Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 27 (7.7.1874)
- Date
- 1874-07-07
- Page
- Seite 210 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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210 fürchten, die die verantworten mögen, die den Chillul haschem, die Entweihung des göttlichen Namens, heraufbeschwören. Was kann das aber nützen, wenn wir beklagen, was unausbleiblich kommen wird? Dürfen wir Bange haben um den Bestand des Judenthums, der nothwendigen Gemeindeinstitutionen? Eine solche Vertrauenslosigkeit wäre nach unserer religiösen Anschauung völlig unwürdig und würde eine schwachstehende religiöse Ueberzeugung beurkunden. Als im Anfänge dieses Jahrhunderts in den nordischen großen Gemeinden viele Tausende von Juden abfielen — in Berlin fast ein Drittel der Gemeinde oder vielleicht auch mehr und zwar durchweg die Reichen und mitunter auch die mindestens dem Scheine nach Gebildetsten — konnte das diese jüdischen Gemeinden in ihrer großartigen Entwickelung stören? Wir haben sie beklagt, diese Abgcsallenen, wir haben es beklagt, daß so mancher edle jüdische Name zu einem nicht mehr jüdischen wurde, daß die Kinder die Gräber ihrer Eltern weideten-— aber sie schieden sich ab durch einen raschen Schnitt; es blutete wohl — aber die Wunde war bald geheilt nnd vernarbt. Ein Schaden an: Lebensbaume des JudenthuÄs war nicht zu verspüren. In Hamburg ist seit 1864 die Zugehörigkeit zur Gemeinde und zu den Cultusverbänden nicht mehr obligatorisch und Jeder kann aus der Gemeinde treten, wie und wann er will, ohne aus dem Judenthum austreten zu müssen — die Hamburger sind jetzt fast sammt und sonders mit den einschlägigen Bestimmungen zufrieden; der Verlust für die Gemeinde ist durchaus unbedeutend. Das lebenskräftige, uns durch Berufung der bedeutendsten Lehrkräfte überflügelnde amerikanische Judenthum steht auf vollständiger freier Selbstbestimmung eines Jeden—warum sollten gerade wir bangen? Aber geschehen muß Etwas, um der Gefahr des Zerfalls zu begegnen. Und was, das wollen wir in unserer nächsten Nummer andeuten. _ (Fortsetzung folgt) Corrcsponäettz. Leipzig, im Juni. Der ״Bericht an die Mitglieder der israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig über das Verwaltungsjahr 1873" liegt uns schon seit einigen Wochen vor. Wir kommen heute unserer Verpflichtung nach, denselben in gebührender Weise zu berücksichtigen. Der stetige Fortgang, den die Entwickelung unserer vorzüglich organisirten Religionsgemeinde nimmt, muß zu der Ueberzeugung nöthigen, daß, wenn an der Spitze eines Gemeindewesens die richtigen Männer stehen, alles Gute gelingt und zum Segen für die Gesammtheit wirkt. Es kann die auswärtigen Leser Ihrer geschätzten Zeitung nicht interessiren, welche Fortschritte im Einzelnen gemacht wurden, was alles Ersprießliches geleistet worden; aber es müßte anregend für viele andere Gemeinwesen wirken, wenn sie von der energischen Thätigkeit unserer Verwaltung! — Allen voran der Vorstand Moritz Kohner, Präsident des! Gemeindebunds — Kenntniß erhielten. — Die Zahl der Ge-! meindemitglieder beträgt jetzt 286; — die Einnahmen int j Ganzen Thlr. 10,374. 4. 