Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 26 (30.6.1874)
- Date
- 1874-06-30
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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1? > f — 202 י— si r; t; Todten auf das Zarteste gewahrt werde. Die Ausführung dieses ebenso praktischen wie sittlichen Gedankens scheiterte bisher an der sonderbaren Vorliebe der Menschen, sich lieber begraben, langsam verfaulen, von Würmern und Maden zerfressen, als sich verbrennen zu lassen, wenn sie auch dadurch eine Gefahr für Tausende werden. Wollen wir nun die Stellung der jüdischen Religion dieser Zeitfrage gegenüber charakterisiren, so müsien wir vor allen Dingen constatiren, daß der gesunde, auf das Leben gerichtete mosaische Geist, soweit er nicht von Priestern und Consorten entstellt worden ist, dem Tode gar keine Bedeutung beilegt, daß er hiernach als ein natürliches Factum, als ein Wille der Gottheit, der gegenüber die menschliche Vernunft demuthsvoll schweigen soll, hingestellt erscheint. Ewiger Kampf mit dem Gemeinen und Häßlichen; mit der das Ebenbild der Gottheit im Menschen entstellenden Lüge; Durchdringung des ganzen Menscheu von der Idee des SittlichMeligiösen; Begeisterung für alles Wahre, Gute und Schöne, kurz — Heiligung, das ist's, was die jüdische Religion vom Menschen verlangt und sich wie ein rother Faden durch ihre Documente zieht, und diese bedarf zu ihrer Verwirklichung des Lebens, nicht des Todes. ״Ihr seid Kinder des Ewigen, eures Gottes!" ruft Moses den! gottgläubigen Menschen zu, und im Vertrauen auf Gott verliert der Tod nicht nur jedwede Bedeutung, sondern auch seine schreckliche Gestalt, seine kalten Schauer. Und als hätte er den schlimmen Einfluß der Priester, dieser Schmarotzerpflanze an: blühenden Baume der Erkenntniß, des häuslichen wie staatlichen Lebens, prophetisch geahnt, schloß er dieselben auf das Bestimmteste von jedem Leichenbegängniß aus, damit sie, denen keine Hölle zur Seite stand, in solchen Augenblicken, wo das Gemüth aufgeregt und empfänglich für ihre Spukgeschichten ist, ihren verderblichen Einfluß, ihre Thränen wie ihre Lobreden nicht zur Geltung bringen können. Die Erfüllung der letzten Pflichten gegen einen Todten kam daher den nächsten Verwandten und Freunden desselben zu, die ihn in einfacher, rührender Weise am Fuße eines Berges, in einer Höhle oder Grotte, in einem Acker oder auf schattigem Hügel zur Ruhe bestatteten. Bei fürstlichen Begräbnissen pflegten wohlriechende Stoffe verbrannt zu werden. Später wurde die Anordnung getroffen, daß der Boden des Sarges geöffnet bleibe, damit die Vereinigung des Leichnams mit der Erde desto rascher vor sich gehe. — So weit man auch in der jüdischen Geschichte zurückgehen mag, von der Gegenwart bis zur Genesis, gewahrt man allerdings als feststehende Sitte das Begraben. Jedoch da, wo die Umstände es erheischten, von der allgemeinen Sitte abzuweichen, da war man im Alterthume nicht so scrupulöser Natur wie heute, und — man verbrannte die Leichen. Die Jabefiten, die ihren von der Nachwelt unverdient vielfach geschmähten Wohlthäter noch im Tode zu ehren suchten, raubten den Philistern den Leichnam Sauls, brachten ihn nach ihrer Heimath, und weil die Umstände es verlangten — verbrannten sie ihn. (1. S. 31, 10. 12.) Der Prophet Amos, ein Mann von ländlicher Einfalt und Frömmigkeit, dabei aber fähig der edelsten Begeisterung für alles Gute und Nützliche, auch wenn es neu war, er hat nichts dagegen einzuwenden, wenn in der Zeit der Pest die Todten — verbrannt werden. (6, 10.) — Sieht man nun auch davon ab, daß die jüdische Religion dem Tode jedwede Bedeutung abspricht; gibt man auch ferner zu, daß das Begraben die feststehende, im Laufe der Zeit einen religiösen Charakter angenommene Sitte war; ja will man dem Verlangen der modernen Welt und ihrem von einer höheren Cultur getragenen Bewußtsein nur insofern Rechnung tragen, als es, nach dem analogen Verfahren des Mittelalters, seine Begründung oder doch wenigstens seine, wenn auch nur oft geträumte Stütze im Bibelworte findet — so können und müsien diese beiden Fälle von Leichenverbrennung dem aufrichtigen Forscher und Theologen genügen, um darauf gestützt den Nachweis zu liefern, daß da, wo die Leichenverbrennung eine unabweisbare Nothwendigkeit geworden, die jüdische Religion nicht nur Nichts dagegen einzuwenden hat, sondern sie geradezu empfiehlt. Wie kann es auch anders sein, wenn man den Geist einer Religion zu erfassen im Stande ist, die den Grundsatz aufstellt: ״Nichts in der Welt, kein noch so heiliges Gebot findet Beachtung vor der Errettung eines Menschenlebens?" Hier nun gar, wo es sich um das Wohl von Tausenden handelt, da sollte das Judenthum ״das Princip haben, demzufolge das Begraben der Todten in allen Fällen Statt haben muß?" Haben nicht die alten Rabbinen in Beziehung der Veterinärkunde, da wo ihre Kenntniß eine Grenze hatte, das Urtheil des sachverständigen Veterinärarztes eingeholt (״נשאלה את פי הרופאים") und nach demselben ihre Entscheidung getroffen, und heute sollte in dem nur zu oft gemißbrauchten Namen der Religion, von modernen, ängstlichen Naturen die mahnende Stimme der Wissenschaft keiner Beachtung gewürdigt werden dürfen, weil sie sich mit einer doch nur den Charakter einer Sitte tragenden Einrichtung im Widerspruche befindet? — Auch wir gehören nicht zu denjenigen, die fich den ״schwankenden Tagesansichten, Moden und Gebräuchen so leichthin accommodiren", aber deshalb das, was die Wiffenschaft durch die untrügliche Erfahrung festgestellt und zum Wohle der Menschen empfohlen hat, nicht anerkennen wollen, weil es gegen einen, wenn auch von der Zeit geheiligten Gebrauch verstößt — das sind wir nicht im Stande, so gern wir auch sonst unser ganzes Wesen dem Einflüsse der Religion hingeben. Der Gedanke der Leichenverbrennung ist neu, wenigstens für unsere Zeit, und darin liegt die ganze Erimme* ri.4 .HÄMWLAHMMMtd»»