Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 27 (7.7.1874)
- Date
- 1874-07-07
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fteulicher ist die Einführung des Gebetes für die durch mittelalterliche Vorurtheile noch leidenden Glaubensgenossen, wie für die edlen Bestrebungen der ״Alliance isr. universelle". Wir theilen dasselbe für Gemeinden, die es einzuführen blos der Anregung bedürfen, hier mit: ״Allgütiger! Der Du unsere Väter aus Egypten und uns aus dem Joche mittelalterlicher Vorurtheile und Bedrückungen befreit hast, der Du uns die Freude erleben ließest, in unserem theueren deutschen Vaterlande unsere Gleichberechtigung gesetzlich anerkannt zu sehen, nimm unseren tief empfundenen Dank für diese herrliche Wendung unseres Schicksals freundlich aus! — Gib, daß wir alle Zeit als treue Bürger Deutschlands, als echte Israeliten, als wahre, würdige Menschen uns bewähren, und laß ein gleich günstiges Schicksal auch bald unseren Glaubensbrüdern zu Theil werden, die noch unter dem Drucke barbarischer Gesetze schmachten! — Sende ihnen Schutz und Errettung! Segne, Herr! die edlen Bestrebungen der Alliance israelite universelle, welche dem Rechte und der Zukunft unserer Glaubensgenoffen wie des Judenthums ihre Kraft weiht! Gib ihren verdienstlichen Unternehmungen Heil und Gelingen und führe ihr zahlreiche Förderer zu! Mögen wir bald die Zeit erleben, in welcher alle Welt brüderlich vereint in den Ruf einstimmt: Ädonaj elohenu, Adonaj echad!" Fahren wir weiter in dem Berichte über die inneren Angelegenheiten fort, so wurde eine angemessenere Ordnung bei der Beerdigung angebahnt, und soll demnächst eine Zusammenstellung der hierbei zu sprechenden Gebete gedruckt erscheinen. — Grabreden sollen auf dem Friedhofe nur ausnahmsweise bei besonderen Verdiensten der Heimgegangenen gehalten werden, während in der Regel ein deutsches Gebet am Grabe gesprochen wird. Dagegen wird der Oberrabbiner auf Wunsch der Angehörigen im Trauerhause eine Ansprache halten. — Der ״Fremdenunterstützungsverein" wurde organisirt, und ist seinen Bemühungen die Abnahme der Hausbettelei zu verdanken. In den Vorstand desselben wurden noch vier Mitglieder gewählt, um die zeitraubende Thätigkeit der Spendenvertheilung zu überwältigen. Die Mitgliederzahl dieses Vereins wuchs von 161 auf 214, und die Beiträge stiegen von 392 auf 1772 Thlr. In der zweiten Hälfte des Jahres wurden über 400 Durchreisende mit Geldspenden von 1—10 Thlr. bedacht, sowie über 400 Portionen Essen an Sabbathen und Festtagen verabreicht. — Die Religionsschule hat seit Ostern in dem Hrn. M. Auerbach eine tüchtige Lehrkraft gewonnen. An derselben wirken außerdem Herr Oberrabbiner Dr. Landau und Herr Oberlehrer cand. M. Katz. Besucht wurde dieselbe von 90 Kindern, während wohl jetzt die Zahl derselben auf 110 gestiegen sein dürfte. — Nach Außen entfaltete der Vorstand seine Wirksamkeit dahin: die Thronbesteigung Sr. Maj. des Königs Albert gab ihm Veranlaffung, im Vereine mit dem Vorstande der Schwestergemeinde Leipzig, eine Adresse dem Könige zu überreichen, wobei Hr. vr. Landau die Ansprache hielt. — Am Jahrestage des 25jährigen Amtsjubiläums des Herrn Oberbürgermeisters richtete der Vorstand eine Adresse an denselben, die dem Verdienste desselben den israelitischen Mitbürgern gegenüber, Ausdruck gab. Der Jubilar äußerte sich dankend dahin, daß er durch die Bekanntschaft mit Juden eine so günstige Meinung von denselben bekommen, daß er sich ihrer auch auf dem Landtage angenommen habe, wie er denn gefunden habe, ״daß m Wohlthätigkeit und Gemeinsein (ein horrender lapsus calami für Gemeinsinn) die israelitischen Mitbürger sich