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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-21 · 29 (21.7.1874) · p. Seite 226

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
29 (21.7.1874)
Date
1874-07-21
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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— 226 — Sollten wir nicht manifestiren, daß für uns alle diejenigen, welche sagen: ״Ich bin ein Jude und will nicht allein ein Jude bleiben, sondern auch meine Kinder im Judenthum erziehen" — wirklich und thatsächlich lebendige Glieder des Judenthums sind? Sollen wir uns das Bewußtsein der Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme, zur jüdische!: Glaubens- und Lebensgemeinschaft von einigen vom äußeren Erfolge ihrer fanatischen Bestrebungen berauschten Individuen rauben lassen? Ein Erfolg, den sie thatsächlich nur dem Jndifferentismus zu verdanken haben, welcher wieder seine Wurzel in dem Wahne oder in dem guten Glauben hatte, daß es keinem Juden einfallen könnte, auf eine Zerstörung dieser Glaubensgemeinschaft hinzuwirken? — Sollen wir in diesen Bestrebungen nicht die Mittel finden, mindestens diejenigen Institutionen Zu erhalten, ohne welche das Judenthum weder bestehen noch sich geistig fortbiloen kann, -— und diese geistige Fortbildüng ist doch unter allen Bedingungen die Grundbedingung des Bestehens jeder auf geistig gesundes Leben gegründeten Genossenschaft! — Sollen wir Alles der Vernichtungswuth der Fanatiker preis geben? Wir können darum nicht ablassen von unserem Rufe nach Begründung, Erhaltung und Kräftigung der äußeren Bindemittel, nach Schaffung von Organisationen und Jnstitutionen für die Gesammtheit, also: Alliance, Gemeindebund und Synode, und als Förderungsmittel und Zwischenall:der Bezirksvereine und -Synoden! Solche vermittelnde L.gane würden neues Leben in den Gemeinden schaffen, die Schwächeren unter ihnen stützen und schützen, den Gemeinsinn und das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit fördern und den Zerfall verhüten! Das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit! Aber — ist es denn in Wirklichkeit noch überall vorhanden? Ist es nicht durch die heillose Verwirrung in den Gemüthern, welche die Verschiedenheit der religiösen Ansichten angerichtet hat, bereits im Abnehmen begriffen oder gar schon ganz geschwunden? Kann der ״Taschlichmacher", der den von Nichtisraelitrn berührten Wein nicht trinkt, Vertrauen haben zu dem, der alle Speise- und Sabbathgesetze Übertritt und kann dieser sich mit demselben noch religiös verbunden fühlen? Wird dieser sich des Mißtrauens gegen Jenen entschlagen können? Wird er dessen Thun nicht für Heuchelei halten, die die Sittlichkeit beeinträchtigt? Ist es nicht vielleicht besser, daß die innerlich Geschiedenen nun auch äußerlich auseinandergehen, sich ihre religiösen und wohlthätigen (!!) Institutionen auf eigene Faust schaffen; daß sie auseinandergehen wie in der Sitte, so auch im Gotteshause, im Leben und im Tode, selbst bis auf den Namen? Nein, nein und tausendmal nein! Dort, im fernen Lande wohnt mein leiblicher Bruder, der strenge hält an den orthodoxen Ueberlieserungen! Soll sein Eintritt in die orthodoxe Synagogengesellschaft ihn seiner brüderlichen Pflichten entbinden? Soll die absolute Scheidung und der damit zusammenhängende Wahn schädigend eingreifen in die heiligsten Be- Ziehungen der Familie, der Freundschaft und der Verwandtschüft und unsägliches Leid zum Gefolge haben? Und das würde eine gesetzliche Scheidung in Confessionen, die den Fanatismus erst recht loslüßt, unausbleiblich! Dann wäre ja nirgends mehr gütliches Auseinandergehen Zu erwarten! — — — — ״Laßt nur diese Ungeheuer nicht los!"