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Jüdische Volkszeitung · 1874-07-14 · 28 (14.7.1874) · p. Seite 218

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
28 (14.7.1874)
Date
1874-07-14
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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218 Aber — unsere mangelhafte Organisation. Wir kommen da aus einen Krebsschaden, der eigentlich die Gefahr des Zerfalls, der durch die Resolutionen möglich wird, erst begründet: wir meinen den Mangel aller und jeder festen,,einheitlichen, äußeren Organisation des Judenthums. Allerdings — wir haben den Gemeindebund, dessen segensreiche Wirksamkeit nicht unterschätzt werden darf. Aber — immer noch haben sich die jüdischen Gemeinden Deutschlands nur zum kleinsten Theile demselben angeschlossen. Und die Aeußerungen des religiösen Lebens, die Humanitären Anstalten für die Gesammtheit gehen noch nach den verschiedensten Richtungen auseinander. Der Gemeindebundausschuß hat sich gleichsam nur eine berathende Thätigkeit beigelegt. Sollten ihm für gewisse Vorkommnisse nicht auch executive Vollmachten unbedingt nöthig werden? Und sollten nicht insbesondere alle diejenigen Anstalten, welche als gemeinsame zu betrachten sind, gewissermaßen ihren Mittelpunkt, ihre Stütze, ihre Centralbehörde im Ausschuß des Gemeindebunds finden? Dazu müßte er aber vor Allem in Wirklichkeit alle Gemeinden vertreten und es ist wirklich an der Zeit, daß er mit aller Kraft dahin wirke, daß sich mindestens diejenigen Gemeinden anschließen, welche den Lasker'schen Resolutionen nicht zustimmen, also nicht unbedingt jede Organisation, jeden, auch den kleinsten Fortschritt selbst im äußeren Gemeindeleben, perhorresciren. Insbesondere sollte er diejenigen Institutionen, welche die deutschen Juden mit den außerdeutschen verbinden, in seine Hand zu bringen streben. (Fortsetzung folgt.) Zur Leieke1werbrennuttg8-Frage. Bei den zu Tage getretenen getheilten Ansichten über die Frage, welche Stellung das Judenthum gegenüber der in Vorschlag gebrachten Leichenverbrennung einnehme, dürste die folgende Talmudstelle von Entscheidung sein. Im Tr. Schabb. 43& heißt es: Bei einem (am Sabbathe) ausgebrochenen Brande darf man die Leiche nicht aus der betroffenen Räumlichkeit fortschaffen; R. Jeh. b. Lakisch erklärt: ich habe gehört, daß die Fortschaffung erlaubt sei. Als Grund für diese Erlaubniß wird daselbst angegeben, daß man, wenn es nicht gestattet würde, in Folge der heftigen Aufregung wegen des Todten dahin gebracht würde, das Feuer zu löschen. Hieraus ist ersichtlich, daß das Verbrennen der Leichen religionsgesetzlich nicht untersagt ist; indem nach der Erklärung des ersten ungenannten Talmudisten die Leiche der Verbrennung preisgegeben bleiben muß, nach der Erklärung des anderen, das Fortschaffen der Leiche aus einem ganz anderen Grunde, als dem der Besorgniß, daß die Leiche verbrennen könne, gestattet wird. Gumbiner Z. St. erklärt daher mit Recht geradezu: דליכא הכא בדון המת כשנשרף (Es ist keine Mißachtung der Leiche, wenn sie verbrennt). Dagegen erkennt man aber auch aus dieser Stelle, wie der tief in den Gemüthern wurzelnden Scheu, die Leiche durch das Feuer zu zerstören, von welcher zu besorgen wäre, daß fie eine ihr entgegentretende Anordnung unberücksichtigt lassen würde, Rechnung getragen werde. Wir erhalten hier zugleich einen bedeutsamen Wink in Betreff der Verfahrungsweise der früheren Weisen Israels. — Wiesbaden, Juni. Süskind. Würdige Oestaktung de8 Gotte8dienste8 