Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 28 (14.7.1874)
- Date
- 1874-07-14
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579172--726-9579175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
219 Synagoge die Damensitze in den Männerraum verlegt wurden. Der angedeutete Zweck ist aber gar nicht erreicht, denn die Unterhaltung über Topf und Mode, welche früher oben separat während des Thoralesens rc. gepflogen wurden, sind jetzt um so ungenirter unten, auf daß die Herren ihr Antheil mit zu hören bekommen. — Gehen wir nun auf das Subject unseres Themas ein mit der Frage: Was kann der Lehrer zur Veredelung und Hebung des Gottesdienstes thun? Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir zunächst andeutungsweise die Stellung des Lehrers erwägen. Das Judenthum kennt keinen geistlichen Stand im Sinne eines Seelsorgers, Keiner im Judenthum hat aus Gotteshand den Pfandbrief einer Bevorzugung unfehlbarer Geistlichkeit erhalten, Niemand hat sich zu rühmen, daß er kraft einer Weihe, einer Ordination zwischen Gemeinde und Gott trete, und Moses sagt schon: Wollte Gott, wir, das ganze Volk beständen aus Propheten. Das Judenthum kannte nur den Kundigen der Lehre, den Wissenden, es sah nur auf inneren, moralischen Werth und Würde, und die Träger dieser Atribute sollten es belehren in zweifelhaften Fällen, sollten ihm in religiösen und Gewissensangelegenheiten Vorbild sein. — Größere Gemeinden hatten nur für sich und die Umgegend den Rabbinen oder Gelehrten als Rathgeber, in den kleineren Gemeinden ging dieses auf den Lehrer über; ganz natürlich; er befaßte sich mit der Lehre, mit dem Jugendunterrichte, ihm wurden die cultuellen öffentlichen Angelegenheiten anvertraut, als dem Cultusbeamten. Bei der Einrichtung der Elementarschulen ging naturgemäß das Amt -wieder auf den Elementarlehrer über. Erstens konnten die Gemeinden die Opfer für zwei Beamten nicht erschwingen und dann, mit richtigem Gefühle mußte man sich sagen, wem soll man denn Würde, moralischen Werth, religiösen Sinn Zutrauen, wenn nicht dem Lehrer der Jugend? Daß nun auch, wo das richtige Verhältniß obwaltet, der Lehrer mit den Hauptsactoren in der Anordnung des öffentlichen Gottesdienstes in Verbindung tritt, ist einleuchtend. Es dürfen aber obige Kriterien: die Würde, der religiöse Sinn und der gute Wille nicht fehlen, und kommt zu diesen noch das vierte, als Haupterforderniß, nämlich gute Vorbereitung und Befähigung. Der Lehrer muß als Cantor Verständniß und Liebe zur Sache haben; er muß es verstehen, die Gemeinde zu überzeugen, daß er der richtige Mann für den Gottesdienst ist. Mit diesen Gaben ausgerüstet, kann der Cantor Vieles zur Hebung des Gottesdienstes erreichen, ohne dieselben nichts, ja noch weniger als Nichts, indem er auch den Sinn in der Gemeinde abstumpft, sie gleichgültig macht. Es ließe sich hierüber Vieles sagen, aber als Lehrer der Lehrer hier mich geriren zu wollen, hieße unsere geschätzte Versammlung herabwürdigen. Aus meiner Erfahrung will ich nur ein anschauliches Beispiel ansühren, wie man es nicht machen muß, da Würde und innerer Werth fehlt. Vor nicht langer Zeit wohnte ich dem Gottesdienste in einer nicht kleinen Gemeinde bei. Der Lehrer und Cantor hatte dasTallis um seinen Hut geschlagen, den Kopf auf den Arm gestützt; von Zeit zu Zeit purrte er mit dem Zeigefinger in der Nase oder in einem Ohre, und er ließ Töne hören, wie in den ״seltsamen Menschen" Laute, die nicht viel sagen können, wobei er doch den Körper gewaltig verdrehte. — Mein Begleiter, ein Mann aus der Gemeinde, gestand mir, er gehe im ganzen Jahre, selbst an den hohen Feiertagen nicht in die Synagoge. Als ich seinen schlechten Synagogenbesuch mißbilligte, sagte