendig, denn die Zeit ist nicht mehr ferne, in welcher man Alles, nur nicht Rabbiner werden wird, in welcher die Gemeinde Alles, nur keinen Nabbinen suchen wird. Schalst werden nicht mehr gemacht werden mit Ausnahme der einzigen Schaala: Wozu einen Rabbiner? Die Predigt hat die Zugkraft verloren, die Schule ist Staatsanstalt, von clericalem Einflüsse emancipirt, die Thora ist überflüssiges Möbel und bereits auf dem Aussterbeetat. — Die tumultarischen Vorgänge im Pester Landtage wegen des Rabbiner-Seminars sind Ihren Lesern bekannt. Es ist nach dem Wirrsal, der in der letzten Zeit die Signatur der parlamentarischen Vorgänge in Pest gewesen, recht erbaulich für den Constitutionalismus in Ungarn, wenn der ungarische Unterrichtsminister die Errichtung eines jüdischen Seminars für gänzlich unabhängig von den Beschlüssen des Parlaments erklärt und offen gesteht, auf eigene Faust solche Verfügungen zu treffen, welche mit der Willensmeinung des Abgeordneten- Hauses im direkten Widerspruche stehen. Wir können uns nach alledem abermals auf heftige Austritte im ungarischen Reichstage gefaßt machen, nachdem die Linke gesonnen ist, in der beregten Angelegenheit ein Jnterpellationsscharmützel herbeizuführen. Es hat sich nämlich eine israelitische Deputation unter Führung des Präsidenten der Landescanzlei Herrn Martin Schweiger zum Cultusminister von Trefort begeben, um ihm über sein Verbleiben im Amte ihre Freude auszudrücken und ihre Sache, insbesondere die Angelegenheit des Nabbinerseminars den: ferneren Wohlwollen des Ministers zu empfehlen. Herr von Trefort gab der Deputation die Erklärung ab: ״daß die Frage des Rabbiner-Seminars heute so stehe, wie vor Monaten, bevor sie im Abgeordnetenhause zur Verhandlung kam, daß Alles, was im Hause vorgefallen, bezüglich der Errichtung des Seminars, nicht entscheidend sei. Das Seminar würde errichtet worden sein, wenn der Antrag des Cultusministers angenommen worden wäre; das Seminar würde ins Leben getreten sein, wenn der Tisza'sche Antrag die Majorität erhalten hätte, und das Seminar wird errichtet werden, auch nachdem gar kein Beschluß gefaßt wurde, der jedoch jedenfalls nur formeller Natur hätte sein können; denn die Frage des israelitischen Schulfondes ist eine rein adrninistrative, und die Entscheidung Sr. Majestät könne mittelst Beschluß des Hauses nicht außer Kraft gesetzt werden." — Die Linke hat aber bereits eine Interpellation an den Cultusnünister Trefort wegen dessen Aeußerung über die Errichtung des Rabbiner-Seminars trotz des Nichtzustandekommens eines Landtagsbeschlusses angemeldet. Während das mährische Seminar ohne Sang und Klang verschied, wird das ungarische Seminar mit Pauk und Pfeife zu Grabe getragen werden. ״Nur nichts Deutsch", darin stimmen die Orthodoxen mit der Linken Ungarns überein. (Es war uns jedoch ein Telegramm zu Gesicht gekommen, wonach der Minister Trefort seine Demission einreichte, weil seine Ansicht bezüglich des israelitischen Schulfonds und des Rabbiner-Seminars nicht angenommen wurde. Wir sind gleichwohl mit dem Herrn Correspondenten von vornherein einverstanden, daß zwischen Kelch und Mund noch ein weiter Weg ist. Es ist nicht wahrscheinlich, daß das Pester Rabbiner-Seminar zu Stande kommt und darum legen wir auf diese parlamentarischen Vorgänge, die sicher ganz abnorme Zustände nicht f