Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 29 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 229 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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229 so verdienen denn besonders die Herren Brüder Guttmann, Mitglieder des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien, hier rühmlich erwähnt zu werden, welche dem Vereine die Mittel zur Verfügung stellten, das seit der Eröffnung des Rothschild ׳Spitals nicht mehr als Krankenhaus benutzte alte Gebäude in der erforderlichen Weise umzubauen und zur Aufnahme von 40 Waisenmädchen auszustatten. Bei Gelegenheit der Einweihung selbst wurde das Waisen- Haus auch anderweitig reichlich beschenkt. U. A. hat die niederösterreichische Agentur der Azienda Assicuratriee die Versicherung des gesammten Mobiliars der Anstalt unentgeltlich übernommen. Zur Zeit der Einweihung des Instituts waren etwa 17 Mädchen darin ausgenommen; es liegt bereits eine große Zahl fernerer Meldungen vor. Dieselben werden auch Berücksichtigung finden, sobald die Unterhaltung der neu eintretenden Pfleglinge eine mehr gesicherte sein wird; dem Vereine liegt nämlich, wie bisher, so auch fernerhin die Er Haltung der obenerwähnten ca. 160 anderen Waisenkinder ob. Wir nehmen darum hier Gelegenheit, diese Anstalt, die wir als eine der segenbringendsten überhaupt und für die Stadt Wien besonders bezeichnen können, der Wohlthätigkeit unserer Glaubensgenossen zu empfehlen. Schließlich erwähne ich noch, daß die Stelle, auf welcher das Waisenhaus errichtet ist, ehemals theilweise als Friedhof von der jüdischen Gemeinde benutzt worden ist. So wird aus dem Boden, der Todte birgt, eine blühende Saat ersprießen. Ist ja der allmächtige Gott, der da tödtet, zugleich der da belebt. .ממית ומחיה ומצמיח ישועה 1( u n 11 f di a u. Deutschland. Leipzig, 14. Juli. Vor einigen Tagen beging das hiesige Moderne Gesammtgymnasium sein 25 jähriges Jubiläum durch einen feierlichen Actus, zu dem sich eine große Anzahl früherer Schüler des Instituts einfand. Zu den ersten Lehrern desselben gehört auch ein hier in allen Kreisen beliebter, jüdischer Lehrer, Herr V1-. Emanuel Samostz, Sohn des bekannten hebräischen Dichters und Schriftstellers David Samostz s. A. Derselbe wirkt bereits seit 22 Jahren an dieser Schule als Lehrer der deutschen und englischen Sprache. Die hohe Achtung, welcher sich der thätige Mann bei seinen Collegen und Schülern zu erfreuen hat, beweist einerseits dessen pädagogische Tüchtigkeit, andererseits aber auch, daß Sachsen nicht zu den intolerantesten Staaten Deutschlands gehört. Mag es nun dem ebenso tüchtigen, als eifrigen Schulmanne, der im kräftigsten Mannesalter steht, vergönnt sein, noch viele Jahre an dem Gymnasium segensreich zu wirken und dadurch zu dem Kiddusch haschem beizutragen. Berlin. Die städtische Schuldeputation hat beschlossen, daß die beiden zu Michaelis d. I. neu zu eröffnenden Gemeindeschulen confessionslose Schulen sein sollen, d. h. daß dieselben einfach als Gemeindeschulen ohne jedes confessionelle Prädicat bezeichnet werden, daß in ihnen alle Unterrichtsfächer außer der Religion von jedem confessionellen Gepräge befreit und Kindern aller Confessionen zugänglich sind, und daß end-!ich an diesen Schulen der Religionsunterricht für jede Eonfession nach Bedürfniß besonders ertheilt wird. Kissittgen, 15. Juli. Aus Anlaß des vereitelten Attentats gegen den Reichskanzler Fürst Bismarck fand heute Nachmittag in der jüdischen Synagoge ein besonderer Dankaottesdienst statt. