Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 29 (21.7.1874)
- Date
- 1874-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579181--733-9579182- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Jüdische Volkszeituug. A1st«ikunft«a nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich 17^ Agr. Herausgegeben von 3. Kkingeafteia in Ingelheim. Inserate sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 gesp. Zeile 2 Agr. Ho. 29. Leipzig, den 21. Äuli. ־'־*־־ "־"־ { '־' ' ■ 1874. Inhalt: Leitartikel: Was ist nun zu thun? (Fortsetzung.) Correspondenzen: Berlin. Ingelheim, Dresden, Aus Bayern, Magdeburg, Breslau, Wien. . Rundschau: Leipzig, Berlin, Kissingen, Pest, Parrs, Aus Rußland, Warschau, New-Aork. Unterrichts- und Erziehungswesen: Einhertkche deutsche Orthographie. Literarisches: Theologisches Universallexicon. Vermischtes. Anzeigen. Ma8 ist nun zu tftun? (Fortsetzung.) Es ist eigenthümlich, daß die Bekenner der Religion des Einzig-einigen, welchen der Grundsatz ״Du bist einzig, und Dein Name ist einzig und Israel ist ein einiges Volk auf Erden" so heilig ist, und die von dem Gefühle und dem Bewußtsein der Zusammengehörigkeit, des gleichen geistigen Ringens und Strebens nach Einigung mit der gesammten Menschheit zu einem heiligen Bruderbund so sehr durchdrungen sind, daß sie darin die Wesenheit des Judenthums erkennen, — dennoch vergeblich nach einer äußeren Einigung seit Jahrhunderten ringen. So sehr auch viele Juden der Gegenwart die Zerfahrenheit im Innern beklagen, ebenso sehr wird aller Orten fast jedes Streben nach einer einheitlichen Organisation perhorrescirt oder doch mißachtet. Und doch kann nur eine äußere Einigung die innere wieder herbeiführen und stützen. So viele Freunde auch die Alliance isr. universelle, der Gemeindebund und andere ähnliche Institutionen finden, und so sehr ihre Leiter bemüht sind, das Möglichste zu leisten: die Mehrheit der deutschen Juden insbesondere, — und diese sind doch seit Jahrhunderten der Zahl und der geistigen Bedeutung nach weitaus der bedeutendste Zweig Israels — will von solchen und ähnlichen Bestrebungen durchaus auch jetzt noch Nichts wissen, wittert dahinter alsbald freiheitsfeindliche Bestrebungen, das ist Beeinträchtigung der Gewissens-, Gemeinde- oder persönliche,! Freiheit. Die Unterstützung selbst von Seiten der Einsichtsvollen und Berufenen ist äußerst schwach. Wenn man dem intelligenten deutschen Juden die protestantischen Kreis- und Landessynoden, die Katholikenversammlungen, die Congreffe der Deutsch- und Altkatholiken, der Methodisten und Herrnhuter, den Protestantentag und die Altlutheranerversammlungen entgegenhält, so antwortet er: ״Ja, Freund, das ist Alles wahr, aber das ist denn doch auch etwas Anderes. Jene wollen ihr ״Bekenntniß" wahren, festsetzen, ausbilden und vervollkommnen, wollen für ihre Bestrebungen Propaganda machen. Wir wollen weder das Eine noch das Andere. Unser ״Bekenntniß" ist so einfach, so feststehend und klar von Urbeginn an, daß es nicht erst einer Erläuterung bedarf und — Propaganda machen wollen wir erst recht nicht. Die individuelle Glaubens-, Gedankens- und Gewissensfreiheit ist ein so heiliges Erbgut im Judenthum, um das uns die Bekenner anderer Religionen und Confesstonen beneiden, daß wir um keinen Preis auch nur daran rühren möchten. Niemand hat das Recht, uns zu fragen: Was glaubst Du? Was thust Du? Wozu also diese Freiheit beschränken?" Es läge allerdings ein Körnchen Wahrheit in diesen Worten, wenn es sich bei den Organisationen, die wir im Auge haben, irgendwie darum handeln könnte, diese in der Wesenheit des Judenthums und seiner geschichtlichen Entwickelung gegebenen Grundsätze zu beeinträchtigen. Allein, all das schützt uns nicht in einer Krisis, wie die gegenwärtige und das Bedürfniß aber nach einem schützenden und stützenden äußeren Bande für die Glaubensgemeinschaft, für die Religionsgemeinden wie für die Individuen wird dadurch nicht aufgehoben. Gerade diese innere Frecheit und feststehende Selbstständigkeit der Gemeinden und Individuen läßt uns das Bedürfniß nach einer äußeren Organisation um so lebhafter fühlen. Sind es ja nur diejenigen, welche den bis jetzt festen Zusammenhalt, die freiwillige Einheit der Judenheit, welcher wir uns mit fteudiger Hingebung unterordneten, zerstören wollen, die selbst das obige Argument bestreiten. Sie sprechen von ״Confessionen", wo es sich blos um Beachtung oder Nichtbeachtung einzelner äußerer Formen handelt, die das ״Bekenntniß" durchaus nicht berühren. Sie sprechen von verschiedenen Bekenntnissen im Judenthum. Sie sagen, daß sie sich von den Uebrigen, d. h. von der weitaus überwiegenden Mehrheit der Glauben s genossen durch ihre ״confessionelle Ueberzeugung" geschieden fühlen. Darum wollen sie keine gemeinschaftliche Jnstitutionen, weil sie mit ״Organisationen" verbunden sind und schon in dem Begriffe ״Organisation" ein Gegensatz zu ihrem ordnungslosen Streben liegt. Sie wollen den Frieden nicht, weil vom Unfrieden die Nahrung, der Erfolg der fanatischen Wühlereien allüberall, bei den Juden wie bei den Anhängern anderer Glaubensbekenntnisse abhängig ist. Sollten darum die Freunde des Friedens, der Selbstständigkeit und Zusammengehörigkeit sich nicht verbinden, durch belebende Organisationen kräftigen, sich zusammenschaaren und zufammenwirken in dem, was uns Allen das Heiligste ist? Sollen wir darum unsere innere confessionelle Uebereinstimmung nicht äußerlich thatsächlich zu beurkunden streben? Sollten wir nicht bethätigen, daß wir die Zugehörigkeit zum Judenthum nicht abhängig machen können und wollen von der Erfüllung der religiösen Formen?