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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-14 · 28 (14.7.1874) · p. Seite 223

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
28 (14.7.1874)
Date
1874-07-14
Page
Seite 223 (sequence 7)
Language
German
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223 Lieber?" fragte Rothschild. — ״Ein Stück Papier, um diese; Kupferstücke einzuwickeln", antwortete der Banquier. — ״Ich! habe welches bei mir", sagte Rothschild, zog ein Billet zu; fünfhundert Francs hervor, wickelte die zwei Sous hinein und! warf das Ganze dem Bettler zu.; — Heber die Ankunft des Fürsten Bismarck in j Kissingen kommen von dort Mittheilungen, die von dem | begeisterten Empfange des Fürsten sprechen. Dabei fehlte es! auch nicht an kleinen charakteristischen Vorfällen, von denen! wir folgenden erwähnen: Unter der Schaar von Versammelten,! die am Empfangsgebäude harrten, um den ankommenden 1 Fürsten mit einem Hurrah zu empfangen, befand sich auch > ein Herr, der mit griesgrämiger Miene dreinschaute und seinem j ganzen Wesen nach der Schaar der Schwarzen anzugehören! schien. Ein neben ihm stehender Mann fragte ihn, ob er auch Hurrah mitrufen würde. ״Nein — erwiederte der Gefragte — das thun nur die hier versammelten Juden." Feniktetvn. Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. Historisch-romantische Erzählung von I. (Schluß.) Das Verhängniß aber ereilte ihn, um ihn mindestens für einige Zeit unschädlich zu machen. In Petersburg hatte sich Großes ereignet. Elisabeth, die Tochter des Czaren Peters des Großen, war Kaiserin geworden. In früheren Jahren aus Furcht von der herrschenden Kaiserin verfolgt, hatte man sie später so in ihre Lüste verstrickt geglaubt, daß sie für alles Weitere keinen Sinn zu haben schien. Ihre Günstlinge wechselten unaufhörlich. Aber man hatte sich dennoch verrechnet. — Jetzt, wo sie Kaiserin war, erinnerte sie sich an früher Geschehenes mit doppelter Lebhaftigkeit und darum verfolgte sie einen Plan, der Frank betraf. — — In einer der von dem Mittelpunkte der Stadt entferntesten Straßen steht ein dreistöckiger Palast — einsam und verschlossen. Rings von Gärten umgeben, scheint er unbewohnt zu sein und es ist fast schwierig, einen Eingang zu entdecken. Niemand kennt seine Bestimmung. Seit vielen Jahren steht er so unbewohnt und die Wenigen, welche in der Nähe sich angesiedelt haben, sind fast so an das Hnbewohntsein des palastühnlichen Gebäudes gewöhnt, daß sie sich wundern würden, wenn am lichten Tage die Läden sich öffnen würden und der Palast, Luft, Licht und lebende Menschen einließe. Man ist übrigens in den Hauptstädten des großen russischeu Reiches an solche Gebäude gewöhnt. Der beschränkte Unterthanenverstand fragt nicht nach deren Zweck und Bedeutung: ״Der Kaiser wird's wissen, wozu es zu dienen hat." Es ist unter Umständen nicht ungefährlich, neugierig zu sein in solchen Dingen. Die Neugierigen können verschwinden... Es war am späten Abende eines nach nordischen Begriffen äußerst heißen Tages. An der schmalen Pforte des südlichen Einganges des Palastes, welcher ins freie Feld hinausging, erschien ein Wagen. Eine ältliche Dame stieg heraus, um die Pforte zu öffnen. Es ging wider Erwarten sehr leicht. Sie betrat das Innere des Palastes. Es war ein vierstügliches Gebäude, in dessen Mitte ein prachtvoller Pavillon stand. Hier war Luft und Licht. Man sah, das äußere, große Gebäude war gleichsam nur da, um den Pavillon in der Mitte zu verbergen, aus dessen Ausstattung