Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 28 (14.7.1874)
- Date
- 1874-07-14
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 darum gings flüssiger. — Es muß mehr Deutsch hinein! Das ist der allgemeine Ruf von daher, wo die Lärmtrommel des Reformirens gerührt wird. Gewiß, wir geben diesem Rufe gern Gehör. Doch, meine Lieben! nur langsam und vorsichtig. Denn sehen Sie, in großen Städten, wo man so zu sagen Alles gedeutscht hat, da hat der Besuch der Gotteshäuser eher abals zugenommen. Auch hat sich da das äußere Gewand etwas geglättet, aber ich frage Sie, hat der religiöse Sinn, der Besuch der Gotteshäuser dort zugenommen? Das Deutsche, meine Lieben, Hilst eben so wenig, als eine strenge Synagogenschaarwache. Es muß also noch eins, und zwar seiner selbst willen dazu, nämlich die Andacht. Diese aber macht das Deutschreden nicht allein aus. Der angeborene religiöse Sinn, das weiter ausgebildete religiöse Gefühl, wir erinnern an guten Religionsunterricht, müssen die Läuterung vollziehen. Wer hätte von uns nicht Männer und Frauen gekannt, die mit tiefster Rührung, mit, ich sage beneidenswerther Andacht und Würde ihr Gebet hebräisch gesagt, das sie nicht verstanden. Also befördern wir die Andacht! — Nicht zu lange Gebetfolge!! Was sollen wir daher ausfallen lassen, wenn die Gemeinde den von uns vorgeschlagenen Ausfall sich gefallen läßt? Viele Piöcen in unserem Gebetbuche haben theils das Verständniß verloren, andere sind zur Unwahrheit geworden, und Beide sind wie morsche Aeste an einem Baume zu betrachten, welche das schöne Grün reduciren und die Fruchtbarkeit hemmen. Da steht der Eisehu M'komon, der hat mit seinen blutigen Opfern keinen Platz mehr, trotz der Logik des angehängten Rabbi Jischmoel. Weg damit! Da stehen noch die beiden J'kum purkan. Der kann für uns heute nichts Empfehlendes mehr sagen, die betreffenden Schulen sind seit 1000 Jahren nicht mehr da, weg damit! Da sind die langen und vielen Mischeberachs, an denen Mancher gern die Länge seiner Börse und den Athem des Cantors vor dem horchenden und staunenden Publikum abmißt. Diese Mischeberachs sind nicht nur störend und lästig, sie haben viele entsittlichende Momente in ihrem Gefolge, Ehrsucht, die klingende Börse und mehr dergleichen Kobolde treiben ihr Wesen an gottgeweihter Stätte; darum weg damit! Auch ist der dreijährige Cyclus zu empfehlen im Interesse des abzukürzenden Gottesdienstes. — Wir wollen uns in keine tiefgelehrte Abhandlung über den Ursprung der N'gina, ob sie eine Sangweise Tochter arabischer Wüste sei, ob sie Satzzeichen abgebe, ob der heilige Geist dieselbe durch Aeolsharfen ihrem ersten Sänger zugeblasen, sie ist einem germanischen Ohre fremd, und darum weg damit! Es gibt ja immer noch Käuze, Fürther Bachurim oder polnische Charisinn(Charifim?), die einen schicklichen Gebrauch davon machen können. Aber — wo noch Hierland eine Gemeinde ihre Liebhaberei an dem Schalscheleth sindet, gut, da mag der Triller noch geschlagen werden. — Die Haphtara kann recht wohl in deutscher Sprache vorgetragen werden, wir würden dies empfehlen, und glauben auch um so weniger auf Widerstand zu stoßen, als die Gemeinde an den kräftigen und schönen Prophetenworten sich erbauen wird. —. Wünschen Sie, meine Herren, im Interesse eines einheitlichen Gottesdienstes einen Abschluß oder eine Norm, so thut es mir sehr leid, Ihnen vergebliche Hoffnung gemacht zu haben, ich befinde mich einer solchen Anforderung