—Suchen wir die Mittel friedlicher Einigung, damit zusammen bleibe, was zusammengehörig ist! (Schluß folgt.) Correjponäenz. Berlin, 15. Juli. Der ״erste Bericht über die Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums in Berlin" ist jetzt erschienen und umfaßt die zwei ersten Jahre des Bestehens — 1872 und 1873. Dem Berichte ist beigegebcn eine wissen« schaftliche Beilage des Lehrer-Collegiums und zwar ein Bericht Di׳. Geigers über seine Vorlesungen in diesen beiden Jahren, welcher im ersten Jahre über: Allgeineine Einleitung in die Wissenschaft des Judenthums und Einleitung in die biblischen Schriften, und im 2. Jahre über Geschichte des Judenthums vom 6. bis zum 17. Jahrhundert und Fortsetzung der ״Einleitung in die biblischen Schriften" Vorträge hielt. Es ist hier der Ort nicht, auf diesen Theil des Berichts einzugehen; es soll desselben an einem anderen Orte und in anderer Weise in diesen Blättern Erwähnung geschehen. Der Bericht enthält ferner eine kurze Geschichte der Begründung der Hochschule, das Statut derselben, die Fundatoren, den Lehrplan, die Vorlesungen; einen Bericht über den Stipendien- und Präparandenfond, die Bibliothek (welche bereits über 2000 Bände besitzt) und schließlich eine Uebersicht der Einnahmen und Ausgaben der Hochschule." — Unsere Mittheilung über die Versainmlung und den s. Z. von Herrn Prof. Dr. Lazarus erstatteten mündlichen Bericht hat über all dies bereits Auskunft gegeben, so daß wir hoffen dürfen, es werden unsere Leser mit uns das Interesse für diese nach allen Richtungen hochwichtige Anstalt theilen. Wir würden uns glücklich schätzen, zur Hebung der Anstalt in der einen oder anderen Weise beizutragen, indem wir sie in diesen Blättern besprechen. In Berlin erschien am 8. Juli die erste Nummer einer neuen Zeitschrift in hebräischer Sprache: הצפירה Hazesira. Der Herausgeber, Chajem Selig Slonimsky, zeigt an, daß er diese Zeitschrift, welche er schon vor zwölf Jahren ein halbes Jahr hindurch erscheinen ließ, bevor er an die Spitze der Rabbinerbildungsanstalt in Sitomir berufen wurde, wieder ausgreifen wolle, nachdem die bezeichnete Anstalt im vorigen Jahre von der Regierung geschloffen worden. — Inhaltlich ähnelt ״Hazesira" dem ״Hammaggid", indem auch hier Politik, Handel, religiöse und profane Wissenschaft kunterbunt unter einander gewürfelt wird, — eins Eigenthümlichkeit, in welcher diese hebräischen Zeitschriften der jüdischen Presse in Amerika fast ähneln, die auch Börsen- und Theaterberichte, Kritiken über eine Tänzerin und einen Prediger zuweilen neben einander stellen, die darum aber doch gute Geschäfte machen müssen, da sie stets sehr reichlich mit Inseraten aller Art ausgestattet sind. Uns will dies bei einen! hebräischen Blatte, dessen Zweck die Aufklärung und Cultivirung der im russischen Reiche zerstreuten Juden sein soll, durchaus nicht behagen. In Amerika mag das wohl seine guten Gründe haben, aber wir glauben, ein solches Blatt könnte Stoff genug auf dem Gebiete finden, das es cultiviren will. — Insbesondere interessirte uns hier eine Untersuchung über die Beobachtung des Sabbaths für die Morgenländer, wegen der bedeutenden zeitlichen Differenz mit den Abendländern, erläutert durch eine Karte und eine Abhandlung über החכמה והשכלה (Wissenschüft und Aufilärung), die sich in der eigenthümlichen Anschauung ergeht, daß es dein Talmudisten leicht sei, in der profanen Wissenschaft heimisch zu werden, während es dem wissenschaftlich Gebildeten schwer werde, im Talmud sich zurecht zu finden. Wir wollen dem betreffenden Verfasser seinen ״beglückenden Glauben — nicht rauben", da wir die edle Absicht wohl erkennen und würdigen. Wir wünschen dem

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