eine öftere Benützung zu heiteren Zwecken, welche gleichwohl das volle Licht der Straße scheuen, sich folgern ließ. Die Dame war eingetreten und hatte den Pavillon zum Empfang von Gästen von den nachfolgenden Dienern vorbe:- reiten lassen. Dann hatte sie diese wieder entlassen und war allein zurückgeblieben. Wenige Augenblicke darauf rollte abermals ein verschlaft sener Wagen herbei und hielt an der Pforte. Eine tiefverschleierte Dame von majestätischem Wüchse stieg heraus und eilte durch die Pforte in den Pavillon — der Wagen rollte zurück. Das dunkle Haus schien so unbewohnt, als vorher. Als die zuletzt gekommene Dame in den Pavillon eintrat, sprach sie zu ihrer älteren Dienerin: ״Ist die Jüdin schon da?" ״Nein, Majestät, ich werde sie alsbald rufen." ״Aber vergiß doch nicht, daß ich für Dich hier nicht Majestät bin-" ״Nie — doch diesen Abend! Die Jüdin kommt mit einer Klage vor die Kaiserin und die Kaiserin wünscht nicht, daß die Klage öffentlich oder vor einem Richter verhandelt werde. Da muß auch die Majestät entscheiden. Hebrigens ist das Angesicht Ew. Majestät der Jüdin nicht unbekannt; sie wollte sich ja auf offener Straße Ihnen entgegenstürzen, um ihre Klage anzubringen." ״Gut — laß sie kommen." Die alte Dienerin entfernte sich und trat einige Augenblicke später mit Chaja, der einstmaligen böswillig verlassenen Braut Jankiew's, der Tochter Schor's ein. Leid, wilde Ausschweifung hatten ihre unverlöschlichen Spuren in dies einst so reizende Gesicht eingegraben. Jetzt glühten in diesen Augen nur Haß und wilder Rachedurst. Die Kaiserin trat auf sie zu. ״Du hast mich zu sprechen gesucht und der Gegenstand, den Du mir mitzutheilen hast, ist mir nicht gleichgültig, wenn ich den Worten meiner Dienerin Rufchka Glauben schenken darf. Also — erzähle und mach es kurz. Regierungsgeschäfte... ״Gott erhalte Ew. Majestät! Ich kann es kurz machen. Als die Kunde von der Staatsumwälzung nach Podolien drang, waren wir eben in einem geheimen Conventikel versammelt. Jankiew Leibkowicz, der sich Baron Frank nennt, mein Vater und noch einige andere Männer und — ich sprachen über die Zukunft unseres Vereins, unserer Hoffnung. Ich war die einzige Frau, die zugegen sein durfte. Als der geheiligte Name Ew. Majestät genannt wurde, sprang Jankiew wie außer sich auf und sprach: ״Diese .... Kaiserin Elisabeth .... ist die Mutter meiner Eva." Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als er sie wahrscheinlich auch wieder bereute und nun seinen Ausspruch kabbalistisch deuten wollte. — Allein — mich täuschte er nicht. Ich kenne ihn; er war ja einst mein Bräutigam gewesen. Er ist ein unwürdiger Mensch; er hat das Geheimniß Ew. Majestät verrathen, wie er mich verrathen hat . . . Ich bin Tag und Nacht gewandert, um zu Ew. Majestät Füßen das Geheimniß niederzulegen, Ew. Majestät aber auch vor dem Verräther zu warnen, dem nichts heilig ist, wenn er seine verruchten Pläne durchzuführen hofft." Elisabeth schaute kalt in das Gesicht der Aufgeregten. ״Und das ist Alles? Und der Wahnsinn eines bethörten Kabbatisten sollte mich aus meiner Ruhe stören? — Er wird sich hüten und Aehnliches nicht mehr sprechen-Seine Tochter Eva-— ist sie ein schönes Kind?" ״O, Majestät, himmlisch schön. Sie ist der Glanz, die Sonne seines Lebens. Er weiß, daß die Schönheit dieses göttergleichen Kindes, wenn es einmal erwachsen sein wird, ihm Tausende von Anhängern werben wird .... Die Majestät ruht auf seiner Stirne . . ."

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