gegenüber unfähig. Die Einheitlichkeit wäre ein schönes Geschenk, sehr schön für den Lehrer, namentlich für den, den die Stellenwanderlust anwandelt. Er braucht sich nicht auf jeder neuen Stelle neu einzurichten, wie er's in A gemacht hat, so thut er s gerade in B. Aber auch für Laien wäre es angenehm, sich m zeder anderen Synagoge so heimisch wie daheim zu fühlen. Aber, was nützt mir die Einheit ohne die Freiheit, und unsere Gemeinden machen einen edlen, weiten Gebrauch von der Freiheit. Das kann aber auch nicht anders sein, bei den verschiedenen Culturstufen derselben, bei den verschiedenen materiellen Mitteln, die den Gemeinden zur Hebung des Gottesdienstes zu Gebote stehen. Es ist daher auch ganz natürlich, daß jetzt die Verschiedenheit einen weitaus größeren Spielraum gewonnen hat, als sie. noch vor etwa 50—30 Jahren besaß. Dann aber hängt die Einheitlichkeit nicht von dem Lehrer ab, wollen wir darin etwas schaffen, so müssen wir Gemeindevorsteher zu einer Conferenz einladen, die speciell diesen Gegenstand zum Gegenstände ihrer Besprechung hat, vielleicht würde eine solche Eonferenz sich eines zahlreichen Besuches zu erfreuen haben. Eine solche zu bestimmen, für das nächste Jahr anzuberaumen, möchte ich der geehrten Versammlung vorschlagen. Es würde sich dann über allgemeine Ordnung und speciell über Gebetordnung discu- Liren lassen. Zum Schluffe erlaube ich mir die Gebetordnung, wie sie sich seit meinem Wirken in der Gemeinde Rheda gestaltet hat und wie ich sie auch mit wenigen unwesentlichen Abweichungen vor Kurzem in der Gemeinde Steele vorgefunden habe, anzufügen; selbstredend kann ich nur den Sabbath in Erwägung ziehen. A. Der Feitag-Abend. 1) Lechu-Nranano in bisher üblicher Weise, vomL'chodaudi wird nur Schomaur wesochaur und baui bescholaum gesungen, die übrigen Strophen declamatorisch vorgetragen. 2) Mismaur schir u. s. w. responsenweise zwischen Vorbeter und Gemeinde. 3) Sch'ma, Mi chomaucho, Adaunai jimlauch wird gesungen. W'schomru vom Vorbeter laut vorgetragen und die Gemeinde betet leise mit. 4) Bame madlikin fällt weg, statt desselben ein deutsches Gebet. 5) Olenu und Kadisch. Letzteres wird von Leidtragenden vom Platze aus leise mitgebetet. B. Sabbath-Morgen. 1) Von Adaun Aulom bis zur Sch'mauno Eßre in bisher üblicher Weise, nur Eisehu m'kaumon fällt weg. 2) Die Schmauno Este wird nur einmal gebetet, der Vorbeter beginnt gleich laut, die Gemeinde betet leise mit. 3) Das Ausheben der Thora geschieht vom Vorbeter mit dem Bortrage Wajhi binsaua, Echod Elauheinu, l'cho Adonai hagdula wird von der ganzen Gemeinde einstimmig gesungen. 4) Das Austufen zur Thora geschieht durch Karten, welche nach Beendigung der Sch'mauno Este vom Synagogendiener vertheilt werden; die Thora wird ohne Negine gelesen. 5) Die Haphtara wird deutsch vorgetragen. 6) J'kum purkan fällt weg; Gebet für die Gemeinde, den Landesvater in deutscher Sprache. Aschre responsenweise zwischen Vorbeter und Gemeinde, alsdann ein deutscher Vortrag über den Inhalt des Wochenabschnittes. 7) Einheben der Thora Mismaur l'dowid und Uwnucho jaumar responsenweise zwischen Vorbeter u. Gemeinde. 8) Mussaf beginnt der Vorbeter gleich laut; die Keduscha wird von der ganzen Gemeinde einstimmig gesungen. 9) En kelauheinu mit Auslastung von Pitum haktaures, Olenu kadisch. 10) Schir hajichud fällt weg, ebenso die an besonderen Sab- Käthen bisher gesagten Piutim. 11) Mismor Schir in deutscher Sprache. Kadisch.