Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 30 (28.7.1874)
- Date
- 1874-07-28
- Page
- Seite 235 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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235 halten wurden, vächt auf einmal wegwischen. Die Freiheit,1 deren sich die Iudenheit seit wenigen Decennien erfreut, mar bisher nick/. im Stande, die durch den ehemaligen Driäck bedingte ^innesrichtung vollständig zu ändern. Jndrß, eine gewis^ Aenderung ist eben sicherlich eingetreren und das in Kolge des Fortschrittes in unserer confessionellen, sagen wir auch socialen Stellung, — das besonders ist es, was die Annähme außer Frage stellt, daß die Vorwürfe, die dem Juden heute noch in dieser Beziehung gemacht werden, eben schon, weil -sie nicht jene von vornherein eigenthümliche Charakteräußerungen treffen, nicht ewig werden Geltung haben. Wir dürfen sicherlich hoffen, daß die Freiheit, die uns geschenkt worden,׳ sich immermehr auch nach der Richtung hin wirksam machen wird, den gewissermaßen beengten Sinn des Juden endlich vollends frei zu machen von Banden, die ihm selber, weil nicht eigenthümlich, lästig und drückend sind. Und in diesem Sinne sind auch die Worte Devrient's aufzufassen; wenn er z. Bdie Behauptung aufstellt, es bleibe kein Jude aus Liebe zur Kunst bei der Bühne, so läßt sich dagegen nichts durchaus Widerlegendes einwenden, obgleich natürlich andererseits Devrient's Worte in dieser unumschränkten Weisenicht frei von jeder Uebertreibung sind. Aber selbst so erscheint der den jüdischen Künstlern gemachte Vorwurf in einem viel gelinderen Lichte, wenn wir alles das in Erwägung ziehen, was diese und ähnliche Erscheinungen hervorgerufen hat. Im Uebrigen wird, worin Devrient rächt vormtheilsfrei geurtheilt hat; der gebildete Leser selber herausfinden; es kehren ja hier nur dieselben Vorurtheile wieder, wie sie sich in den meisten derartigen Abhandlungen geltend machen, wofern dieselben von Christen geschrieben sind. Eduard Devrient sagt also in dem 5. Bande seiner ״Geschichte der deutschen Schauspielkunst": ״Eine auffallende Erscheinung ist es, daß, nachdem das deutsche Theater-Personal im vorigen Jahrhundert und in den ersten Decennien. des jetzigen nur eine verschwindend kleine Anzahl von Mitgliedern israelitischer Abkunft gezeigt, auf einmal in den Dreißiger-Jahren davon eine große Menge in Oper und Schauspiel — und fast alle mit Auszeichnung — hervortritt. Der Bühnenboden war der Mühe werth geworden, darauf sein Glück zu versuchen, und es geschah mit all der Begabung, all dem zähen Eifer, der Willenskraft und Betriebsamkeit, welche diesem Stamme mit gutem Rechte so große Vortheile gewährt. Ein bemerkenswerther Umstand ist dabei auch der, daß nur diejenigen Mitglieder jüdischer Abkunft bei der Bühne bleiben, welche lohnende Auszeichnung gewinnen, dagegen diejenigen, welche wahrnehmen, daß sie nur Aussicht auf Verbleiben in untergeordneter Stellung haben, die Laufbahn bald wieder aufgeben. Aus unvertilgbarer Begeisterung am Theater oder unverbesserlichem Hange zu seinem bunten Leben und dessen zulässiger Bummelei — wodurch so mancher begabte Mensch kümmerlich dabei festgehalten wird — bleibt kein Jude bei der Bühne. Die sich aber auszeichnen, erlangen es fast immer durch geschickten Eklekticismus, durch die Kunst: alle erprobten Wirkungen zu sammeln und geschickt zu verwerthen. Noch hat die deutsche Kunst kein originelles Talent jüdischer Abkunft aufzuweisen, wie die französische es in Rachel besaß. Der Anlauf, der hie und da mit Eigentümlichkeit genommen wurde, löst sich bald in national übereinstimmende Eigenheit auf: in den breiten Vortrag einer stark colorirten Auffassung, in den dargelegten Reichthum von starken Wirkungen und