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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-28 · 30 (28.7.1874) · p. Seite 234

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
30 (28.7.1874)
Date
1874-07-28
Page
Seite 234 (sequence 2)
Language
German
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234 Schüler dem Lehrer der Zoologie glauben oder beten, daß Gott sie wohnen lasse במכת עור של לויתן?*) Wie kann der Lehrer der Physik die Lehre von Licht vortragen, während der Religionslehrer für die Nacht von הושענה רסה ein Gebet empfiehlt, in dem der Ausdruck vorkommt "״עוד ה צלם לא פר? ** ***)) Und was wird eine mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft vertraute Jugend von dem Esel halten, auf welchem Abraham j und Moscheh ritten und auf welchem auch der Messias reiten^ wird? (Siehe ,יצר ליום שני של ראש ר,ענד) Wird der Lehrer! der Geschichte es bestätigen, daß der zu Mosche's Zeiten dem \ Wassertode entkommene König Pharao zu Jonas Zeiten König! von Ninive war? — Geht nicht aus diesen wenigen Bei-; spielen, die wir vermehren könnten, klar hervor, daß Ortho-! doxie und Wissenschaft sich widersprechen? Die Gewissens- ׳ freiheit ist aber eine Folge der Wissenschaft. Beruft sich die Orthodoxie auf diese, so ist sie nicht mehr orthodox; denn es gehört doch wohl zum Wesen der Neuorthodoxie, jeden Satz! des שולחן ערוך und der übrigen Codices als heilig und UN-! abänderlich zu erklären, also auch die Institution des חרם! (Bannes), deren Beseitigung wir auch nicht der Orthodoxie j verdanken, sondern der Gewissensfreiheit. Wenn die Orthodoxie i die Macht dazu hätte, würde sie den חרם (Bann) heute noch aufrecht erhalten, während sie jetzt im Namen der Gewissensfteiheit spricht, d. h. das verlangt, was sie ihrem Wesen nach bekämpfen muß und auch wirklich bekäinpst hat, so lange es sich um die Rechte einer anderen Richtung handelte?'״^) Nein, die Orthodoxie will nicht Gewissensfreiheit; sie will Gewissenszwang und Geistesknechtung. Sie will nur die Gewissensfreiheit als Privilegium für sich in Anspruch nehmen Wenn sich die Ideale der Orthodoxie verwirklichten, dann bekämen wir ״Reformer" eine Gewissensfreiheit für Abtrünnige, welche uns mit folgenden Gaben begnadigte: חרם(BannX מלקות (Stockschläge, Geiselung), סקלה (Steinigen). Aber wir fürchten Nichts. Ob die Mainzer Katholikenversanunlung offen, oder ob die Neuorthodoxie verdeckt gegen die Gewissensfreiheit zu Felde zieht, sie wird dennoch gesichert für Alle, auch für die orthodoxen Minoritäten innerhalb der Gemeinden. — P. — Ein Urtüeik Eduard Devrient'8 und in welchem Lickte wir e8 betrackten. Breslau, den 13. Juli 1874. Es wird dem Juden so oft der Vorwurf gemacht, dessen Widerlegung dem Leser gewissermaßen als ein 10618 60mmunis erscheinen dürfte, ich meine, daß die Juden nur praktischen Berufen nachhängen; es fehle ihnen der Sinn für Kunst und Wissenschaft, ihr Bereich sei, um das kurz Zusagen, das Geschäft, der Kaufmannsstand. Nun, es läßt sich soviel für diese Ansicht sagen, soviel auch dagegen, und es ist dieser Gegenstand schon so oft in der Presse — am allerhäusigsten natürlich in der jüdischen — zur Sprache gekommen, daß es Eulen nach Athen tragen hieße, sollte dieses Thema zumal in *) ״In der Hütte der Haut des Seeungeheuers Leviathan". **) ״So lange der Schatten nicht gewichen", d. h. aufgehört hat zu existiren. ***) Wir wissen uns eines ganz bestimmten Falles zu erinnern, wo ein orthodoxer und zudem wirklich auch in den profanen Wissenschäften tief gelehrter Rabbiner zwei Männer in den Synagoge,rbann Hat, d. h. sie in feierlicher Weise als unfähig zum ״Aufrufen der Thora" und zum ״Duchan", d. i. Aussprechen des priesterlichen Segens