Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 27 (7.7.1874)
- Date
- 1874-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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ז» Jüdische Volkszcitimg ^|ochcnschri(l füt! ^remiäq äe# Fortschritt# in ^emeinäe unä ^chul^ Synagoge um! Lcfttlluagen . nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis vierteljährlich!1ל/* Sgr. Herausgegeben von I. Kkingeastein in Ingelheim. Inserate sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis -er 3 grsp. Zeile 2 Lgr. No. 27. Leipzig, den 7. Äuli. 1874. f Inhalt: Was ist nun zu thun? — Correspondenzen: Leipzig. Dresden, Hamburg, Gedern, Aus dem Aargau. — Rundschau: Breslau, Wreschen, Aus Bayern, Worms, Paris, Constantinopel. — Unterrichts- und Erziehungswesen: Blindeninstitut auf der Hohen Warte bei Wien, Statistisches aus Posen. — Einnähme der Achawa im Mai 1874. — Anzeigen. Mas ist nun zu tstua? Die Ereignisse nehmen ihren natürlichen Verlauf. Nachdem Lasker seine vorjährige Resolution wiederholt und trotz aller gegentheiligen Einflüsse aufrecht erhalten hat, ist die Frage wegen der gesetzlichen Beitragspflicht zur jüdischen Gemeinde so gut wie entschieden. Das Haus der Abgeordneten, die Regierung, der Abgeordnete jüdischen-oder christlich-germa- Nischen Stammes (Lasker und Miquel), und der getaufteRegierungscommissär von jüdischer Herkunft gehen in rührender Eintracht in dieser Frage zusammen und selbst das Centrum hat nichts dagegen einzuwenden, daß mit der jüdischen Religion ein Experiment versucht werde, mit dessen principiellerDurchführung für alle Confessionen wir uns vollständigst einverstanden erklären müßten. Auf die Juden allein angewendet bleibt es allerdings ein gefahrvolles Experiment und — wir brauchen nicht zu sagen, daß man dann die jüdischen Stimmen hätte hören, sie zählen und wägen müssen, ob sie sich auch zu einem solchen Experimente willig hergeben, bevor man sich entschieden hätte. Ja, wenn das Alles wäre! Wir gehören persönlich zu denjenigen, welche principiell den Standpunkt der völligen Freiheit in religiösen Dingen für correkt halten und welche nicht bangen für die jüdischen Gemeinden und Institutionen, wenn sie ganz auf sich gestellt, das Selbstbestimmungsrecht sich erhalten und wahren. Wir würden vielleicht zu einer anderen Zeit in gleicher Alternative wie Lasker nicht wesentlich anders gestimmt haben, wenn es sich um alle Confessionen, um die Trennung der Kirche vom Staate gehandelt hätte, obwohl wir mit dem Manne und seinem Thun als Jude sonst nicht immer harmoniren, seinen Standpunkt öfters höchlichst bedauern müssen. Man hat in Frankfurt s. Z. in Bezug auf ihn von Größenmanie gesprechen, und es ist viel Wahres an dieser Behauptung. Er hat es bewiesen in seinen, eines ruhigen, denkenden Mannes unwürdigen Reden gegen die Socialdemokraten, wenn er auch in der Sache Recht hatte, er durfte diesen ״Gestalten" nicht nachahmen. Er hat es bewiesen gegen den deutschenVolksschullehrerstand, den er sammt und sonders, in allen seinen Gliedern, —in einer Rede im Handwerkerverein zu Berlin — destructiver Tendenzen und der Hinneigung zur Socialdemokratie beschuldigte. Aber was hilft es, wenn wir selbst gegen seine Argumentationen in unseren jüdischen Zeitschriften opponiren? Ein anderes ist es, mit denjenigen zu rechten, welche diesen Sturm heraufbeschworen haben und welche jetzt, zu einer Zeit, wo die Kirchen sich noch des vollen Schutzes und der Unterstützung des Staates erfreuen, mit heuchlerischem Fanatismus sich auf an sich wahre und wichtige Grundsätze der Gewissensfreiheit stützen, welchen sie zu jeder Zeit und in jeder Weise, gegen den Einzelnen, wie gegen die Gesammtheit, zuwider handeln. Haben diese Herren wohl bedacht, was sie thun? Welche Fluth von traurigen Folgen für das ganze derzeitige Judenthum sie möglicherweise heraufbeschwören? Ob sie nach den ewigwahren und 'heiligen Grundsätzen des Judenthums handelten? Stellen wir uns Sätze wie ((ישראל גוי אחד ״Israel ist ein einheitliches Volk": und (כל ישראל ערבים וה בוה) " Ganz Israel ist der Eine für den Andern Bürge" d. h. mitverantwortlich, und ״Jeder, der nicht (כופר בעיקר) die Hauptgrundlehre von der Einheit Gottes leugnet, ist Jude" vor Augen! Wie können Männer von religiösem Gefühl, die sich orthodox nennen, es wagen, darauf mit Aufwendung aller Kraft hinzuwirken, daß die Judenheit in ״Confessionen" sich auflöse, die Einheit des Bekenntnisses nach Außen gestört, die heiligen und wohlthätigen Institutionen der Gemeinden in ihrem Bestände gefährdet werden? Was werden die Folgen der Schritte sein, welche die Orthodoxen in wühlerischem Fanatismus unternommen? Von den jüdischen Religionsgemeinden werden sich nach Rechts und Links einige Tausend, Fanatiker und Indifferente, loslösen. Wer hat Euch von der Solidarität für die nach Links sich Ablösenden freisprechen können? So lange diese Menschen Beiträge zu den jüdischen Gemeinden zu leisten verpflichtet waren, betrachteten sie sich als Juden und es war anzunehmen, daß sie vorkommenden Falles auch als Juden gehandelt hätten. Heute liegt die Sache anders. Sie zahlen nicht mehr; sie trennen sich los vom Gemeindeverbände nach Rechten und Pflichten und nach einer kurzen Frist verlieren sie allen und jeden Zusammenhang mit der Judenheit und dem Judenthume; sie vergessen, von woher sie stammen. So bröckeln sich viele Tausende los — — — —. Wenn in naturgemäßer Weise durch die Entwickelung der Zeit die Trennung der Kirche vom Staate ausgesprochen worden wäre; gut — wir hätten uns dem Principe unterordnen müssen und vielleicht mit völliger Befriedigung untergeordnet, weil ein ewiger Hader, wie er jetzt zu erwarten steht, durchaus unmöglich gewesen wäre. Die gleichartig Strebenden hätten sich aus freier Selbstbestimmung zusammengefunden und constituirt — und Niemand würde es ihnen verübelt haben. Aber so, wie die Sachen heute liegen, ist unaufhörlicher Hader und eine Fluth von zerstörenden Processen zu