Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 28 (14.7.1874)
- Date
- 1874-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Bolkszeitung. Ijjochfnsclirift fni! des JorachriüÄ in Gemeinde und |chul?, ^Wngozq und |eben Lestekkuagea nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich iV-k Agr. No. 28. Herausgegeben von I. Kkingeaftein in Ingelheim. Inserate sind an Heinrich Fischer L Co. in Leipzig zu senden. Leipzig, den 14. Juli. 1874. Inhalt: Leitartikel: Was ist nun zu thun? (Fortsetzung.) — Zur Leichenverbrennungs-Frage. — Würdige Gestaltung des Gottesdienstes in kleineren Gemeinden. Correspondenzen: Breslau, Stuttgart, Köln. Rundschau: Münster, München, Lyck, Pest. Literarisches: Der Gottesdienst des Herzens. Israelitisches Gebetbuch. V ermischtes. Feuilleton: Baron Frank, der Kabbalist in Offenbach. (Schluß). Anzeigen. Mas ist nun zu tkun? (Fortsetzung.) Wenn wir durch die zu erwartenden neuen Gesetze Gefahren für Gemeindeleben und dadurch für das religiöse Leben der Gesammtheit befürchten, so dürfen wir die Hände nicht müsfig in den Schooß legen. Wir müssen möglichst Vorkehrungen treffen, um die Catastrophe im Voraus abzuschwächen. Was ist in dieser Richtung zu thun? Wir fangen mit dem an, was in der Consequenz der Principien liegt, die die Auflösung des gesetzlichen Bandes, welches bisher die Juden umschlossen, herbeiführten. Wir haben schon angedeutet: wir würden die zu erwartenden Maßregeln ganz correctfinden, wenn fie alle Religionsgefellschaften gleichmäßig träfen. Nun aber werden die christlichen Kirchen, so sehr sie unter den religiösen Anschauungen eines großen Theils unserer Zeitgenossen im Innern leiden, von dem Austritt einzelner ihrer Mitglieder in ihrem materiellen Bestände doch schon um deswillen nicht gefährdet, weil in Nochfällen Staat und Civilgemeinde für sie eintreten, »die Kosten des religiösen Unterrichts sowohl in den Volksschulen als in den höheren Lehranstalten und nöthigen Falls auch die Ausgaben für Cultuszwecke, für Vorbildung und Gehalt der Cultusbeamten übernehmen. Davon, von dieser Vergünstigung der ״anerkannten" christlichen Religionsgesellschaften, sind wir als Juden in vielen Ländern ausgeschlossen. Man hat den altkatholischen Bischof in Preußen dotirt — an die lOmal so zahlreichen Juden hat man nicht gedacht. (In Bayern, Baden und Württemberg, auch in einzelnen kleineren norddeutschen Ländern liegt die Sache in dieser Richtung anders.) Es ist daher jetzt erst recht unsere Aufgabe, mit allen gesetzlichen Mitteln für die Gleichstellung des Judenthums nach dieser Richtung hin einzutreten. Immer und überall, wo sich eine Gelegenheit bietet, müssen wir petitioniren, protestiren, unser Recht fordern und wahren. Freilich ist zu erfolgreicher Agitation die seitherige Organisation der! jüdischen Gesammtheit und Gemeinden nicht wohl geeignet, der bisher eingeschlagene Weg allzu schwerfällig. Vor Allem aber fehlt uns an der rechten Stelle ein — Kosch, ein Mann, der offen und entschieden als Jude einzutreten Willens ist, wo es Rechte der Juden zu wahren gilt. In politischer und socialer Beziehung ist der Kampf in den civilisirten Ländern für die Judenheit fast entschieden — das Judenthum aber hat seine Anerkennung als gleichberechtigte Religionsgesellschaft noch jetzt zu erkämpfen, zu erringen. Ist kein Dalberg-Kosch da? Lasker könnte der Mann sein — wenn er wollte. Er hat sich in der in Frage stehenden Resolution als Jude declarirt, spricht sogar in der Begründung dieser Resolution gewissermaßen von einer eigenen religiösen Ansicht und seine Lebensgeschichte weist nach, daß er aus der Geistesquelle des Judenthums vielfach geschöpft hat. Er hat nach der Ansicht der großen Majorität der deutschen Juden mit dieser Resolution und Rede dem Judenthum absolut ungemein viel geschadet — sollte er nicht ein wenig die Verpflichtung fühlen, in einfachen unbestreitbaren Nechtsftagen einmal Etwas für das Judenthum zu wirken; für dasselbe einzutreten, nachdem er gegen dasselbe genügend eingetreten ist? Er ist, d. h. er will doch jetzt einmal der Vertreter der Juden sein! --- Wir wollen glauben, daß es dazu nur einer schwachen Anregung bedürfte. Wenn es daher nächstens bei der Budgetberathung im preußischen Abgeordnetenhause heißt: für den katholischen und evangelischen Cultus eine Million und noch mehr — so wird Herr Lasker wohl sicher bei der Hand sein und schnell berechnet haben, wie viel dies für die Juden beträgt und wird verlangen für — die jüdische Hochschule, Religionslehrer an den Simultan-Seminarien, zur Unterstützung von Rabbinen und Gemeinden eine entsprechende Summe. — Und das Gerechtigkeitsgefühl des Abgeordneten- Hauses wird ihn nicht zurückweisen, obgleich — Lasker vor Kurzem behauptete: Meine Glaubensgenossen, die jüdischen Gemeinden verlangen keine Unterstützung vom Staate-. Wenn aber Herr Lasker sich dessen dennoch weigern sollte, nun denn: ״ רוח והצלה יעמוד ליהודים ממקום אחרDen Juden wird die Hilfe von anderwärts kommen" — aber Hr. Lasker kann dann das Recht, als Jude, als Vertreter der Juden im Abgeordnetenhause gelten zu wollen, nicht mehr beanspruchen; er wird mindestens den Ausspruch aus der Zeit seines Talmudstudiums sich gemerkt haben: לא טדובשך ולא ״ מעוקצךWir fühlen Deinen Honig nicht, behalte Deine Dornen! — Wir aber werden unsere Rechte nicht aufgeben; wir werden andere Wege und Vertreter finden; wir werden stets auf ver Wacht sein und schließlich — werden wir siegen.