in kleineren Gemeinden. Conferenz-Vortrag von A. Steinweg, Lehrer in Rheda. Fürwahr, meine geschätzten College«! ein wichtiger Gegenstand ist es, den wir auf die Tagesordnung gestellt, es--ist ein heiliger Gegenstand, von dem uns der brennende Dornbusch gleichsam של נעליך מעל רגליך entgegenruft; denn der Ort ist heilig. Wir haben aber auch ein sehr gewagtes Thema vor uns, gewagt für das Subject und sehr bedenklich zugleich; gewagt in Anbetracht des Objectes. Denn es ist, das weiß Jeder, sehr bedenklich, in das Heiligthum der Menge zu greifen, mag sie dasselbe heiligen oder entheiligen. Wer mit subjectiver Ueberzeugung diesem oder jenem Hergebrachten das Wort redet, läuft Gefahr, als ein unverbesserlicher Orthodoxe, als Dunkelmann verschrieen zu werden; wer eine alte Gewohnheit antastet, etwas wegrüumt, das dem Zeitbewußtsein verloren gegangen, der hat zu gewärtigen, daß er gemieden werde, daß man mit Fingern aus ihn, den Ketzer, den Abtrünnigen, weise, und das Bessere, welches er ins Leben einzuführen sich bemühen möchte, das verfällt dem eigensinnigen Widerspruche der Dummheit. Unberührt von Lob oder Tadel wage ich es dennoch, nicht das gewagte Thema in allen seinen Zweigen und Beziehungen zu erörtern, wohl aber einige lose Gedanken an einander zu reihen. — Der Gegenstand ist schon nicht etwa seit zwanzig, seit hundert von Jahren discutirt, und wird auch, so lange Menschen mit ihren Gefühlen, Gedanken und religiösen Anschauungen und religiösen Bedürfnissen in Fluß bleiben, der Besprechung und Erwägung unterzogen, er wird so lange auch nicht zum Abschlüsse kommen — das, meine Herren, soll uns rechtfertigen, wenn auch wir über etwaige Veränderungen uns eine Ansicht erlauben. — Daß wir aber Alle unter Einen Hut, noch viel weniger unter Einen Betmantel zu bringen uns anmaßen wollen, das wäre thörichtes Sinnen und Beginnen. — Nehmen wir uns, um Anhaltspunkts zu gewinnen, nur einige Momente, legen daran Erscheinungen, wie sie häufig vorgefunden werden und ftagen uns, was wir, als Lehrer, daran ändern, beziehungsweise bessern, veredeln können und in wie weit wir dazu berufen sind. Betrachten wir zunächst den Ort, nämlich die Synagoge. Diese ist da, der Lehrer kann nichts daran ändern. Aber auf die innere Einrichtrng kann er, falls er sich in seiner Gemeinde Achtung verschafft hat, Ordnung in Betreff der Plätze, des Betpultes, dessen Einrichtung, für die Ordnung kann seine wohlgemeinte, ausgesprochene Ansicht Vieles leisten. Bei der Einrichtung neu zu erbauender Gotteshäuser wird man seine Ansicht gern erwägen und die wird der Lehrer in vorkomwenden Fällen nicht zurückhalten. Thut er das letztere, so steht er unbedingt in einer schiefen Stellung zur Gemeinde. Greifen wir eine Frage heraus. Vrelfach ist man, namentlich in größeren Gemeinden, von der räumlichen Trennung der Geschlechter in der Synagoge abgegangen, die Frauen und Jungfrauen schauen nicht mehr von oben herab und die Männer zu ihnen hinauf. Gewiß, eine sehr löbliche Einrichtung! In Freud und Leid beisammen, und sicherlich auch im Gebete, zumal am Orte des gemeinsamen Gottesdienstes. Nun kommt es aber auch darauf an, welche Zwecke der Vereinigung erreicht werden sollen. Gemeinsamkeit, Zeitgemäßheit, bessere Symetrie in der innerer: Einrichtung des Gotteshauses, oder die Vermeidung vielfachen Plauderns auf der Frauenbühne? Letzteres wird unter Umständen sehr fraglich; mir wenigstens ist ein Städtchen bekannt, worin beim Neubau der

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