Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 29 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- Seite 227 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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227 Unternehmen bestes Gedeihen und segensreichen Erfolg bei unseren Glaubensbrüdern im Osten und Unterstützung seines guten Zweckes in unseren und anderen Kreisen. Ingelheim. Die ״Jsr. Wochenschrift", der man gewiß nicht Rigorosität gegen Jerusalem und das heilige Land vorwerfen kann, bringt aus einem Privatbriefe eines durchaus glaubwürdigen Mannes vom 5. Juni folgende drei Sätze: ,Lu der Theuerung hat auch der Umstand viel beigetragen, daß in diesem Jahre in den Monaten Januar, Februar und März eine außergewöhnlich große Zahl von englischen und amerikanischen Touristen nach Palästina und besonders nach Jerusalem gekommen war." — ״Warum ist denn Niemand von den für das heilige Land begeisterten Männern aus England oder Deutschland hierher gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie die Sache liege?" — ״Sie werden wahrscheinlich von dem mit 500 Napoleons Armengelder durchgegangenen hiesigen Vorsteher Isaak Moses Goldschmid (Schwager und Agent des I. R. in A.) gehört haben." — So die ״Jsr. Wochenschrift". Und dennoch — sammelt auch sie und nimmt Gelder an? — Kann es für das, was wir stets in dieser Sache verlangen und behaupten, eine sprechendere Illustration geben? Doch, noch mehr. Ein sehr reicher, volkswirthschaftlich hochgebildeter Mann aus einer süddeutschen Stadt, der sich stets durch seine großartige Wohlthätigkeit auszeichnet, schrieb uns neulich: ״Es ist notorisch, daß durch die eingehenden Spenden für die Armen in Jerusalem gar nichts gewonnen wird, ja, daß sich dadurch im Gegentheil die Preise der Nahrungsmittel progressiv steigern. In allen wenig oder gar nichts producirenden Ländern, in welchen die Nahrungsmittel ebenso wie das Geld Maaren sind, dessen Preise sich zumeist durch die Zufuhr von Außen regeln, wird der Werth des Geldes bei Zufluß von Außen sinken, und in Folge dessen der der Nahrungsmittel sich heben. Zufuhr von Nahrungsmittel hat ebenso das Gegentheil zur Folge. Das richtet sich aber nicht ' etwa nach den Gaben, die der Einzelne, der Arme, bekommt, sondern nach dem Gesammtzufluß. Und da nun bekanntlich in Jerusalem die Parnaßim und Rabbinen weitaus den größten Theil für sich behalten, die wirklich Armen nur sehr wenig bekommen, so sind diese Gaben an die Aermsten in gar keinem Verhältnisse zu der durch die Sammlungen geradezu provocirten Preissteigerung der unentbehrlichsten Nahrungsmittel. Ja, ich gehe weiter: Wenn L. A. Frankl seiner Zeit nachwies, baß ein Mann, welcher zur Zeit, als Montefiore sich in Jerusalem aufhielt, von diesem täglich seinen Maria Theresienthaler Almosen nahm, später sich erbot, dem edlen Spender ein großes Darlehn — ich glaube von 100,000 Thalern — zu machen; wer bürgt uns, daß unter denjenigen, welche jetzt über Hungersnoth schreien, nicht solche Verruchte sind, die aus der Noth der Armen einen doppelten Gewinn ziehen wollen; die Parnaßim und Getreidehändler, — heute den größeren Theil der Spenden für sich behalten und morgen mit demselben Gelde in Getreide speculiren und den Preis in die Höhe treiben?" Wir setzen hinzu: ein Spitzbube ist entflohen! Wer weiß, wie viele in der langen Kette nicht zu entfliehen nöthig haben, weil sie ihre Spitzbüberei gewissermaßen in legaler Weise betreiben? und wie viele eben — es besser verstehen und sich nicht erwischen lassen? Also: caeterum censeo. Ihr, die Ihr unsere Ueberzeugung theilt, greift die Sache mit ganzen Händen an, nennt sie endlich