Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 28 (14.7.1874)
- Date
- 1874-07-14
- Page
- Seite 222 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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222 und in welcher nach Bericht der Aufsichtsbehörden in allen vom Staate vorgeschriebenen Disciplinen unterrichtet werde. Ob aber der Leiter jener Schule zur Aufnahme jenes Kindes berechtigt war, das zu prüfen lag dem Vater nicht ob. Was nun den zweiten Punkt der Beschwerde, die Erlaubniß, das Kind fernerweit in die jüdische Privatschule schicken zu dürfen, anbelangt, so läge kein Grund zur Verweigerung derselben vor, da ja das Kind hier wie in der katholischen Schule keinen Religionsunterricht erhalten könne, die Ertheilung desselben dem Vater überlassen bleiben müsse, in den anderen Disciplinen aber in der jüdischen Privatschule dasselbe geleistet würde, wie in der öffentlichen Schule. München, 2. Juli. Bei Gelegenheit der Debatte über das Budget des Cultusministeriums in der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer wurde von dem Ausschüsse auch für den Etat des israelitischen Cultus eine ansehnliche Summe gefordert. Ohne jegliche Debatte sind zur Aufbesserung der gering dotirten Rabbinatsstellen, Theuerungszulagen rc. 7790 Gulden, um 2700 Gulden mehr als die Regierung beantragt hatte, bewilligt worden. (Wann werden endlich die übrigen deutschen Staaten die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Confessionen nicht blos mit Worten, sondern durch Thaten beweisen? Red.) 6t)Cf, 22. Juni. Dem Redacteur der hier erscheinenden hebräischen Wochenschrift ״Hammagid", Herrn L. Silbermann, ist von der Universität Leipzig unterm 12. d. M. das Diplom als Dr. philos. etc. in Anerkennung seiner Verdienste, die derselbe sich durch Herausgabe vorzüglicher hebräischer Literaturwerke erworben hat, ertheilt worden. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Pest, 4. Juli. Im ungarischen Reichstage füllte die Frage über die Verwendung des israelitischen Schulsonds die heutige Sitzung vollständig aus. Der Unterrichtsminister Trefort beleuchtete die Entstehung des Schulfonds, beantragte die Untheilbarkeit desselben und seine Verwendung zur Errichtung eines Landes-Rabbiner-Seminars. Gegen die Ausführung dieser Idee agitirte schon seit längerer Zeit die orthodoxe Partei des ungarischen Judenthums und verlangte, daß der Fond zwischen der liberalen und orthodoxen Partei getheilt werden solle. Beide Parteien hatten auch im Reichstage ihre Fürsprecher, und eigenthümlicherweise berührten sich gerade die Extreme: die Redner der äußersten Linken und die der äußersten Rechten (Conservative und Ultramontane) unterstützten das Verlangen der Orthodoxen. Der Cultusminister Trefort, welcher, wie den Lesem wohl bekannt sein dürfte, dem Hause schon früher einen umfastenden Bericht über diese Angelegenheit unterbreitet hatte, widerlegte mit kräftigen Worten die Scheingründe der Orthodoxen, welche behaupten, daß es zwei jüdische Confessionen*) gebe und sie darum mit den Neologen kein gemeinsames Seminar haben wollen. Die Juden in Ungarn seien an Zahl und Bedeutung so maßgebende Factoren des Staates, daß ihr Bildungsgrad dem Parlamente nicht gleichgültig sein könne. Die Nothwendigkeit eines Rabbiner-Seminars werde in Ungarn allgemein gefühlt. — Schon der Patriotismus müste daher das Haus bewegen, das Ansinnen der Orthodoxen *) Man sieht also, daß die jüdischen Ultras in Ungarn mit denselben ehrlichen Waffen kämpfen, wie in Preußen. Um die Einigkeit in den Gemeinden zu zerstören, muß die Einheit der Religion zerrissen werden. Nun, der jesuir sche Grundsatz: Der Zweck heiligt die Mittel, scheint auch unseren Finsterlingen die Richtung zu