er: Gestehen Sie offen, kann man unseren Cantor sehen und hören und dabei andächtig sein? Ich sprach mit mehreren Gemeinde- Mitgliedern und alle hegten denselben Wunsch nach einem erbaulichen Gottesdienste; aber, sagten sie, ״so lange wir unseren Cantor haben, wird unser Wunsch nicht erfüllt." Wie der Lehrer sich bei seinen Schülern Autorität verschaffen muß, so soll der Cantor würdevoll vor der Gemeinde in der Synagoge sein Amt verrichten. Dann wird auch die Gemeinde nicht indifferent bleiben. Der Cantor muß aber auch mit dem Inhalte, der Weise, Folge der üblichen Gebete vertraut sein, es muß nicht nöthig sein, daß bei seiner Rathlosigkeit, was denn jetzt ״gesagt" gebetet werden muß, aus diesem oder jenem Winkel der Synagoge ihm Jemand zurufe, was des Tages Curs sei. Müssiggang ist aller Laster Anfang, kann man auch auf viele Störungen und Unordnungen im Gottesdienste anwenden. Daher ist der Gottesdienst so einzurichten, daß die Gemeinde sich möglichst viel betheilige. Wo es nur thunlich, find Gebete in recitativer Weise herzusagen. Das unordentliche Einstimmen der Alten ist vor und nach wohl dadurch zu beseitigen, wenn die Jüngeren hierzu vom Cantor Anleitung erhalten, was eine geringe Mühe ist. — Gerade während des Thora-Lesens geschieht am meisten Unfug, dann ist das Hinauslaufen in uncultivirten Gemeinden am häufigsten. Unterhaltungen während des Thora-Lesens muß der Cantor nicht dulden; indeß soll er strafend verfahren? Gewiß nicht; er soll kein Büttel sein. Das wirksamste Mittel bei solchen Störungen ist, daß er seinen Vortrag unterbreche, allenfalls sich nach der Seite der Sprechenden wende. Hiermit steht auch eng der zu lange Gottesdienst in Verbindung. Das Wiederholen der שמונה עשרה verlängert den Gottesdienst und zwingt die Gemeinde zu passivem Verhalten. In sehr vielen Gemeinden wird dieses Gebet nur vom Cantor laut vorgetragen und die Gemeinde betet leise mit. Diese Weise ist unbedingt zu empsehlen, wenn sie in der Gemeinde nicht zu viele Stimmen gegen sich hat. Hiermit hätten wir den Boden der Neuerungen betreten, ein schlüpfriger und gefährlicher, auf dem schon mancher junger Lehrer in seiner Drang- und Sturmperiode sich selbst den Boden unter seinen Füßen zertreten hat. Wir rathen hier die größte Vorsicht an. Der Lehrer soll nie selbstständig und aus eigener Machtvollkommenheit Neuerungen einführen, weder das Recht, noch die Klugheit ist auf seiner Seite. Seine Wünsche und Ansichten mag er wohl dem Vorstande mittheilen, dieser mag die executive Bekanntmachung übernehmen. Aber der Lehrer soll durch Vorträge das Bedürsniß zum Besseren anregen, sein belehrendes und belebendes Wort soll dem Pfluge gleich den Boden auflockern, dann mag die Saat ausgestreut werden. Der Vortrag mag ein freier, selbst ausgearbeiteter oder nach einem Buche sein. Nur muß für Abwechselung Sorge getragen werden; gegen den stereotypen Praeger dürsten wegen der Wiederholungen Einwendungen zu machen sein. Ich meinerseits benutze außer dem Praeger noch den מטה אהרן von Ehrentheil, Sansinim von Schmiedel und verschiedene andere Werke. Der Gebrauch solcher Hilfsmittel hat das Gute, daß zu den Vorträgen noch Zusätze nach Zeit und Gelegenheit angefügt werden können; und hat dann der Cantor Mißstände gerügt, so hat nicht er, sondern das Buch gesprochen. — Daß der Gottesdienst mehr zum Herzen spreche, also auch mehr von Herzen komme, erfordert Verständniß und weniger der Bewegung in einer Sprache, die im Durchschnitte von der Masse nicht mehr verstanden wird. Es soll darum aber nicht gesagt sein, daß in früherer Zeit die Kinder der Gemeinde Israels mehr eingeweiht waren in der Sprache unserer Väter als jetzt. Allerdings sie ״orten" mehr und