beim rechten Namen, laßt Euch nicht irren des Pöbels ״Geschrei", sagt, wie Ihr denkt: Die ganze Geschichte ist Schwindel, purer, reiner Schwindel! Sie wird gehalten einzig und allein, weil sie ein Ferment ist der fanatisirten Orthodoxie Es ist alles Schwindel מכף רגל ועד ״ ראש אין בו מתםVom Fußballen bis zur Scheitelspitze ist nichts Heiles daran." Große und schwierige Aufgaben harren des leider gespaltenen Judenthums. Ist nicht in unserer Nähe des Elends genug, das wir zu lindern haben? Gibts nicht in Europa ganze Gegenden, von Israeliten bevölkert, denen wir die Cultur zu bringen heilig verpflichtet sind; die wir erwerbsfähig zu machen haben, zur Erkrüftigung des jüdischen Geistes? Gibt es nicht bedeutende, für die religiöse Entwicklung nothwendige Institutionen, deren Unterstützung heilige Pflicht ist? Soll die Judenheit fort und fort in maßloser Weise beschwindelt werden? Gibt es keine Männer mehr, die die Wahrheit ungescheut zu sagen den Muth haben, auch wenn sich eine ganze Rotte gegen sie auflehnt? Sagt doch endlich einmal einfach: Unter den derzeitigen Verhältnissen müssen wir danach streben, die Unterstützung der Armen im heiligen Lande in andere Bahnen zu lenken! Greift doch wissenschaftlich den Satz an, daß die Armen des heiligen Landes denjenigen des Vaterlandes unter sonst gleichen Verhältnissen Vorgehen! Thuts, um des Heiligthums Israels willen, von dem es in Wirklichkeit heißt שועלים תלכו בו Füchse wandeln darin umher. Dresden. Zur Charakterisirung des Wunderrabbi von Grätz diene folgendes Factum, für dessen Wahrheit ein Mann sich uns gegenüber verbürgte, der die Person und die Verhältnisse jenes berüchtigten Wunderthäters genau kennt. Zur Zeit des deutsch-französischen Krieges kam ein zum Militärdienste einberufener, dem Chassidismus zugethaner junger Mensch zum ״Rebbe" und bat ihn um ein Amulet für die tödtlichen Kugeln der Franzosen. Er bekam in der That eine wunderthätige ״Kemea" ausgehändigt, natürlich unter entsprechendem Pathos und simmelnder Miene, um welchen Preis — darüber konnte unser Gewährsmann nichts erfahren. Leichten Herzens zog der chassidische Jünger des Mars in den Kampf, wohin ihn auch die besorgte Mutter um so getroster ziehen ließ, als ja über ihren Liebling ein besonderer, vom Wunderrabbi commandirter Engel Wache hielt, der nicht einmal eine Fersenverwundung zulassen durfte. Es kam zu einem unbedeutenden Treffen, und da der Hauptmann den an Zahl überlegenen Feind rechtzeitig erkannte, gebot er den Rückzug. Unser kugelfester Chassid wollte jedoch davon nichts wissen und exponirte sich mit Todesverachtung der größten Gefahr. ״Zurück, Tollkühner, sonst sind Sie verloren!" schrie ihn sein Vorgesetzter an. ״Lassen Sie mich nur weiter kämpfen, die Kugeln haben keine Gewalt über mich!" erwiderte der Bethörte. In diesem Augenblicke traf ihn eine Kugel, die ihm das Lebenslicht für immer auslöschte. — Unter den dem Vaterlande dargebrachten Opfern, die Frankreichs Boden in sich birgt, liegt nun auch das Opfer — eines religiösen Wahnes. Ob der Unglückliche in seinen letzten Augenblicken noch immer so unfehlbar an den Mann von Grätz glaubte, und ob das gebrochene Mutterherz noch ebenso dem Doctor Eisenbart gläubig anhängt, darüber konnten wir nichts erfahren. Aus Bayern, 5. Juli. Sie haben wohl bereits vernommen, daß unsere hohe Abgeordnetenkammer den Etatssatz für Staatszuschuß zu schlecht dotirten Rabbinerstellen mit fl. 7790 — in der früheren Periode fl. 5090 — genehmigt hat. Also schon in der zweiten Etatsperiode eine Steigerung von mehr als die Hälfte der ersten Bewilligung. — Es erinnert mich das lebhaft an eine bezeichnende Handlungsweise