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Pest. Wie die Leser dieses Blattes aus den politischen Zeitungen erfahren haben werden, ist der Beschlußantrag des Cultusministers Trefort in Angelegenheit des jüdischen Schulfonds von der Abgeordnetenkammer in jener stürmischeu Sitzung vom 6. d. M. nicht acceptirt worden. In Folge dessen soll der Minister die feste Absicht gehabt haben, sein Demissions-Gesuch einzureichen — was jedoch nicht geschehen ist. Die ungarischen Blätter sind fast einstimmig der Ansicht, daß die Geringfügigkeit der Angelegenheit in keinem Berhältniß zu den Aufregungen stünde, welche eine, wenn auch nur partielle Ministerkrise im Gefolge hatte. Freilich ist ein solch energisches Vorgehen eines christlichen Cultusministers für rein jüdische Interessen immerhin eine Seltenheit, aber geringfügig ist darum die Angelegenheit keineswegs. Für diese redlichen Bestrebungen des Ministers ist ihin der bessere Theil des ungarischen Judenthums schon jetzt dankbar, und wird die Idee der Regierung verwirklicht, so kann sie auf den Dank des gesammten Judenthums rechnen, weil durch die Errichtung einer jüdischen Hochschule auf allgemein wissenschaftlicher Basis die hohen Zwecke der Bildung und des Fortschritts unter den Juden gefördert werden. Daß die Sache noch nicht zum Abschlüsse gekommen, ist sehr zu beklagen, umsomehr, als der Cultusminister nicht ganz correct zu Werke gegangen. Der hauptsächlichste Fehler der Regierung bestand darin, daß sie die Angelegenheit in der Form, wie es geschah, überhaupt vor das Abgeordnetenhaus brachte. Die Regierung wollte hyperconstitutionell sein und dem Abgeordnetenhause nicht blos das Recht der Controle ungeschmälert lassen, sondern gewissermaßen auch dessen vorläufige Einwilligung zu einem rein administrativen Acte einholen. Diese zaghafte und muthlose Haltung führte zur Verschleppung der Angelegenheit. Es ist nun Pflicht des Ministers, das begonnene Werk im Sinne des Gesetzes und der Freiheit zu vollenden. Hoffen wir das Beste. Frankreich. Paris. (Monatsbericht der ״Alliance Jsr. Universelle.") Die Berliner Conferenz vom 21. und 22. April cr. hat sich mit der traurigen Lage der westrussischen Israeliten und den Mitteln zu ihrer Abhilfe beschäftigt. Dieselbe erkannte einstimmig an, daß die vom Auslande gebotenen Mittel der Wohlthätigkeit absolut unzureichend sind und daß das Heil von Innen kommen muß, von den russischen Israeliten selbst, und insbesondere aus den Schulen und dem Forschritt im Unterricht. Zu diesem Zwecke sollen die russischen Israeliten in einem an sie zu richtenden Circularschreiben aufgefordert werden, fortan nachdrücklicher, als es bisher geschehen, mit den hebräischen Studien das Studium der Landessprache und Geschichte, sowie derjenigen wissenschaftlichen Kenntnisse zu verbinden, welche in der modernen Gesellschaft unerläßlich geworden sind, ebenso Handwerker- und Gewerbeschulen zu gründen, um tüchtige Meister auszubilden, die im Innern Rußlands sich niederlassen könnten und nach und nach auf demselben Wege und mit denselben Mitteln Andere ihrer Glaubensgenossen nach sich ziehen würden. Die Conferenz hat außerdem die Ueberzeugung ausgesprochen, daß die Bemühungen der russischen Israeliten zur Verbesierung ihrer materiellen und geistigen Lage von der kaiserlichen Staatsregierung mit der lebhaftesten Sympathie werden begrüßt werden, und daß Se. kaiserliche Majestät, die für alle ihre Unterthanen ohne Unterschied des Cultus so voll Wohlwollens und von den edelsten