erklärte, weil sie — am ersten Abend Roschhaschono spät vom Markte kamen. Redaction. einem jüdischen Blatte von Neuem einer ausführlicheren Be- Handlung unterzogen werden. Jndeß einzelner Bemerkungen möchte ich mich nicht enthalten, wofern ich die Ihren Lesern heute mitzutheilende Stelle aus dein 5. Bande der Eduard Devrient'schen Geschichte der deutschen Schauspielkunst einer gehörigen Würdigung wollte theilhast werden wissen. Es wäre also thöricht und hieße den bestehenden Verhältnissen ins Gesicht schlagen, wollten wir die Behauptung, um die es uns hier zu thun ist, absolut als unrichtig hinstellen. Jndeß der uns damit gemachte Vorwurf wird doch durch genauere Ueberlegung in ein ganz anderes Licht gestellt, als er bei oberflächlicherer Betrachtung in den Augen der Andersgläubigen erscheinen mag. Wir fragen nämlich: Sind die mit jenem Urtheile bezeichneten Eigenschaften dem Juden — ich möchte lieber sagen: der Judenheit — angeboren, oder sind dieselben als anerzogene oder etwa als durch äußere Verhältnisse angenommene zu betrachten? Die Antwort ist verschieden, je nachdem wir nur die bestehende Generation meinen oder an die Vergangenheit denken. Von vornherein und ursprünglich, das weiß ja Jeder, war das jüdische Volk am allerwenigsten für den Handel geschaffen; Ackerbau und Viehzucht waren seine Hauptbeschäftigung; der Handel beschränkte sich auf die engsten Grenzen. Und das war auch späterhin, wenn auch nicht ,nehr ganz in dem Maße der Fall, nachdem das jüdische Volk den heimathlichen Boden verlassen. Erst im Mittelalter, als gewissermaßen eine systematische Unterdrückung des jüdischen Volkes begann, als man es aus allen ehrbaren Berufsarten hinausdrängte, um, was Dank seiner ausgezeichneten Beanlagung nicht eintrat, es, wenn auch langsam, aber, wie man meinte, um so sicherer durch Beförderung von Jmmoralität in seiner eigenen Mitte zu tödten, erst seit dieser Zeit, möchte ich meinen, begann nach einer gewissen Richtung hin, aber auch nur so, eine materielle Gesinnung sich geltend zu machen. Denn was anderes, als das Festhalten an einer höheren Idee, eben ein gewisser Jdealismus, hat uns durch alle Verfolgung hindurch bis zum Heu- Ligen Tage geleitet? Der Kausinannsstand, d. h. der Kleinhandel, der Wucher galt als verpönt, gerade darum überließ man seine Cultivirung gern dem Juden; stattete man ihn ja sogar mit Privilegien aus, die ihn recht hohe Wucherzinsen von den Gläubigern nehmen ließen. Hierzu trat aber noch ein anderer Umstand hinzu, ich meine: der furchtbare Druck, der sich in allen übrigen Verhältnissen des Juden geltend machte, witzigte ihn in seinem Geschäftsgebiete — es wäre wohl mehr oder minder dasselbe der Fall gewesen, hätte inan dem Juden eine andere Beruftart überlassen — verlieh ihm einen besonderen Grad von Verständigkeit, machte ihn schlau und verschmitzt, legte in ihn zum Mindesten den Grund zu jenem materiellen Sinne, ja ließ diesen in weit höherem Maße oft hervortreten, als er vielen von denjenigen bekannt, die sich über diese Eigenschaft, inwiefern sich diese an dem heutigen Juden geltend mache, beklagen wollen. Ja, wir wiederholen es, wer da weiß, in welchem Grade diese dem Juden ftüher innewohnte, wird sich, wenn er eines unparteiischen Urtheils fähig ist, der Ueberzeugung nicht entschlagen können, daß, seitdem die Verhältniffe sich zum Besseren geändert, die ehemals dem Juden jenen materiellen Charakter aufprägten, auch dieser immer mehr seine häßliche Eigenthümlichkeit verloren. Freilich, das möge man andererseits bedenken, kaffen sich Eigentümlichkeiten des Charakters, welche von Jahrhunderte lang währenden Verhältnissen geschaffen und als solche er-

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