Hervorthun." — Der Gemeinderath richtete an das Justizministerium das Gesuch um Beseitigung der rabbinischen Ehescheidungen, wurde jedoch abschlägig beschieden. (Eine Einladung des Justiz- Ministers zu einer solchen Ehescheidung dürfte denselben günstiger für die Zwecke des Gemeinderaths stimmen.) — Wenden wir uns schließlich den Stiftungen und Wohlthätigkeitsvereinen zu, so möchte man mit dem Weibe von Endor ausrufen: ״Ich sehe Göttliches von der Erde sich erheben!" Wo der Wohlthätigkeitssinn sich so prägnant in edlen Werken ausspricht; wo die, wenn auch verschiedenen Anschauungen zu gemeinsamer Thätigkeit auf dem Gebiete der Liebe und des Wohlwollens sich vereinen — da ist wahrhafte Religiosität und Bildung vorhanden, da hat die Religion ihren fruchtbarsten Boden, und da bewährt sich der ebenso schöne wie wahre Spruch des Talmuds: ״Die Nachkommen Abrahams sind decent und barmherzig." Zu den 42 bestehenden Stiftungen kam noch eine von Tausend Thalern hinzu, dem Andenken einer ftüh verstorbenen Frau errichtet, und ein Legat von 50 Thlr. Von Wohlthätigkeitsvereinen sind genannt: Die Krankenverpflegungs- Gesellschaft, die Beerdigungsbrüderschaft, das Krankenunterstützungs-Jnstitut, Isr. Frauenverein, der Mendelssohnverein, der isr. Fremdenunterstützungsverein, Gesellschaft der Freunde, Verein zur Aussteuer armer Bräute, Henriettenstift, Beerstiftung, Begräbnißcassenverein, Gevattercasse, Casse für verschämte Arme- Sämmtliche Vereine repräsentiren ein Capital von gegen 47,000 Thlr., und haben trotz mancher beträchtlicher Ausgabe einen Ueberschuß erzielt, mit Ausnahme der ״Casse für verschämte Arme", die mit einem Deficit abschließt. — So gewahrt man auf allen Gebieten des Gemeindelebens eine rege Wirksamkeit, die ebenso von der Opferbereitwilligkeit wie von dem religiösen Sinne der Gemeindemitglieder Zeugniß ablegt. Möge Gottes Segen auf Alle ruhen, die ihre geistige wie physische Kraft der Gemeinde und ihren Institutionen widmen und ihre Gunst denselben zuwenden! Möge dieser vorbildliche, echt jüdische, in ״Thaten" sich äußernde Geist der Liebe die Herzen der neuen Mitglieder erfüllen und sie zu edlem Wettstreite herausfordern! Katz. Hamburg, im Juli. Als eine Eigenthümlichkeit unserer Gemeinde kann wohl das in ihr herrschende Vereinswesen bezeichnet werden. Die wohlthätigen Vereine, die in den größeren Gemeinden gewöhnlich vorhanden, existiren natürlich auch hier; aber dazu kommt eine ganze Reihe solcher, die sehr speciellen Zwecken dienen, oder solche, die als eine Art von wohlthätigen Clubs nebenher einen humanen Zweck befördem. Wir haben hier einen Miethverein, einen Vorschußverein, einen Feuerungsverein, einen Kartoffelverein, einen Brot- und Suppenverein, einen Verein zur Speisung armer Durchreisender am Sabbath, einen Gevatterverein zur Bestreitung der Kosten bei der Feier der Beschneidung eines Knaben, einen Verein für Einjährig - Freiwillige, der arme junge Leute während ihres Dienstjahres subventionirt, einen Verein für Bekleidung armer Greise rc. Alle diese Vereine bestehen, indem die einzelnen Mitglieder meist nur den geringen Beitrag von 1 Mark vierteljährlich, d. h. 12 Sgr. leisten; doch gehört hier fast wohl jeder Mann und jede Frau einer Anzahl von Vereinen an, selbst solche, die in manchen Fällen einer Hilfe bedürftig sind. Es wird auf diese Weise vieler Noth gesteuert, indem durch die vielen in einem kleineren Kreise wirkenden Kräfte die Hilfe zur rechten Zeit an: rechten Orte gebracht wird. In diesen Bestrebungen reichen sich natürlich die religiösen Parteien ftiedlich die'Hände; aber auch sonst gehen die beiden Verbände, durch welche der Cultus der Gemeinde ver-