3. An Wohlthätigkeitsvereinen und > Stiftungen besitzt die Gemeinde: Die Wohlthätigkeitscasse der! Gesellschaft der Freunde (95 Mitglieder, 458 Thlr. 25 Ngr. Einnahme, 451 Thlr. Ausgabe, 3988 Thlr. 9 Ngr. Vermögen); der Frauenverein (135 Mitglieder, 472 Thlr. 8 Ngr. Einnahme, 446 Thlr. 7 Ngr. 5 Pf. Ausgabe, 4950 Thlr. Vermögen); Mendelssohns-Stiftung, welche Stipendien an Studirende und einmalige Unterstützung an hilfsbedürftige Gelehrte, Künstler, Handel- und Gewerbetreibende ohne Unterschied der Confession gibt und seit 1861 besteht (189 Mitglieder, 740 Thlr. 10 Ngr. Einnahme, 766 Thlr. Ausgabe, 4462 Thlr. 26 Ngr. 2 Pf. Vermögen); Beerdigungsgesellschüft; Armen- und Krankencasse; Beamtenpensionsfond und Armenunterstützungsverein (Wanderarmencafse), auf die wir zurückkommen; schließlich die neu zu Ehren des in diesem Jahre verstorbenen Prof. vr. Julius Fürst gegründete Fürst- Stiftung. Auch ein Zweigcomite der Alliance isr. universelle hat eben seine Thätigkeit begonnen. Ueber den (Wander-) Armenunterstützungsvsrein liegt ein besonderer Bericht bei. Derselbe enthält viel Belehrendes; es sind die alten Erfahrungen, die überall gemacht werden, vor denen wir nur durch die energischste Thätigkeit solcher Vereine wohl nach unö nach geschützt werden. Betrügereien, Prellereien finden auch dann noch statt, wenn die Organisation eine fürsorgliche ist. Aber sie werden sich mindern. Die Gesammtzahl der unterstützten Personen belief sich im Jahre 1873 auf 712; der Unterstützungsbetrag auf 891 Thlr. 17 Ngr. 9 Pf. Dresden. Der von der israelitischen Gemeinde herausgegebene ״Verwaltungsbericht und Jahresrechnung auf das Jahr 1873" liegt uns gegenwärtig vor und enthält, in leichter Ueberfichtlichkeit zusammengestellt: 1) Statistisches, 2) Gemeindeangelegenheiten, 3) Personalien, 4) Wirksamkeit nach Außen, 5) Stiftungen und 6) Wohlthätige Vereine. Versuchen wir das, was ein weiteres als locales Interesse hat, hier zu skizziren, so gestalten sich die statistischen Verhältnisse der Gemeinde sehr günstig, indem die Zahl der Geborenen die der Verstorbenen um 30 überstiegen hat, sowie die der Gemeindemitglieder durch einen Zuwachs von 52 Mitgliedern von 224 auf 276 gestiegen ist. — Hinsichtlich der inneren Gemeindeangelegenheiten faßte der Gemeinderath folgende Beschlüsse: Der bisher übliche Umgang mit den Büchsen wohlthätiger Veretne bei feierlichen Gelegenheiten wird auf die Fälle beschränkt, in denen es die Festgeber wünschen. — Der Umgang mit Büchsen während des Gottesdienstes wird als störend gänzlich aufgehoben. — Die Versteigerung der Mizwoth hört auf, und es tritt ein bestimmter Preis dafür ein. — Hinsichtlich des Gottesdienstes blieb es beim Alten, und die zahmen Veränderungen, die er erlitten hat, sind nicht dazu angethan, ihm das Gepräge der Würde Andersgläubigen gegenüber, und das der Wahrheit und inneren Erhebung dem Juden gegenüber zu geben. So wurde im Schlußgebet zu Maphtir ״al Kissau" entthront, und die Stelle: ״chaddesch jomenu kekedem" in: ״chaddesch jomenu letauwo" emendirt.— Dis ״Al chattoim" erfteuen sich des besten Wohlseins und Interesses, nur sollen sie nicht mehr gesungen (wie löblich einzelnen Sündenanklagen gegenüber, deren mögliche Voraussetzung jeden sittlichen Menschen empören müssen!), sondern ״einfach recitirt" werden". — Dieses stichhaltlose Flickwerk, dieses Halbe und Charakterlose, diese Nivellirungskunst und dieser Pact, den die lichte Wahrheit mit der finsteren Lüge eingeht— er ruft in uns stets einen nicht zu überwindenden Widerwillen hervor, zumal die Jnconsequenz, die cingeborne Tochter der Unwahrheit, sich wie von selbst dazu gesellt. Was nützen solche Streichungen wie ״Al kissau" dem stehengelassenen ״bimhero jowau wejogel libbenu" gegenüber? Faßt man diese Stelle nicht im orthodoxen Sinne auf, nach welchem ein persönlicher, in directer Linie von David abstammender Messias zu erwarten ist, so ist sie entweder ganz zu streichen, oder man läßt sie ganz stehen und faßt sie symbolisch auf, indem sie sich auf die einstige allgemeine Anerkennung und Verbreitung der israelitischen Religion in Ansehung ihres Gottes- und Sittlichkeitsbegriffes recht gut verstehen und anwenden läßt. — So unerquicklich diese Erscheinung ist, um so er-