geben. Redaction. zurückzuweisen. Redner bringt daher den Beschlußantrag ein, das Haus möge ihn beauftragen, den israelitischen Landesschulfonds für Unterrichtszwecke, besonders für die Errichtung eines Landes-Rabbiner-Seminars, und den etwaigen Rest ausschließlich zur Unterstützung orthodox-israelitischer Volksschulen zu verwenden. (Wir werden auf die weiteren Verhandlungen über diese wichtige Angelegenheit in der nächsten Nummer zurückkommen. Red.) Literarisch. עבודה שבלב. Der Gottesdienst des Herzens. Jsraelitisches Gebetbuch für die öffentliche und Privatandacht. Zwei Bände. Nürnberg, Verlag der Friedr. Korn'schen Buchhandlung. 1874. Man kann über die Frage, ob es zweckmäßig sei. daß jede jüdische Religionsgemeinde sich ein eigenes Gebetbuch, einen eigenthümlich gearteten Cultus verschaffe, getheilter Meinung sein. Man kann wünschen, daß alle der Reform zugeneigten Rabbinen und Synagogen nach einem einheitlichen Plane Vorgehen. Immerhin bleibt die Beschaffung eines neuen Gebetbuches ein lebendiges Zeugniß eines regen religiösen Bedürfnisses und es darf uns in einem bestimmten Falle nicht jener Wunsch, sondern blos der Werth oder Unwerth des Buches bei der Beurtheilung desselben bestimmen. Das vorliegende Werk von Herrn Rabbiner D1\ Levin für die Gemeinde Nürnberg, zum Gottesdienste in der neuerbauten Synagoge daselbst bearbeitet, muß von diesem Gesichtspunkte aus, nach den Bedürfnisten und Anschauungen des mächtig ausstrebenden Gemeindewesens in Nürnberg, geprüft werden. In der Vorrede sagt der Herr Verfasser: ״Die Hoffnung der persönlichen Rückkehr des Volkes Israel ist nicht zum Ausdrucke gelangt, dagegen die Bitte an Gott gerichtet, er möge sich Zion zuwenden, aus dem Staube es erheben und seine Verheißung besonders auch an der Stätte in Erfüllung gehen lasten, von der die Lehre einst ausgegangen." Wir mögen über diesen Gesichtspunkt anderer Meinung sein: an und für sich ist er ein gerechtfertigter, correcter und es wird nur darauf ankommen, ihn überall auch in angemessener Weise zur Geltung zu bringen. Das ist nun im Buche geschehen. Andererseits sind die Grundsätze der Reform: Vereinfachung, Abkürzung, Entfernung alles absolut Unzeitgemäßen ebenfalls überall zur Geltung gekommen. Deutsche Gebete und insbesondere Gesänge sind vielfach eingereiht. Insbesondere sind es Psalmlieder, ein bisher in der jüdischeu Liturgie noch wenig angewandtes, aber, wie wir glauben, sehr fördersames Element, in würdiger Weise verwendet und wir nehmen an, daß dieser gesangliche Theil gut arrangirt, sehr zur würdigen und erhebenden gottesdienstlichen Feier beitragen wird. Die häuslichen Gebete sind reichhaltig und warm gefühlt. (Warum fehlt eine Begräbnißagended) Die verschiedenen Betrachtungen, die an einzelnen Orten über Bedeutung des Gottesdienstes und dergleichen eingeschaltet sind, werden ihres Eindrucks nicht verfehlen. Der Gottesdienst für Chanuka, Purim (deutscher Abriß der Megilla) ist sehr passend arrangirt. Wir dürfen hoffen, daß Synagoge und Gebetbuch für die edle und aufstrebende Gemeinde Nürnberg zu gesegneten Mittelpunkten wahrhaft religiösen Lebens werden und der Gottesdienst daselbst in Wirklichkeit ein עבודה שבלב, die jüdischen Herzen erhebe und erfreue. _ Vermißtes. Ein Pariser Blatt erzählt von dem dort wohnenden, bekannten Baron Rothschild folgende Anecdote: DerBaron war eines Tages bei einem seiner Bekannten, einem Banquier, zum Besuche, der durch seinen Geiz sprüchwörtlich geworden war. Während dieser Zeit erschien im Hofe des Hotels ein Armer und begann mit näselnder Stimme ein Volkslied zn singen. Der Banquier nahm zwei Sous, um sie dem Bettler durch das Fenster zuzuwerfen; bevor er aber das letztere öffnete, suchte er auf seinem Tische herum. — ״Was suchen Sie,