Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 24 (16.6.1874)
- Date
- 1874-06-16
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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187 Stätten Ehre machen; würdige Nachkommen der Väter, die dort arbeiteten, lehrten, kämpften, siegten und — fielen? Wir fragen Euch, Ihr Sammler für Jerusalem, wie wir immer fragen, ehrlich und aufrichtig: Die Hand aufs Herz! Seid Ihr überzeugt, daß, von allen Anderen abgesehen, der zehnte Theil dieser Menschen, für die zu sammeln Ihr als besonders verdienstlich hinstellt, die nach dem Ausspruche des verstorbenen Dr. Auerbach von Halberstadt — de mortuis nil nisi bene — vor den Armen desHeimathlandes berückfichtigt zu werden verdienen; — daß auch nur der zehnte Theil, sagen wir, sich wirklich und unter allen Umständen einzig und allein aus wahrer Frömmigkeit, aus unbesiegbarer und unbestreitbarer, pietätvoller Anhänglichkeit zu jenen Stätten dort aufhält, und zwar gerade um deswillen — weil es die heiligen Stätten sind, denen sie die Erinnerungen weihen, die wir deutsche Apikorsim damit verbinden? — Nein, es sind zumeist Ausgewanderte aus Polen oder Ungarn, über- Haupt Menschen aus jenen südlichen und östlichen Gegenden, deren jüdische Bevölkerung noch unter dem Alp verrotteter Zustände seufzt, wo sich nur Ungläubige und Ueberfromme befinden, für die der Bettel ein lucratives, anständiges Geschäst ist, die nie zn arbeiten oder sich einem würdigen Berufe hinzugeben gelernt haben! Sie ״lernen", — wenn sie dies im besten Falle thun; d. h. sie brüten über hebräischen Folianten in träger Arbeitsscheue, es sind unnütze Schmarotzerpflanzen am Baume des Lebens. Und wenn das ״Schnorren" in Deutschland und England ihnen zu beschwerlich wurde oder nicht entsprechend einbringt, dann — gehen sie nach Jerusalem und betheiligen sich an der Challuka (Vertheilung der Almosen) und lassen die Pekidim und Amerkelim (die europäischenSammler) für sich sorgen. Wieviele mögen darunter sein, denen — es ist empörend und schmachvoll — von ihren verlassenen Frauen im ״Hamaggid" Jahraus, Jahrein Steckbriefe nachgesendet werden? Und ihre Kinder und Nachkommen thun desgleichen. Wagt Ihr es im Angesichte unserer Zeit, dieses Thun für fromm, verdienstlich, Gott wohlgefällig zu halten? Warum thut Ihr denn nicht auch also mit Euren Kindern? Nicht also, Ihr haltet es für heilige Pflicht eines Europäers, sich einen Lebensberuf zu wählen, seinen Sohn einem würdigen Berufe zuzuführen und nicht eher eine Familie zu gründen, bis die Möglichkeit vorhanden ist, sie mit Gottes Hilfe zu ernähren und für die sittliche Erziehung —d. i. doch zur Thätigkeit — und das menschenwürdige Fortkommen der erzeugten Kinder Sorge zu tragen! Was für Europäer Pflicht ist, sollte für die Palästinenser es nicht sein? Wie ist uns denn? Hat nicht Einer der Eurigen einmal gesagt, daß der Aufenthalt in Palästina die Menschen veredle, sie besser, frömmer, gottgefälliger mache? Nun denn: Was gehört zur Sittlichkeit und Frömmigkeit? Ist nicht Arbeit, Thätigkeit heilige Pflicht? Dürfen wir die Menschheit der uns von Gott verliehenen Kräfte berauben? Ist es nicht, bei Gott, ein todeswürdiges Verbrechen, Kinder auf die Welt zu setzen, ohne den Willen zu haben, sie durch Arbeit zu ernähren, nach menschlicher Voraussicht für sie zu sorgen? Aber jetzt hungern sie! So antwortete uns auch ein edler verstorbener Freund (Dr. Gutherz von Ludwigshafen), als vor etwa 8 Jahren überall Tausende gesammelt wurden! Jetzt ist nicht Zeit, ״dagegen zu agitiren", hieß es damals. Aber nun ist es während dessen zum dritten oder vierten Male so! Ist das nicht ein ״Chillulhaschem"? Warum kommen nicht die Nothrufe der Christen und Muhamedaner? Wenn die politischen Blätter von der Hungersnoth und von den Sammlungen blos für Juden sprechen — was werden unsere nichtjüdischen Mitbürger dazu sagen? Liegt darin nicht die größte Gefahr für die Entwickelung der europäischen jüdi׳ schen Verhältnisse? Seit der soeben genannten ersten (?) uns erinnerlichen Hungersnoth sind wohl aus Europa mehr als eine halbe Million Gulden nach Palästina als Almosen gewandert! Sind während dessen bemerkbare Fortschritte in der Cultur, im Ackerbau, im Handel, in der Industrie gemacht worden? Eine Bevölkerung von etwa 20,000 Seelen, — so viel Juden sind höchstens im ganzen heiligen Lande, — die sich mit solchen vom Ausland herkommenden Hilssgeldern nicht aufzuraffen bemüht, die wieder und immer wieder, sobald eine Calamität erscheint, d. h. alle paar Jahre, herzzerreißende Hilferufe in die Welt sendet, ist an und für sich dem Untergange verfallen, verdient die Hilfe nicht! — Was ist aber zu thun? Wieder und imnrer wieder sagen wir: regelmäßige Organisation eines Comites, einer Behörde, einer gewählten Zahl von Vertrauensmännern, die alle cultivirbaren Kräfte erbarmungslos ausscheidet, d. h. die Alten und Kranken unterstützt, die Kinder erzieht und unterrichtet, die Arbeitsfähigen aber zur Arbeit anhült. Dies Ziel im Auge behalten mit ganzer Kraft; der ״Challuka" aber ein für alle mal mit allen erlaubten und möglichen Mitteln eilt Ende gemacht, das ist Pflicht, heiligste Pflicht!! — Und da wir doch einmal unsere Meinung sagen, so wollen wir dies, selbst auf die Gefahr hin, uns die ganze Meute auf den Hals zu laden, offen und ungescheut ganz thun: Gottbewahre uns, derVertrauenswürdigkeit der Einzelnen, welche sammeln, zu nahe treten zu wollen! Sollte, könnte aber nicht doch bis zu dem langen Ende, wo die Gaben in die Hände der Bedürftigen kommen, Etwas, ja sehr viel faul sein? Die ganze Organisation ohne jedwede Controls hat ihren Mittelpunkt in einem Manne, der über 90 Jahre zählt, Herr Lehren tu Amsterdam! Wer sammelt, wer addirt, wer spedirt, wer ver-