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Jüdische Volkszeitung · 1874-06-30 · 26 (30.6.1874) · p. Seite 205

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
26 (30.6.1874)
Date
1874-06-30
Page
Seite 205 (sequence 5)
Language
German
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So sehen wir wieberum eine feinbliche Schranke zwischen Juben unb Christen geschwunben, ein Ereigniß, bas wir, wenn es auch Manchem nicht von so besonberer Wichtigkeit, weil minber in bas Leben eingreifenb, erscheinen mag, mit großer Freube zu begrüßen berechtigt sind; es ist so nicht blos bie eigentliche, b. h. praktische juristische Carriöre wenigstens an unserer Universität dem Juben nicht mehr verschlossen, sondern auch die theoretische, hoffentlich nach allen Richtungen in, eröffnet. Aber abgesehen von dieser direeten Folge, die sich aus er obigen Bestimmung ergibt, hat diese ja eine sehr hohe ,rincipielle Bedeutung. Denn wir haben wohl Grund zu der Hoffnung, daß in ähnlicher Weise so manche andere Schranke fallen wird, die vorläufig noch dem Juden auf dem einen der anderen Wege entgegentreten, ich meine unter Hinweisung aus die von unserem Cultusminister an jener Stelle bedeuteten allgemeinen Bestimmungen über die Durchführung eonfessioneller Parität. < Es freut mich, hieran die Anführung eines anderen officiellen, aus dem Auslande herrührenden Beschlusses reihen zu können, der uns ebenfalls darzuthun geeignet ist, wie viel den Regierungen daran gelegen ist, auch unter uns Juden, unter unseren Beamten wenigstens, moderne Bildung vertreten zu sehen. Es stammt diese Bestimmung aus demselben Lande, aus derselben Stadt, in der vor noch nicht langer Zeit einer der dort, wenigstens in der katholischen Bevölkerung, angesehensten Männer verbiffen in einer gewissen judenhetzerischen Absicht auf die argen Folgen hinwies, die sich unter den Juden geltend machen würben, wenn man auch ihre Kirchen, ihre Geistlichen der Autorität der sog. Kirchengesetze unterordnen wollte; sagen wir beispielsweise aus der Bestimmung, dem Staate stehe ein Recht zu, darauf zu sehen, daß die in seinem Gebiete amtirenden Theologen einen gewiffen Grab von Bildung sich aneignen. Nein, bester Herr Cardinal, Sie täuschen sich ganz gewaltig; im Gegentheil, wir würden es — vielleicht abgesehen von einer verschwindend geringen Zahl unserer Hyperorthodoxen — als einen Fortschritt in unserer ^confessionellen Stellung betrachten; wofern fteilich nicht eine . gänzliche Nichtbeachtung der kirchlichen Verhältnisse von Seiten des Staates, um einen zeitgemäßen Ausdruck zu gebrauchen, . eine totale Trennung des Staates von der Kirche für geeigneter zu betrachten ist; wir würden aus der Ausdehnung einer solchen Bestimmung auf die jüdischen Theologen erkennen, daß es dem Staate nicht gleichgültig ist, ob die Vertreter unserer religiösen Angelegenheiten, unsere Seelsorger gebildete Männer sind oder nicht. — Als Zeichen also dafür, daß der Jndifferentismus der Regierungen gegen diese Verhältnisse im Schwinden begriffen ist, können wir die jüngst aus dem öfterreichischen Ministerium hervorgegangene Bestimmung betrachten, die darauf hinausgeht, zu bewilligen, daß das Zugeständniß, welches den an dem Breslauer jüdisch-theologischen Seminar studirenden Inländern rücksichtlich der Enthebung von der Präsenz-Dienstpflicht gewährt worden ist, auch den an der Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums zu Berlin ihre Ausbildung erlangenden Inländern zu Theil werde, und zwar unter den für Jene festgesetzten Modalitäten und der Beschränkung der Dauer des Zugeständnisses bis zur Errichtung einer jüdisch-theologischen Lehranstalt innerhalb Cisleithaniens. Wir sehen, diese Concession hat den Zweck, denjenigen Juden der österreichischen Monarchie, welche die Absicht haben, sich der jüdischen Theologie zu widmen, den Besuch einer dazu geeigneten Anstalt zu erleichtern, einer Anstalt, an der die eigentlich jüdisch-theologische Wissenschaft in einer Weise gelehrt wird, wie sie unserer modernen Zeit gehörig entspricht. Wiener. Worms, im Juni. Es giebt Fragen, die in der ״Luft der Zeit" liegen. Sind solche einmal angeregt, so tauchen sie an allen Orten auf. Eine solche Frage ist jetzt die Begräbniß- und Friedhofsftage. Auch dem ehrwürdigen hiesigen Friedhofe droht Gefahr, wenn auch vorläuflg nur die der gewaltsamen Schließung. Die Bedeutung des hiesigen Fried- Hofs wird es begreiflich machen, wenn wir die Verhandlungen im Gemeinderathe, welche um deswillen stattgefunden haben, hier mittheilen: Das Referat über die Frage, ob der israelitische Friedhof zu schließen sei, hatte Hr. Bürgermeister Brück übernommen, welcher den Antrag befürwortete unb dahin präcisirte, baß der israelitischen Religionsgemeinde ein Theil des neuangekauften zum Friedhofe bestimmten Landes nach Verhältniß der Bevölkerungsziffer überwiesen werde. Referent betont besonders die sanitätspolizeiliche Seite der Sache. Gegen diesen Antrag wandte sich Hr. Edinger.*) Er könnte sich über den gestellten Antrag fteuen und die Annahme desselben schon um deßwillen wünschen, weil dadurch, baß alle Confessionen bann künftig an einem Platze ruhten, der confessionelle Frieden gefördert werbe, wenn nicht auch wichtige Gründe dagegen sprächen. Die von dem Referenten berührten *) Jude, bekannter Landtagsabgeordneter.

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