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Jüdische Volkszeitung · 1874-06-30 · 26 (30.6.1874) · p. Seite 203

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
26 (30.6.1874)
Date
1874-06-30
Page
Seite 203 (sequence 3)
Language
German
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j klärung des Widerstandes, den er findet. Wir zweifeln desf halb keinen Augenblick an desien Anerkennung und praktische | Ausführung da, wo die Verhältnisse es gebieterisch verlangen, zumal der Egoismus, die geliebte, eigene Person des den! Todten Ueberlebenden, hier ins Spiel gezogen und darüber 1 das letzte, entscheidende Wort zu sprechen haben wird. . Dresden, im Juni 1874. Manus Katz. Grütz — Jerusalem Die Zusammenstellung von Grätz*) und Jerusalem erinnert daran, daß wir Juden auch heute noch unsere Wunder von Lourdes und unsere Peterspfennige haben, wie die Ka- \ tholiken. Der Rabbiner von Grätz ist ein Wunder-Rabbi ge-! worden. Es ist dies für die Chassidim Polens nichts Auf- [ fälliges. Aber daß in Deutschland noch Boden für den Glauben an Geister- und Todtenbeschwörung, Teufels- und Hexenauss treibung rc. vorhanden ist, muß wohl auffällig sein. Zwar liegt Grätz an der polnischen Grenze, und der hauptsächlichste ' Zuzug von Gläubigen kommt für den Grätzer Rabbi aus Polen: aber der Bildungsboden der Provinz Posen, wozu Grätz gehört, ist doch deutsch. Auf deutschem Boden wird - solcher Unfug geduldet und findet keine Abwehr, keine Unter- , drückung. Die Gemeinde Grätz ist mit verantwortlich für ein £ solches Treiben eines Rabbiners, den sie an ihrer Spitze hat. I Wir Alle erkennen daran, wessen wir uns zu versehen haben, f! da wir unsere Lehrer und Rabbiner hauptsächlich aus dortiger! Gegend recrutiren. Wenn solche Wunder noch geglaubt, oder t auch nur geduldet werden, unterscheiden wir uns nicht von f dem ultramontanen Aberglauben, der in ähnlicher Weise Kranke gesund und Lahme gehend macht. Solcher Aberglaube herrscht 5 nicht blos im Osten Deutschlands, auch die Orthodoxie des Westens (der Mainzer ״Israelit") nimmt den Rabbi und sein Wirken in Schutz. Wie lange wird es dauern bei der herrschenden Ignoranz und dem um sich greifenden Jndifferentismus auf der einen, mit der kämpfenden Orthodoxie auf der anderen Seite, daß die wunderthätigen Rabbis vulgo Baale Schern ihr Lager auch unter uns wieder aufschlagen? In Jerusalem ist Hungersnoth ausgebrochen. Wem bricht nicht das Herz bei dem Gedanken an Hunger leidende Brüder? Tausende Geldes gehen wieder dahin, um zu helfen; aber fie helfen doch nicht. Die Gaben haben nicht aufgehört,! die Kalamitäten der Hungersnoth aber auch nicht. Zuerst!nahm uns die Hungersnoth der westrussischen Juden in Anspruch, dann die der perfischen und jetzt wieder — wer weiß zum wievielten Male? — die der Juden Jerusalems. Die *) Die Stadt Grätz, die Stadt der Wunder! nicht der — Geschichtsschreiber, was Manche bei obiger Zusammenstellung wohl ׳ voraussetzen könnten. Fragen find doch berechtigt: Ist nur in Jerusalem Hungersnoth, nicht auch für die ganze Umgegend, ganz Palästina und die angrenzenden Länder? Warum wird nur über die Hungersnoth der Juden geklagt und nur für diese gesammelt, wie jetzt für diejenigen Jerusalems, so vordem für die Westrußlands und Persiens? Warum ist und war ein solches Bedürfniß nicht auch für die christlichen und übrigen Bewohner jener Länder vorhanden? Daß die Christen in solchen Fällen ebenfalls zu helfen bereit find, zeigt die Theilnahme, welche augenblicklich die Hungersnoth Indiens in England findet. Die Antwort liegt darin, weil die Juden in jenen Ländern unter politischem und gesellschaftlichem Drucke in Armuth und Unthätigkeit massenhaft zusammen wohnen. Für Jerusalem kommt dazu, daß faulenzende Juden, die Pietät und Wohlthätigkeit ihrer Brüder mißbrauchend, zum Almosen-Empfang sich dorthin drängen. Denn wie die Peterspfennige der Katholiken nach Rom, so wandern die frommen Gaben der Juden vorzüglich und immerfort nach Jerusalem. Man gibt, um zu geben, ohne Rücksicht auf den Zweck, ohne Bewußtsein von der Zweckmäßigkeit der Verwendung. Dies zieht die Armen dorthin, welche keine größere Würdigkeit und Berechtigung zum Almosen-Empfang dadurch erlangen, daß sie in Jerusalem wohnen. Die Stadt wird so zum Danaidenfaß, welches nie gefüllt werden kann. Die Sammlungen für Jerusalem schädigen ohne Zweifel den jüdischen Wohlthätigkeitssinn. So wird es hier bedauert, daß ein Unberufener fich zur Sammlung für Jerusalem aufgeworfen und meistentheils die mildthätigen Herzen nicht prüfender Frauen in Anspruch genommen hat. Man gibt hier gern, aber nur an Würdige. So hat auch im Einverständnisse des hiesigen Armenvereins die Polizei neuerdings den Grundsatz befolgt, polnische Bettler, welche gewerbsmäßig das Land durchziehen, als geschäfts- und arbeitslose Landstreicher einzuziehen und über die Reichsgrenze zu transportiren. Von Polen melden die Zeitungen, daß man auch dort jetzt gegen die unthätige und lungernde Armuth abhelfende Maßregeln ergreift. Solche Grundsätze sollten auch anderswo Nachahmung finden. Alzey. Dr. R. Corresponüenz. Kur Gberschkesten. Der in der jüngsten Nummer Ihrer geschätzten Zeitung von Ihrem Breslauer Correspondenten der jüdischen Bevölkerung Breslaus gemachte Vorwurf, sie betheilige sich zu wenig an der Unterstützung der ״Jüdischen Volkszeitung", könnte wohl mit Recht aus ganz Oberfchlefien, ja auf das gesammte Schlesien überhaupt ausgedehnt werden. Vielleicht liegt die Schuld — Sie nehmen mir, geehrter Herr Redacteur, das nicht übel — auch ein wenig an der Redaction

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