einen Mangel an Anmuth und Würde, welche die Affecte veredeln sollen, die Freude nicht lästig, den Schmerz nicht jämmerlich erscheinen lassen. Die Familienähnlichkeit von Jerrmann's, Rott's, Dessoir's und Dawison's Spiel ließ sich mit geschlossenen Augen erkennen. Es wird sich doch aus der Natur der Dinge rechtfertigen lassen, wenn behauptet wird, daß der verstärkte Eintritt des jüdischen Elementes in das Theaterleben seiner industriellen Richtung einen starken Sporn eingesetzt habe." Nachbemerkung der Redaction. Es ist wohl ein Zufall, daß wir diesem vielen unserer Leser gewiß schon bekannt gewordenen Ausspruche Devrient's, den wahrscheinlich die Lorbeeren Richard Wagner's nicht schlafen ließen (das Judenthum in der Musik), einige Aussprüche Dr. Eduard Dürre's entgegensetzen — eines wegen seiner reichen Erfahrungen und tiefen Beobachtungsgabe, sowie vieler genialen Eigenschaften in der pädagogischen Welt hochgeschätzten Mannes, Freund Jahn's, Mitbegründer der Turnerei auf der Berliner Hasenhaide, Lützower Jäger, Verbannter zur Demagogenzeit, Professor in Lyon u. s. f. — Derselbe spricht im neuesten Hefte der ״Rheinischen Blätter" von der weiland Cauer'schen Lehranstalt zu Berlin und besonders von den musikalischen Leistungen derselben. Er erzählt, wie viel ganz wunderbar Ausgezeichnetes hier geleistet worden, wo die Schüler, die doch nicht Musiker von Fach waren, Händel'sche Oratorien edel und correct aufführten — rein aus Liebe zur Musik! Er erzählt, daß unter den Zöglingen viele, ja der größte Theil Israeliten waren — ״und man dieser Nation eine ganz besondere musikalische Disposition zuzuschreiben pflegt." Er erzählt von einem elfjührigen Judenmädchen, das, obgleich es nicht singen konnte, eine Reihe ihm vorgespielter Accorde ganz richtig aufschrieb; die, ganz Ohr, bei der richtigen Aufführung beglückt lächelte und die bekannte Stelle ״der Jordan stand gleich Wassermauern da" mit wahrem Jauchzen begrüßte. U. A. erzählt Dürre von Felix Mendelssohn und es läßt sich wohl annehmen, daß Devrient diesem mindestens keinen eigensüchtigen Charakter unterschiebt; und er war doch inunerhin Jude — denn die Taufe kann hier nicht in Betracht kommen, wenn Vater und Mutter Juden waren. Läßt sich aber — und dies ist die andere, für die Schauspielkunst schwer wiegende Anschauung — diese in ihrer Genialität und Vollendung nur denken mit ״unverbesserlichem Hange zum bunten Leben und dessen zulässiger Brnnmelei" —, so fragen mir: Ist eine solche Kunst wirklich noch eine sittliche Macht und ein erstrebenswerthes Ziel? Wäre der Vorwurf, der hier die Schauspieler trifft — und in Wahrheit insbesondere so diese Schauspielerinnen und Sängerinnen bis zur Verworfenheit erniedrigt — ein nothwendiges Correlat der Kunst selbst und nicht blos eine Erniedrigung der Künstler, wäre dann nicht der Stein gerechtfertigt, den man auf sie wirst? Ist ein solches ״geniales" Leben ein würdiges, erstrebendes? Und könnte dann das Schauspielhaus noch Anspruch machen auf die Unterstützung der Gesellschaft, des Staates, als ״Schule" der Bildung und Sittlichkeit? — Wenn die Juden sich dadurch auszeichnen, daß sie ״nach dem höchsten" ringen und in untergeordneten Stellungen keine Befriedigung finden; wenn sie ihr Leben durch richtige Benützung der matriellen Erfolge würdig und sittlich ausgestalten, nicht verbummeln, nicht verlumpen; ist das ein Vorwurf? Jst's zum Nutzen oder zum Schaden, zur Hebung oder zum Verfall der Kunst und deren Träger und Jünger? Findet es Devrient etwa dagegen würdiger, zu leben und zu sterben — wie sein Onkel, der geniale — Ludwig Devrient, der ewig Berauschte? Ganz einfach — wenn Juden Schauspieler werden, so hütet sie der angeborene Familiensinn, der die Sittlichkeit zur